Interview Abt Eckert über sein neues Buch

12.11.2020

Der Monat der Spiritualität steht unter dem Motto "Im Heute leben". In seiner gleichnamigen Publikation wirft Abt Johannes Eckert einen besonderen Blick auf die "Verheutigung" des Lukasevangeliums.

Abt Johannes Eckert mit seiner Neuerscheinung
Abt Johannes Eckert von der Abtei St. Bonifaz mit seiner Neuerscheinung "Im Heute leben". © SMB/Burghardt

mk online: In Ihrem Buch meditieren Sie über Stellen des Lukas-Evangeliums, die allesamt das Wort „heute“ beinhalten. Legt das Lukas-Evangelium einen besonderen Fokus auf das „heute“?

Abt Johannes: Es fällt auf, dass der Evangelist Lukas an ganz besonderen Stellen das Wort „heute“ bewusst einsetzt: „Heute ist euch der Retter geboren“ oder „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“. Damit soll gesagt werden, dass sich das Evangelium nicht irgendwann, sondern heute ereignet. Manchmal, gerade auch in der Kirche, schauen wir viel in die Vergangenheit, oder wir planen für die Zukunft, und dabei vergessen wir das Heute.


Machen wir beim Versuch, das Evangelium zu leben, oft den Fehler, zu viel zu wollen? Denken wir zu oft gleich an die Rettung der ganzen Welt, obwohl schon eine kleine gute Tat viel bewirken könnte?

Abt Johannes: Ich glaube, dass es eine Achtsamkeit braucht für das Heute. So haben ja auch die ersten Christen begonnen: „Heute will ich das Evangelium leben, will ich daran glauben, dass der Auferstandene mit mir ist, und anfangen!“ Und dann sind es oft die kleinen Dinge, wo das gelingt: Wo kann ich durch mein Wort jemanden aufrichten und da sein?


Sie schreiben: „Wir brauchen die Welt nicht zu erlösen, sie ist schon erlöst.“ Kann diese entlastende Erkenntnis neue Kraft für christliches Handeln freisetzen?

Abt Johannes: Wir können uns wirklich davon befreien, dass wir sagen: „Wir müssen die Welt retten“, nein, sie ist schon gerettet und erlöst, aber wir sollen auch mitwirken dabei. Wenn ich daran glaube, dass mir der Retter geboren ist, wird mich diese Botschaft befreien und dann werde ich aus dieser Botschaft heraus sagen können: „Ja, dann soll er auch durch mich zur Welt kommen!“

Könnte das, auf mich selbst bezogen, bedeuten: Nicht weil ich meinen Fehler wiedergutmache, verzeiht mir Gott, sondern weil mir meine Fehler von vornherein verziehen sind, habe ich die Kraft, sie hinterher tatsächlich wiedergutzumachen?

Abt Johannes: Genau! Das ist das große Geschenk, dass Gott sagt: „Ich bin der Retter der Welt und ich habe dich erlöst.“ Deswegen kann ich mich immer wieder an ihn hinkehren, auch wenn ich etwas falsch gemacht habe. Bei diesem Gott kann ich immer wieder neu anfangen.


An einer Stelle heißt es in Ihrem Buch: „Die Verheutigung des Wortes Gottes, des Evangeliums, ist niemals ein Kuschelkurs.“ Und an einer anderen: „Das Evangelium verheutigt sich in Schwächen und Wunden, in Defiziten und Brüchen.“ Kann ich denn nicht – etwa nach dem Vorbild Johannes Boscos – fröhlich sein, Gutes tun, die Spatzen pfeifen lassen und ein guter Christ sein? Muss ich zwingend einen schmerzhaften Prozess durchmachen?

Abt Johannes: Nein, das wünsche ich auch niemandem. Es ist ja schön, wenn man aus einer großen Freiheit heraus leben kann. Aber die schmerzhaften Prozesse gibt es eben auch. Zum Beispiel bei dem mitgekreuzigten Verbrecher, der ja erst in der Stunde seines Todes umkehrt und zu Jesus sagt: „Denk an mich!“

Am Montag, 16. November, beantwortet Abt Johannes Eckert um 19 Uhr im Rahmen einer Online-Veranstaltung via Zoom Fragen zu seinem Buch. Wenn Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bis Sonntag, 15.11., per Mail an, der Zoom-Link wird Ihnen dann zugesendet.

Sie schreiben immer wieder über den demütigen Menschen. Was bedeutet es eigentlich, demütig zu sein?

Abt Johannes: Demut bedeutet für mich, auf den Boden zurückgeführt zu werden. Wie bei Zachäus, der vom Maulbeerbaum heruntersteigt und wieder auf den Boden der Wirklichkeit kommt. Im lateinischen Wort für die Demut, humilitas, steckt der „Humus“, der Boden drin. Ein demütiger Mensch weiß: Er ist Mensch, er ist ein „Adam“ – wörtlich übersetzt ein „Erdling“: Er ist von der Erde genommen, er ist nicht Gott. Er muss nicht perfekt sein. Er nimmt sein Menschsein mit seinen Stärken und Schwächen an. So kann er auch anderen ihre Schwächen zugestehen. Er kann mit seinen Stärken anderen dienen, und er lässt sich in seinen eigenen Schwächen von anderen dienen!


Auch das Anschauen und das Ansehen sind immer wiederkehrende Motive in Ihrem Buch. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit dem „Anschauen“ von Hilfsbedürftigen gemacht? Glauben Sie, dass viele notleidende Menschen nur darauf warten, gesehen und angeschaut zu werden?

Abt Johannes: Ich erlebe es andersherum: Wir haben ja hier in St. Bonifaz eine sehr intensive Obdachlosenarbeit, und oft genug werde ich in der Stadt von Obdachlosen angesprochen, die mir sagen: „Es ist gut, dass wir zu Ihnen kommen können!“ Und ich merke: Durch diese Arbeit werden auch wir selbst angeschaut. Das finde ich schön: Diese Menschen können uns etwas zurückgeben. Sie bekommen von uns nicht nur ein Almosen, sondern erfahren: „Hier werde ich angeschaut, und deswegen kann ich dieses Ansehen auch zurückgeben.“ Das ist etwas Wechselseitiges.


Sie raten dazu, den eigenen Namen in Bibelstellen einzusetzen und sich vorzustellen, dass Jesus einen persönlich ruft. Darf ich denn dieses Prinzip in der ganzen Bibel anwenden und mich als ein neuzeitlicher Adam, als Abraham, sogar als Pontius Pilatus und Judas Iskariot wiedererkennen?

Abt Johannes: Das ist eine ganz wichtige Übung, um das Evangelium zu verheutigen: dass ich mich in die Szene hineinbegebe, meinen Namen einsetze und das meditiere. Man kann seinen Namen, etwa in Anspielung auf die Zachäus-Geschichte, auch ins Rosenkranzgebet einsetzen: „… und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, der mich ruft: ‚Johannes, komm herunter!‘“ Das kann man auch auf andere Szenen übertragen.


In den Geschichten aus dem Lukas-Evangelium, die Sie auslegen, geht Jesus an die „Ränder“: zu Hirten, Zöllnern, Gelähmten, Verbrechern. Was aber hat mir Jesus zu sagen, wenn ich mich keiner dieser Randgruppen zuordnen kann?

Abt Johannes: Ich kann mich finden in den Männern und Frauen, die Jesus nachfolgen; ich kann mich darin finden, dass Jesus wie bei Andreas und Simon in meinem Haus zu Gast ist, ich kann mich auch in anderen Bildern finden. Aber ich sollte überlegen: Vielleicht bin ich auf eine gewisse Weise doch am Rand!

(Interview: Joachim Burghardt, MK-Redakteur)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität

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