Missbrauchsprävention Balanceakt zwischen Schutz und Freiheit

04.06.2020

Nach jahrelanger Feinarbeit präsentiert Kolping sein Schutzkonzept gegen Missbrauch. Letzte Lücken sollen damit nun geschlossen werden.

Mädchen hält offene Hand vor sich auf der "Stop" steht.
Kinder und Jugendliche schützen - das will das diözesane Kolpingwerk und hat sein Konzept zur Missbrauchsprävention fertig gestellt. © motortion - stock.adobe.com

München – Seinen Einstand im Kolpingwerk hatte er sich anders vorgestellt. Als Matthias Schneider vor gut vier Jahren seine Tätigkeit als Jugendbildungsreferent beginnt, wird er sofort mit dem Thema Missbrauch konfrontiert. Zu diesem Zeitpunkt steht für die Verantwortlichen im Kolpingwerk München und Freising bereits fest, dass ein Schutzkonzept für den gesamten Verband notwendig ist. Sowohl in den Kolpingsfamilien als auch in der Kolpingjugend gibt es viele Kinder und Jugendliche, die man juristisch als Schutzbefohlene bezeichnet. Und weil Schneider für die Jugendarbeit zuständig ist, wird er automatisch in das Team berufen, das die Präventionsmaßnahmen in einem Konzept bündeln soll.

Schwarz-weiß Denken hilft nicht weiter

Die Aufgabe entwickelt sich für ihn schwieriger als gedacht. „Je mehr man sich damit beschäftigt hat, desto mehr wurde klar, wie groß dieses Thema ist“, erinnert sich Schneider. Durch die Zusammenarbeit mit Fachberatungsstellen und der Präventionsstelle im Erzbischöflichen Ordinariat habe sich der Dschungel dann gelichtet. Mit der Hilfe von Experten konnte das Team klären, welche Schritte zu unternehmen sind, wenn ein Verdacht auf Missbrauch besteht. Das habe ihm damals sehr viel Sicherheit gegeben, erklärt Schneider. Gleichzeitig sei ihm klargeworden, dass man nicht standardisiert vorgehen könne. Auch mit einem Schutzkonzept blieben die Fälle unterschiedlich. „Bei der Abgrenzung zwischen schwarz und weiß gibt es viel hell- und dunkelgrau.“ Gerade junge Menschen wollten sich ausprobieren und auch mal über die Stränge schlagen. Jugendliche täten Dinge, die nicht erlaubt sind, oft aus Absicht. Da stelle sich die Frage, wie streng man sein kann und wie viel Freiraum man ihnen lässt.

Präventionslücken schließen

Diese Erkenntnis führt schließlich zu dem roten Faden für das Schutzkonzept: „So viel Schutz wie möglich, aber auch so viel Freiheit wie möglich“, bringt es Diözesanreferent Massimo Zanoner auf den Punkt. „Wenn wir nur noch schützen wollten, ohne auch an die Möglichkeiten des Ehrenamts zu denken, könnten wir uns selber auch viele Steine in den Weg legen.“ Wichtig sei, dass es vom Mitglied bis zum Hautamtlichen eine Sensibilisierung für die Themen Missbrauch und Grenzverletzungen gebe. Wer bei Kolping Verantwortung trage, sei dafür schon lange vor dem Schutzkonzept geschult worden, betont Zanoner. Dennoch müsse noch eine Lücke geschlossen werden, ergänzt Schneider. Nach Einführung des Konzepts sollen auch alle Ehrenamtlichen eine Präventionsschulung durchlaufen. Wann diese Kurse starten können, steht allerdings noch in den Sternen. Eigentlich wollte man Anfang Mai das Schutzkonzept auf der Diözesanversammlung beschließen. Diese wurde wegen Corona auf Oktober verlegt. Das Virus schickt also auch die Präventionsbemühungen bei Kolping erst einmal in eine Zwangspause.

Podcast-Tipp

Kolpingstunde Kolping gehört zu den großen katholischen Verbänden. In dieser Sendung  wird über aktuelle Themen aus der Familien- und Bildungsarbeit gesprochen. Und natürlich kommt auch das Engagement der Kolpingjugend nicht zu kurz. > zur Sendung

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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