Debatte um den Zölibat Prophetischer Luxus

21.09.2016

Pflichtzölibat - ja oder nein? Muss es aufgrund von Priestermangel Reformen in der katholischen Kirche geben? Die neu entfachte Debatte kommentiert Regens Wolfgang Lehner.

Wolfgang Lehner ist Regens des Priesterseminars St. Johannes der Täufer in München. © privat

Wenn ich die schier endlose Debatte über den Zölibat verfolge, frage ich mich immer wieder: Wozu soll sie gut sein? Sollen der Zölibat aufgehoben und damit wie durch Zauberhand alle Schwierigkeiten der Kirche gelöst werden? Verlust des Glaubens, Ausdünnung der Gemeinden, Mangel an Priestern, pastoralen Mitarbeiter/innen und an engagierten Gläubigen? Ein Blick auf die evangelischen Kirchen zeigt die freundliche Naivität der Idee: Dort ist die Ehelosigkeit von Geistlichen freigestellt und damit faktisch aufgehoben. Die Herausforderungen sind dieselben wie bei uns.

Der Zölibat ist ein Problem. Er ist ein Stein des Anstoßes. Wir bräuchten aber nicht weniger solcher Steine, sondern mehr. Unsere Gesellschaft genügt sich immer mehr selbst und schottet sich ab, nach außen wie nach oben: Alles, was irgendwie anders ist, beunruhigt. Flüchtlinge, Migranten, Religionen. Wir bleiben am liebsten unter uns.

Sendung der Kirche ist, diese Selbstisolierung zu durchbrechen. Sendung der Kirche ist, die Fesselung an die Horizontale zu durchstoßen und auf die größere Wirklichkeit Gottes zu zeigen. In dieser Aufgabe stehen auch die Priester. Ihr Lebenszeugnis der Ehelosigkeit weist auf diese größere Realität Gottes hin: seine Liebe jenseits jeder Liebe, die wir Menschen uns vorstellen können.

Unsere Zeit, die immer gleichförmiger wird, braucht prophetische Zeichen. Sie braucht prophetische Menschen, die ihren Lebenssinn nicht aus Konsum und Unterhaltung ziehen, sondern aus ihrer Gottesbeziehung. Zu ihnen gehören Priester. Die Kirche wird klug beraten sein, das anstößige Zeichen priesterlicher Ehelosigkeit nicht um eines überschaubaren Vorteils willen aufzugeben.

Die endlose Diskussion um den Zölibat ist eine Scheindebatte. Sie lenkt von den wirklich drängenden Fragen ab: Wie können wir eine echte Berufung der Laien zum Apostolat fördern? Wie können wir den Ehepaaren und Familien helfen, ihren Glauben zu leben? Wie können wir überhaupt lernen, wieder über unseren Glauben zu sprechen? Wie können wir für suchende Menschen attraktiv werden? Das Taufbewusstsein der Christen wird nicht durch die Aufhebung des Zölibates geweckt.

Die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht an der Zölibats-Debatte. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich in Familienkreisen und ökumenischen Gebetstreffen, in Bibelrunden und engagierten Gremien, die sich ihrer apostolischen Aufgabe stellen und das verwirklichen, was das Konzil uns aufträgt: Freude und Hoffnung zu bezeugen.

Wenn die Kirche nicht in der säkularen „diversity“ untergehen will, wird sie sich weiterhin den prophetischen Luxus der priesterlichen Ehelosigkeit leisten.