30 Jahre Mauerfall Erst nach der Wende konnten Christen frei über Glauben sprechen

08.11.2019

Der Oberschleißheimer Pfarrer Ulrich Kampe ist in Magdeburg geboren und aufgewachsen. Und wenn er an den 9. November denkt, bekommt er immer noch leuchtende Augen.

Für Pfarrer Ulrich Kampe war der Mauerfall ein "unvergessliches Erlebnis"
Für Pfarrer Ulrich Kampe war der Mauerfall ein "unvergessliches Erlebnis" © SMB

München – Als die Mauer fiel, war Ulrich Kampe gerade in der Kirche. Er stand als Ministrant am Altar, als ein Mann in die Kirche kam, eine Opferkerze anzündete und den Umstehenden etwas zuflüsterte. „Da ging plötzlich ein Raunen durch die Bänke“, erinnert sich der heutige Oberschleißheimer Pfarrer. Oben am Altar kam natürlich nicht an, worum es ging. „Aber man konnte an den Gesichtern erkennen, das es etwas Schönes sein musste, denn die Menschen strahlten.“ Erst nach dem Gottesdienst erfuhr Kampe, was passiert war.

Als er zu Hause bei seinen Eltern ankam, saßen sie vor dem Fernseher. Sie konnten nicht glauben, was eben passiert war. Für Familie Kampe bedeutete der Mauerfall weit mehr als nur das Ende des Sozialismus. Als Christen hatten sie in der DDR einige Schikanen ertragen müssen. So durfte eine Tochter einmal nicht als Jahrgangsbeste das Schuljahr abschließen. Denn es konnte ja nicht sein, dass die „kleine Katholikin“ einen besseren Aufsatz geschrieben haben sollte als die Tochter des Parteisekretärs aus der Parallelklasse. Die Lehrerin der Tochter hatte der Familie das unter der Hand mitgeteilt.

"Von Gott gelenkt"

Ulrich Kampe selbst durfte kein Abitur machen. Erst nach seiner Ausbildung zum Modellbauer konnte er unter dem Vorwand, Technologie studieren zu wollen, an die Abendschule gehen. Als die Mauer fiel, hatte er gerade damit angefangen. Und so begann für ihn eine Zeit, „die von Gott gelenkt gewesen sein muss“, sagt der 50-Jährige heute. Denn nun konnte er nicht nur sein Abitur nachholen, sondern auch gleich anschließend ohne Probleme Theologie studieren. Das war von Anfang an sein Plan gewesen. „Theologie und Technologie – da sind ja nur ein paar Buchstaben anders“, lächelt er.

Doch erst einmal begann für ihn eine aufregende Zeit. Zwei Wochen nach dem Mauerfall fuhr er mit dem Kirchenchor aus Magdeburg nach Braunschweig. Mit der Pfarrei dort gab es eine Partnerschaft und eine erste Reise in den Westen war schnell organisiert worden. „Am Bahnhof wurden wir über Lautsprecher begrüßt“, freut sich Kampe noch heute. Das wäre in der DDR natürlich undenkbar gewesen. Seinen Glauben frei leben zu können – dieses Gefühl war für ihn ganz neu.

Nicht über den Glauben geredet

„Wir waren in der DDR eine eingeschworene Gemeinschaft.“ Die Jugendlichen sprachen untereinander zwar frei, aber wussten immer, dass wahrscheinlich einer dabei war, der das Gesagte nach außen trägt. Unter Gleichaltrigen galt er fast als Exot. Als er Grundschüler war, riefen ihm die Mitschüler „Kirchenmaus“ nach. Aber als er älter wurde, war das kein Thema mehr. „Man hat halt einfach nicht über den Glauben geredet – außer mit anderen Christen.“

Am Tag der Wiedervereinigung, am 3. Oktober 1990, war Kampe in Berlin, weil er dort für sein Abitur lernen musste. „Das war ein unvergessliches Erlebnis. Allerdings weiß ich seitdem, dass ich keine großen Menschenmengen mag.“ Denn die Sektkorken knallten um ihn herum und das Getränk landete nicht nur in Gläsern, sondern auch auf der Kleidung und überhaupt war ihm das alles etwas zu viel. Aber eine großartige Erinnerung bleibt es trotzdem.

Pfarrer als Brückenbauer

Während seines Studiums ging er für ein Semester nach München. Das Leben in Bayern hat ihm so sehr gefallen, dass er hier bleiben wollte. Sein Bischof war zwar nicht sehr begeistert, als er ihm erzählte, dass er dauerhaft fortgehen möchte, doch 2005 wurde er schließlich von Kardinal Friedrich Wetter zum Priester geweiht. Nun ist er bereits seit elf Jahren Pfarrer in Oberschleißheim. Dort engagiert er sich vor allem für Benachteiligte, zum Beispiel als Kuratoriumsvorsitzender bei der Caritas Schleißheim-Garching. Hier unterstützt er die Aktion „Menschen in Not – Oberschleißheim hilft Oberschleißheimern“ und setzt sich für den „Oberschleißheimer Tisch“ und den Asylhelferkreis ein.

Heute versteht sich der Pfarrer oft als Brückenbauer. Wenn er in seiner Pfarrei auf Entwicklungen im Osten angesprochen wird, versucht er zu erklären, wie die Menschen denken. Kürzlich hat er einige Jugendliche aus seiner Pfarrei mit nach Magdeburg genommen. Dort haben sie Altbischof Leo Nowak getroffen, der lange mit ihnen darüber gesprochen hat, wie es sich als Katholik in den neuen Bundesländern lebt und wie es in der ehemaligen DDR war. „Dass ein Bischof sich so lange Zeit für Jugendliche nimmt, war eine Erfahrung, die sie so nicht erwartet hatten,“ erzählt Pfarrer Kampe.

Seine Mutter, die noch heute in Magdeburg lebt, hat ihn kürzlich dort mit in die Kirche genommen. „Sie wollte schon eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes dort sein. Ich habe das gar nicht verstanden. Aber als wir ankamen, war die Kirche voll“, freut sich der Geistliche. Zwar ist die Anzahl der Christen in den neuen Bundesländern nicht gestiegen. Aber die, die dort sind, leben ihren Glauben heute in Freiheit.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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