Heiligenbildchen Pfundskerle und Powerfrauen

29.10.2020

Der Heiligenhimmel von Hans Gärtner scheut das Licht. Darum ist er in Schachteln und Alben untergebracht. Rund 600 Bilder von Antonius bis Zeno hat der ehemalige Pädagogikprofessor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gesammelt.

In Schablonen-Arbeit gefertigt: Bild der heiligen Barbara
In Schablonen-Arbeit gefertigt: Bild der heiligen Barbara © MK

An vielen ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen, und sie brauchen eine schonende Behandlung. Manche der Heiligenbildchen sind über 300 Jahre alt, der Sammelschwerpunkt liegt auf der Epoche zwischen 1750 und 1850, als die Blätter noch von Kupferstichplatten abgezogen und massenhaft verbreitet wurden. Aber auch Farbdrucke mit einem feinen Rahmen aus Papierspitzen oder alte Postkarten mit Heiligenporträts hat Gärtner nicht in den Antiquariaten oder auf den Flohmärkten liegen lassen, die er seit über 50 Jahren besucht. Manche Objekte sind durchaus kostbar, „für handgeschnittene Spitzenbilder hat man schon früher 200 Mark hinblättern müssen“, erklärt Gärtner.

Andere Bildchen sind dagegen schnell und manchmal auch „gschlampert“ gemacht worden. Über die Kupferstiche haben Frauen und Männer oft in Heimarbeit Schablonen gelegt und mit Farbe versehen, damit die Maria einen blauen Mantel und das Jesuskind einen Heiligenschein und rote Lippen bekam. „Bei einem solchen kolorierten Kupferstich in meiner Sammlung sieht man noch, wie die Schablone zu schnell weggezogen worden und noch ein blauer Wischer zurückgeblieben ist.“

In den Geldbeutel eingenäht

Das macht Gärtner aber nichts aus, im Gegenteil, solche Blätter sind ihm sogar besonders lieb, wenn sie Spuren des Herstellungsprozesses tragen. Noch kostbarer sind ihm Blätter, die Gebrauchsspuren aufweisen, „also wenn da ein 150 Jahre alter Fettfleck drauf ist oder die Fingerabdrücke einer Bauernhand“. Denn daran lasse sich erkennen, dass die Besitzer mit diesen Bildern verbunden waren, dass sie im doppelten Wortsinn „hergenommen“, immer wieder betrachtet und zum Beten benutzt wurden. „Mein Vater hat sich das Bild seines Namenspatrons sogar in den Geldbeutel eingenäht“, erinnert sich der 81-jährige Gärtner: „Die Heiligen haben den Menschen damals viel bedeutet.“

Sankt Josef ist von den Gläubigen oft in den letzten Lebensstunden als Schutzpatron der Sterbenden angerufen worden: „Wenn sie dann sein Bild in der Hand hielten, haben sie keine Genesung erwartet, sondern einen inneren Halt.“ Dass Heilige auch heute noch eine Stütze sein und in welchen Nöten Menschen sie anrufen können, möchte Gärtner in seinem neuen Büchlein zeigen. „Radl, Hackl, Turm und Wurm“ lautet der Titel. Dazu hat er alte Kupferstiche aus seiner Sammlung, aber auch viele Fotos ausgewählt, die er auf seinen Fahrten gemacht hat. Bewusst hat er die Darstellungen von 50 Heiligen ausgesucht, die besonders in Altbayern Verehrung finden.

Flotte Texte

Ursprünglich stand auch der Winzerpatron Urban in der Auswahl: „Der ist aber natürlich in Franken viel beliebter und darum habe ich ihn gegen den Bruder Konrad von Parzham ausgetauscht, den ich beinahe vergessen hätte.“ „Pfundskerle“ und „Powerfrauen“ nennt Gärtner die von ihm ausgesuchten Heiligen. Er hat für sie flotte und kurze Texte geschrieben, in denen sich die himmlischen Frauen und Männer in der Ich-Form vorstellen. Darunter, in einem abgesetzten Kasten, ist zusammengefasst, in welchen Anliegen der oder die Heilige hilft und an welchen Kennzeichen sie zu erkennen sind: Barbara-Darstellungen sind mit einem Turm verbunden, Wolfgang hält ein Beil oder Hackl in der Faust, neben Margarete ist ein Drachen oder Wurm zu finden und neben Katharina ein Rad.

Für Letztere hat sich Gärtner noch etwas Besonderes ausgedacht und ein kleines Mäppchen mit zwölf Katharinenbildern aus seiner Sammlung drucken lassen, die sich als Postkarten verschicken lassen. Diese Heilige liegt ihm besonders am Herzen: Sie ist die Schutzpatronin der Eichstätter Universität, die Patronin des soeben renovierten Mühldorfer Katharinenkirchleins, in dessen Nähe er lebt, und die Namenspatronin seiner Tochter. Noch wichtiger ist ihm allerdings der heilige Antonius von Padua, „weil ich immerzu etwas verlege“. Da der Franziskaner auch für verlorene Sachen zuständig ist, bittet ihn Gärtner jede Woche mehrmals um Unterstützung „und er hilft tatsächlich beim Wiederfinden“. Vielleicht, weil es sich mit einem Heiligen im Rücken weniger aufgeregt und mit genauerem Blick suchen lässt.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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