Brauchtum Kirchweih als Fest der lebendigen Steine

16.10.2020

Ohne Gläubige ist eine Kirche nur ein schönes Gebäude. Erst die Menschen füllen es mit Leben. Das darf und soll an Kirchweih gefeiert werden.

Mariahilfkirche am Mariahilfplatz mit Kettenkarussell
Kirchweih darf und soll gefeiert werden. © imago images / Ralph Peters

Auch heilige Geburtstage können eine Riesengaudi sein: Da dürfen Menschen schlemmen, tanzen, spielen und etwas über den Durst trinken. Das Jahresgedächtnis einer Kirchweihe haben die Christen in Jerusalem schon um das Jahr 384 begangen, wie die Pilgerin Egeria in ihrem berühmten Reisetagebuch schildert. Die festfreudigen Bayern hatten also eine gute historische Grundlage, den Weihetag ihrer Kirche zu feiern. Davon waren sie aber auch überzeugt, ohne jemals etwas von der lateinischen Schriftstellerin gehört zu haben.

Zu viel gefeiert

Bis 1866 hat jedes Dorf für die Kirchweih die Kegelbahn geputzt, eine „Hutschn“, also eine Schaukel, aufgebaut und den Tanzboden freigegeben. Wenn kein historisches Datum der Weihe vorlag, haben die Gläubigen eben ein passendes gesucht. Weil es aber viele Dörfer und viele Gotteshäuser gibt, fürchtete die Obrigkeit von Kirche und Staat, dass die Menschen vor lauter Feiern nicht mehr zum Arbeiten und auch nicht zum Beten kämen. Denn bei einer Kirchweih war ja auch die Einwohnerschaft der umliegenden Dörfer zu Gast.

Das wurde dem Klerus und den Politikern schließlich zu viel und sie verfügten einen Sammeltermin für alle Kirchweihfeste, den dritten Sonntag im Oktober. Dann würde wenigstens nur an einem Tag im Jahr und überall gleichzeitig über die Stränge geschlagen. So ganz hat das nie geklappt. Viele Pfarreien haben danach trotzdem noch ihren eigenen Kirchweihtag auch mit ganz weltlichen Lustbarkeiten weitergefeiert und den offiziellen Festtag noch zusätzlich. Aber der allgemeine Kirchweihsonntag im Oktober hat es immerhin ins allgemeine Bewusstsein geschafft.

Kirchweih

Wenn Katholiken Kirchweih feiern, denken sie an den Kirchenbau, für den sie – darin beheimatet – dankbar sind. Dieser konkrete Ort ist neben dem Ort des Gebets Verdichtungsort: Menschliches Leben ersehnt hier Berührung mit der Herrlichkeit Gottes durch die Sakramente, durch das Hören und Verstehen des Gotteswortes. Kirchen sind dadurch Bekenntnisorte: Dies- und Jenseits sind eine Einheit; dem sterblichen Menschen wird je neu die Botschaft des Trostes, der Freude, der Hoffnung, des Durchhaltens, letztlich der Vollendung in Gott verkündet. Diese guten Nachrichten richten sich an alle; somit sind Kirchen Sammlungsorte: Hier entsteht durch den Ruf Christi die geistliche Familie Gottes, die Nationalismus überwindet, die ein Zeichen der Einheit aller Menschen sein will. In diesem Sinn sind Kirchen Signalorte: „Weg mit ausgrenzenden Ideologien, weg mit dem Rassismus, der tötet und widergöttlich ist!“ Unsere Kirchen sind letztlich Einheitsorte der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, ja Friedensorte der Gemeinschaft unter den Menschen. Lasst uns mit diesem Hintergrund Kirchweih feiern, beten wir dabei auch für unseren Papst Franziskus und unseren Erzbischof Reinhard – sie stehen als Hirten der Kirche in unserer Zeit in unseren Breiten vor. (Björn Wagner, Pfarrer und Leiter des Pfarrverbands Trudering und der Pfarrei Christi Himmelfahrt)

Räume mit Leben füllen

Leidenschaftlich gefeiert wird er aber nur noch selten und das ist schade. Denn die Gläubigen hätten guten Grund, sich an diesem Fest besonders zu freuen. Natürlich gilt der Kirchweihsonntag der Erinnerung, dass hier ein Gebäude „weltlicher Zweckbestimmung entzogen und für den Gottesdienst bestimmt“ wurde, wie das Lexikon für Theologie und Kirche definiert. Aber, was wären diese Räume und oft einzigartigen Architekturen ohne Menschen, die dort hinkommen? Was wären sie ohne diejenigen, die diese Gebäude erhalten und pflegen, und das nicht nur, weil es hier ein Denkmal zu schützen gilt?

Deshalb dürfen sich die Gläubigen an Kirchweih auch selbst feiern. Sie sind die lebendigen Steine. Ohne sie wären die prächtigsten Gotteshäuser nur wie verlassene Schlösser: schön, eine Touristenattraktion, aber im Innern weitgehend tot, ihrer ursprünglichen Idee völlig entfremdet.

Geschenk an die ganze Gesellschaft

Gläubige sind sie aber nicht nur im Haus Gottes, sondern auch darüber hinaus. Allein im Erzbistum München und Freising kümmern sich über 200.000 Frauen und Männer, dass ihre Gemeinschaften lebendig sind und auch nach außen wirken, zum Wohle aller. Sie sorgen dafür, dass der Mesner Unterstützung beim Putzen oder für den Blumenschmuck bekommt. Genauso achten sie auch darauf, dass die Finanzen stimmen, damit die Kirchen erhalten und offen bleiben können, ein Ort der Einkehr und der Stille, die jedermann unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit aufsuchen kann. Sie pflegen alte Streuobstwiesen oder helfen mit, dass die Pfarrei einen Kindergarten unterhalten kann. Viele kirchliche Ehrenamtliche haben in den vergangenen Monaten Einkaufsdienste für ihre auch nichtchristlichen Nachbarn auf die Beine gestellt, vor Altenheimen gesungen, Briefe verteilt oder Anrufketten organisiert, die besonders den Vereinsamten und Kranken Mut zugesprochen haben.

Dass sich diese Menschen verantwortlich für ihren Nächsten und ihre Umwelt fühlen, ist ein Geschenk an die ganze Gesellschaft. Ebenso, dass es Kirchen gibt, in denen sie in Gemeinschaft und vor Gott Kraft für ihren Glauben sammeln. Das darf und muss gefeiert werden, auch mit Fröhlichkeit und ruhig wieder einmal mit einer Riesengaudi, wenn die Corona-Pandemie einmal vorbei ist.

Kirchweih-Veranstaltungen

Auer Kirchweihdult: Die Planungen für die diesjährige Auer Kirchweihdult laufen auf Hochtouren. Mit einem Hygienekonzept darf das Fest am Münchner Mariahilfplatz vom 17. bis 25. Oktober stattfinden. Die Besucher dürfen sich auf 140 Stände freuen, die von Antiquitäten bis zu außergewöhnlichen Souvenirs nahezu alles im Angebot haben. Auch ein paar Fahrgeschäfte soll es geben und natürlich jede Menge Essensstände, von deftigen Leckereien bis zu süßen Nachspeisen, irgendetwas ist für jeden dabei.

Bad Feilnbacher Kirta: Mit einem Kirta-Markt am Rathausplatz, der von Schmuck über Holzkeramik bis hin zu Dekoideen für Haus und Garten reicht, beginnt das Kirchweihfest in Bad Feilnbach am Samstag, 17. Oktober. Von 10 bis 17 Uhr kann das vielfältige Angebot bestaunt und auch erworben werden. Den Abschluss bildet am Sonntag, 18. Oktober, von 10 bis 12 Uhr die „Kirta am Musikpavillon“ mit tatkräftiger Unterstützung der „Jugendund Aktivengruppe des GTEV d‘Jenbachtaler“, den „Feilnbach Goaßlschnoizern“ und dem Kinderchor.

Kirtanudelverkauf in Griesstätt: Das Kirtafest des Griesstätter Trachtenvereins kann heuer aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden. Als Ersatz wird es aber einen Verkauf der traditionellen Kirtanudeln geben. Am Sonntag, 18. Oktober, können diese von 10 bis 16 Uhr im Eckergarten erworben werden.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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