Geboren im Ersten Weltkrieg 101-jährige Frau über Zeitempfinden

21.11.2018

101 Jahre alt ist Annemie Dahse. Doch die quirlige Frau hat noch viel vor. Im Gespräch erzählt sie, wie man so alt wird und wie schnell die Zeit für sie bisher vergangen ist.

Annemie Dahse in ihrem aktuellen Zuhause
Annemie Dahse in ihrem aktuellen Zuhause © St. Gisela Gräfelfing

Gräfelfing – Frau Dahse sitzt zusammen mit zwei weiteren Bewohnerinnen des Sankt Gisela-Seniorenheims in Gräfelfing am Tisch und trinkt Kaffee. Als ich sie begrüßen möchte, steht sie aus Höflichkeit auf und dabei tropft ein klein wenig Kaffee auf ihre Bluse. Sie entschuldigt sich sogleich, und hofft, dass mich der Kaffeefleck nicht stört. Ich verneine höflich und wir gehen in ihr Zimmer gleich nebenan. „Also jetzt Sind's da, na dann Stelln's mir ihre Fragen“, sagt Frau Dahse.

Eine Geburt im Kaiserreich

Frau Dahse ist im Jahr 1917 geboren, genau an dem Tag, an dem die USA Österreich-Ungarn den Krieg erklären. Es ist die Endphase des Ersten Weltkriegs. „Ich bin in Mühldorf am Inn aufgewachsen und habe dort eine tolle Kindheit gehabt“, sagt sie, „eine meiner ersten Erinnerungen ist, wie ich mit meinem Vater durch die Straßen gehe und er mir eine Schaumwaffel kauft.“ Sie ist gut in der Schule und soll aufs Gymnasium kommen, doch die Mutter wiegelt ab. „Die Mama hat immer gsagt, dass i erst was gscheits lernen soll“, sagt Annemie Dahse.

Sie bewirbt sich als Modeschneiderin und geht vom kleinen Mühldorf in das große Berlin. Dort lebt sie, während sich der Nationalsozialismus in Deutschland ausbreitet und schließlich der Krieg beginnt. „Die Nächte in den Bombenschutzkellern, das vergesse ich nicht. Das war schlimm. Wir sind dann nach Würzburg gezogen. Dort ham mer noch ein paar ruhige Jahre gehabt“, sagt Frau Dahse mit ihrem bayerischen Akzent, „doch auch dann sind die Amerikaner gekommen mit ihren Bomben.“ Während sie mir das erzählt, verändert sich ihr Blick. Auch 70 Jahre später ist diese Erfahrung immer noch so präsent.

Sie lernt in Berlin ihren Mann kennen, einen Arzt. Das Paar heiratet 1946. Zwei Jahre später kommt ihre einzige Tochter zur Welt, die vor kurzem ihren 70. Geburtstag feierte. „Ja, das ist schon was Besonderes, wenn die Tochter 70 wird“, betont Frau Dahse.

Die Zeit vergeht wie im Flug

Ich frage gleich nach, ob sie der Meinung sei, dass ihr Leben bisher schnell vergangen sei. Sie antwortet: „Absolut! Ich bin so schnell so alt geworden. Ich hoffe einfach nur, dass ich noch ein paar Jahre hab. 110 würde ich schon gerne werden.“ Frau Dahse sagt das ohne Ironie oder Naivität. „Natürlich muss das Hirn noch mitmachen und laufen würde ich auch noch gerne können. Aber zur Not hab' ich ja mein Steckerl.“

Das klingt für mich frustrierend und hoffnungsvoll zugleich. Denn einerseits ist es schon erstaunlich, dass die Zeit auch für eine ältere Dame wie im Flug vergangen ist. Andererseits stimmt es mich fröhlich, dass die gleiche Frau deswegen noch etliche Jahre dranhängen will. „Älterwerden ist nicht schlimm. Das ist eigentlich sogar was sehr schönes“, sagt Frau Dahse, „man muss halt immer was zu tun haben und Menschen haben, mit denen man sich austauschen kann.“

Was das wichtigste für sie im Leben gewesen sein, will ich noch wissen. „Familie“, sagt sie, „man tauscht sich aus, man unterstützt sich, man gibt sich gegenseitig Sinn. Sogar wenn der Partner mal sagt: Also so wie du des grad machst, kannst es echt net machen.“

Das Einzige, was Frau Dahse so richtig bereut, ist, nicht noch mehr Kinder gehabt zu haben: „Eine Tochter ist im Nachhinein zu wenig.“ Als ich sie frage, wofür sie sich im Leben zu wenig Zeit genommen hat, denkt sie kurz nach und sagt dann: „Das kann ich ihnen gar nicht so genau sagen, i hab ja immer so viel zu tun gehabt.“

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Schwester André Randon steht in einem Garten und lächelt in die Kamera.
© EHPAD Sainte Catherine Labouré

Schwester André Randon aus Frankreich Älteste Ordensfrau der Welt wird 116 Jahre alt

Zehn Päpste und zahlreiche Kriege und Katastrophen hat Schwester André Randon erlebt. Mittlerweile ist sie erblindet und sitzt im Rollstuhl. Doch in ihren körperlichen Beschwernissen sieht sie keinen...

10.02.2020

Der Besuchsdienst mit Hund der Malteser macht alten und behinderten Menschen eine Freude.
© Malteser

Malteser Hilfsdienst Hunde bringen Freude

Im Alter einsam sein – das ist eine schreckliche Vorstellung. Mit seinen Besuchs- und Begleitdiensten will der Malteser Hilfsdienst Senioren und behinderten Menschen eine Freude machen. Dabei kommen...

23.01.2020

Kleine Patienten der kindermedizinischen Ambulanz überraschten Papst Franziskus mit einer Torte.
© imago

Keine Feierlichkeiten im Vatikan Papst wird 82

Papst Franziskus hat am Montag Geburtstag. Für ihn wird es voraussichtlich ein Arbeitstag wie jeder andere. Geburtstagstorten gab es bereits.

17.12.2018

"Ein ständiges, sich wiederholendes Aneinanderreihen von neuen Momenten"
© christina_conti - stock.adobe.com

Begegnung mit Godehard Brüntrup Ewiges Leben, ewige Langeweile?

Ein Satz, der hängen bleibt: Wir können die Zeit verlangsamen, wenn wir bewusster in der Gegenwart leben. Ein Gespräch mit dem Jesuiten und Philosophen Godehard Brüntrup über irdische und himmlische...

23.11.2018

© Ingo Bartussek

Neue Erkenntnisse Altern – eine Gewinn- oder Verlustrechnung?

Zwischen 60 und Mitte 80 kann eine richtig gute Lebensphase kommen. Was aber ist entscheidend für die Lebensqualität?

20.11.2018

© imago/epd

Hospizdienst Malteser Einfach Zeit schenken

Der Hospizdienst der Malteser begleitet sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg. Die Ehrenamtliche Bettina Grosselfinger sagt: Diese Aufgabe ist ein Geschenk.

19.11.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren