Abschlussbericht in Regensburg 547 Domspatzen wurden misshandelt

18.07.2017

In Regensburg wurde am Dienstag der Abschlussbericht zum Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen vorgelegt. Das Münchner Kirchenradio war vor Ort.

Abschlussbericht zum Missbrauch bei Regensburger Domspatzen vorgelegt.
Abschlussbericht zum Missbrauch bei Regensburger Domspatzen vorgelegt. © fotolia/lenetsnikolai

Regensburg – Die Untersuchung der Misshandlungs- und Missbrauchsvorwürfe beim weltberühmten Chor der Regensburger Domspatzen ist nach zwei Jahren beendet: Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547. Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von rund 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht.

Demnach haben 500 Domspatzen seit 1945 körperliche Gewalt erlitten, 67 sexuelle Gewalt. Betroffen sind laut Bericht alle Institutionen, also Schulen, Internate und die Musikerziehung. Von den als "hoch plausibel" ermittelten 49 Tätern seien 9 sexuell übergriffig geworden. Unter den Tätern seien Internatsdirektoren, ein Vorschuldirektor, Präfekten und viele Angestellte vertreten.

Schwerpunktmäßig haben sich die Taten in den 1960er und 1970er Jahren ereignet. Bis 1992 sei durchgängig von körperlicher Gewalt berichtet worden. Die Opfer hätten die Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen als "Hölle", "Gefängnis" oder "Konzentrationslager" beschrieben, heißt es. Physische Gewalt sei "alltäglich, vielfach brutal" gewesen, zwischen Regelverstößen und Strafen habe "meist ein grobes Missverhältnis" bestanden. Alle Vorfälle seien zu ihrer Zeit "mit wenigen Ausnahmen verboten und strafbar" gewesen.

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Das Münchner Kirchenradio war vor Ort, als der Abschlussbericht vorgestellt wurde.

Sonderermittler Ulrich Weber hat den Abschlussbericht vorgestellt.
Sonderermittler Ulrich Weber hat den Abschlussbericht vorgestellt. © SMB/Rauch

Verantwortungsträger wussten von Gewaltvorfällen

"Nahezu alle Verantwortungsträger" bei den Domspatzen hätten zumindest ein "Halbwissen" von den Gewaltvorfällen gehabt, am Thema jedoch wenig Interesse gezeigt. Der Schutz der Institution habe im Vordergrund gestanden. Opferschicksale seien ignoriert, Beschuldigte teilweise geschützt worden, hieß es. Insbesondere "Domkapellmeister R." sei sein "Wegschauen" und fehlendes Einschreiten "trotz Kenntnis" vorzuwerfen. Es hätten sich jedoch keine Erkenntnisse ergeben, dass R. von sexueller Gewalt gewusst habe, präzisierte Weber auf Nachfrage. "Pflichtverstöße" der Eltern und "Versäumnisse" der kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden hätten mit dafür gesorgt, dass keine Maßnahmen gegen die Gewalt ergriffen worden seien.

Webers Bericht hält fest, dass "Bischof M." im Jahr 2010 den Aufarbeitungsprozess initiiert habe. Der Bischof habe jedoch die Verantwortung für "strategische, organisatorische und kommunikative Schwächen" in diesem Prozess. Diese seien unter seinem Nachfolger, "Bischof V.", behoben worden. Mitte 2015 habe mit der Beauftragung einer unabhängigen Instanz zur Aufklärung sowie der direkten Einbindung von Opfern in die Aufarbeitung ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Heute seien bei den Domspatzen organisatorische Schwachstellen behoben, die Pädagogik zeitgemäß, die Präventionskonzepte aktuell. Es gebe eine "hohe Sensibilität für die Thematik".

Weber äußerte den Wunsch, dass seine Aufklärung zur Befriedung aufseiten der Opfer beitrage. Das Bistum hat ihnen unter anderem sogenannte Anerkennungsleistungen zwischen 5.000 und 20.000 Euro pro Person zugesagt. Darüber wird auf Grundlage von Webers Bericht in einem gesonderten Gremium entschieden. Bisher sind dort nach Angaben von Beteiligten 300 Anträge gestellt worden. Schätzungsweise würden insgesamt 2 bis 3 Millionen Euro ausgezahlt. (KNA)


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