Private Seenotrettung 100 Menschen aus Mittelmeer gerettet

28.08.2019

Der Münchner Claus-Peter Reisch ist als Kapitän mit dem privaten Seenotrettungsschiff „Eleonore“ im Mittelmeer unterwegs und hat 100 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Italien und Malta verweigern ihm zunächst die Einfahrt in einen sicheren Hafen.

Archivbild: Menschen in Seenot
Archivbild: Menschen in Seenot © imago images/epd

München – „Das Schlauchboot war einem ganz schlechten Zustand. Die Menschen haben die defekten Luftkammern mit den Händen nach oben gehalten, damit kein Wasser reinläuft. Das ist eine sehr gefährliche Situation.“ So beschreibt Claus-Peter Reisch gegenüber mk online die entscheidenden Minuten auf hoher See. Der Münchner ist als Kapitän mit der Motoryacht „Eleonore“ auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Über 100 Geflüchtete konnten er und seine Crew aus dem kenternden Schlauchboot bergen und an Bord bringen.

Immer das gleiche "Spiel"

Nun warten sie vor der Küste Malta darauf, in einen sicheren Hafen einlaufen zu dürfen. Für die privaten Seenotretter ist es inzwischen das immer gleiche Spiel: Sie helfen Menschen in Seenot, aber Italien und Malta, wo die nächsten Häfen sind, verweigern ihnen die Einfahrt. Legen sie trotzdem an, begehen sie eine Straftat. Jüngst hatte das Beispiel der Kapitänin Carola Rackete für Aufsehen gesorgt. Und auch Reisch selbst stand in Malta schon vor Gericht, weil er Geflüchtete dort an Land gebracht hatte, nachdem er mit ihnen 14 Tage lang auf hoher See ausharren musste.

„Mehrere Tage geht es dieses Mal nicht“, sagt Reisch jetzt. Das Boot sei klein und für so viele Menschen nicht ausgelegt. „Sie können sich noch nicht mal richtig ausstrecken, um in der Nacht zu schlafen.“ Wenn sie in absehbarer Zeit in keinen Hafen einlaufen dürften, sehe er sich gezwungen, irgendeine Eskalationsstufe zu ergreifen. „So weit, dass ich mich über den europäischen Gerichtshof in einen Hafen einklage oder mich selbst zum Seenotfall erkläre.“ Ein Interesse daran habe er aber nicht. „Wir sind mit der deutschen Bundesregierung im engen Kontakt und hoffen, dass es eine pragmatische Lösung gibt.“

Audio

Claus-Peter Reisch zur Lage auf der Eleonore

Münchner Kirchenradio

Kategorie: Aktuelles
ID: 1
Kategorie: Aufmacher Startseite
ID: 16
Kategorie: auf News-HP anzeigen
ID: 101
Hauptkategorie: Aktuelles
ID: 1
Kapitän Claus-Peter Reisch
Kapitän Claus-Peter Reisch © SMB

Retten ist Christenpflicht

Besonders mit dem Verhalten des italienischen Innenministers Matteo Salvini kann Claus-Peter Reich nichts anfangen. „Der rennt immer mit einem Kreuz um den Hals rum und einem Rosenkranz in der Hand. Da fehlt mir das Verständnis, weil mein Verständnis vom Christentum ist ein völlig anderes.“ Die Menschen, die vor den oft unmenschlichen Zuständen der Flüchtlingslager in Libyen fliehen, zu retten, das sei Christenpflicht, so Reisch. Deswegen „wünsche ich mir, dass Kardinal Reinhard Marx auch zu dieser Situation wieder eines seiner starken Statements abgibt.“ Der Münchner Erzbischof hat sich mehrmals für private Seenotrettung ausgesprochen und dafür auch schon Geld gespendet.

Die Situation an Bord der „Eleonore“ war laut Claus-Peter Reisch bisher weitgehend ruhig. „Die Menschen schütteln mir die Hand und sagen `Gott segne dich`. Sie sind dankbar, dass Gott ihnen sozusagen einen zweiten Geburtstag geschenkt hat.“ Die medizinischen Probleme seien zum Beispiel offene Beine und Krätze. Aber auch halbverheilte Schusswunden fielen Claus-Peter Reisch auf. „Unser Mediziner an Bord kümmert sich hervorragend um die Menschen.“

Update

Nach acht Tagen auf See hat Claus-Peter Reisch die "Eleonore" am Montagmorgen zu einem Seenotfall erklärt. In der Nacht hatte es ein schweres Gewitter gegeben und das Deck sei überflutet gewesen. Das Schiff darf nun im Hafen von Pozzallo auf Sizilien anlegen, wo die über 100 Geflüchteten an Land gehen dürfen und versorgt werden. Die italienische "Guardia di Finanza" (Finanzpolizei) beschlagnahmt das Schiff für weitere Ermittlungen.

7§§Für die Sendung Hauptsache Mensch hat Brigitte Strauß-Richters ein ausführliches Gespräch mit Claus-Peter Reisch geführt. Es ging um seine Motivation, als Seenotretter auf dem Mittelmeer unterwegs zu sein und um die Rolle, die Kirche seiner Meinung nach bei dem Thema spielen sollte.

Der Autor
Lukas Schöne
Radio-Redaktion
l.schoene@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Kardinal Reinhard Marx lädt ein zum ökumenischen Gottesdienst für die Toten im Mittelmeer.
© EMF

Seenotrettung Ökumenischer Gottesdienst für die Toten im Mittelmeer

Kardinal Reinhard Marx lädt ein zum ökumenischen Gottesdienst für die auf der Flucht im Meer Umgekommenen und ihre Angehörigen. Auch den Rettern soll gedankt werden.

11.12.2019

2017: Ein überfülltes Boot wird von der Sea Watch 3 gerettet
© Rene Traut - imago images

EKD kauft Rettungsschiff Es geht um Menschenleben

Ein Schiff der evangelischen Kirche wird Menschen vorm Ertrinken im Mittelmeer retten. Zeit für ein ökumenisches Projekt der Seenotrettung, meint Céline Kuklik.

17.09.2019

© imago-epd

München am Mittag Sterben im Mittelmeer darf so nicht weitergehen

Der Kapitän des Seenotrettungsschiffes „Lifeline“, Claus-Peter Reisch, ist zu Gast im Münchner Kirchenradio.

10.12.2018

Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch
© SMB

Seenotretter dankt Kardinal Marx Lifeline-Kapitän Reisch: "Am liebsten unter vatikanischer Flagge"

Kardinal Marx habe mit seiner 50.000 Euro-Spende ein starkes Zeichen gesetzt, dass es mit dem Sterben auf dem Mittelmeer so nicht weitergehen dürfe, betont Kapitän Claus-Peter Reisch im Gespräch mit...

09.12.2018

Claus-Peter Reisch Leben retten ist Christenpflicht

Mehr als 1000 Menschen haben der Kapitän der "Lifeline" und seine Crew vor dem sicheren Ertrinken bewahrt. Jetzt steht der gebürtige Münchner in Malta vor Gericht......

09.12.2018

© SMB

Total Sozial Kirche und Integration

Proteste gegen die Asylpolitik der CSU, Diskussionen um die privaten Seenotretter im Mittelmeer: Die Debatten um Integration und Flüchtlinge haben in den letzten Wochen mal wieder einen Höhepunkt...

30.07.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren