Tod und Vergänglichkeit Aktionsprojekt „Before I die“ in München

06.03.2018

"Bevor ich sterbe möchte ich..." ist auf Tafeln in der Münchner Fußgängerzone zu lesen. Ein ungewöhnlicher Ort, um sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Doch genau das passiert.

Die Tafeln laden ein, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen.
Die Tafeln laden ein, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. © SMB/Markota

München – Das internationale Projekt „Before I die“ der Künstlerin Candy Chang wird vom 5. März bis zum 10. März auch in München realisiert. „Before I die I want…“ und „Bevor ich sterbe möchte ich…“ – auf schwarzen Tafelwänden stehen diese Satzanfänge. Dahinter ist viel Platz, der erfahrungsgemäß nicht lange frei bleibt. Mit bunten Kreiden kann jeder den Satz vervollständigen, ein Bild dazu malen oder bereits bestehende Sätze kommentieren. Wenn die Tafeln voll sind, werden sie abgewischt, um wieder neu beschrieben werden zu können. Vorher werden Fotos gemacht.

Anregung zum Nachdenken

Normalerweise kommen solche Gedanken nur an Knotenpunkten des Lebens auf. Bei diesem Projekt ist die Spannung zwischen dieser existenziellen Frage und der konsumorientierten Umgebung der Neuhauser Straße durchaus gewollt, auch eine Irritation der Passanten. Passanten in der Fußgängerzone sollen „im Vorbeigehen“ angeregt werden nachzudenken, was ihnen vor ihrem Tod noch wichtig ist. Alltägliche Prioritäten sollen vor dem Hintergrund der Begrenztheit des Lebens reflektiert werden. Organisiert wird das Projekt von einer GCL-Gruppe (katholische Gemeinschaft christlichen Lebens), unterstützt von der GCL München, der Erzdiözese München und Freising und den Jesuiten von St. Michael.

Die Aktion läuft vom Montag, den 5.3. 2018, bis Samstag, den 10.3.2018, jeweils von 11 bis 19 Uhr – außer bei starkem Regen. Sie findet in der Münchner Fußgängerzone in der Neuhauser Straße gegenüber dem Jagdmuseum statt. Falls jemand ein Gespräch sucht, stehen dafür Ansprechpartner zur Verfügung.Die Fotos der vollgeschriebenen Tafeln dienen einer späteren Ausstellung.

Der Sprecher der GCL-Gruppe, Hans-Georg Frank, Medizinprofessor in München: „Dieser „Stolperstein“ mitten in der Shopping-Meile möchte einen kurzen Moment des Nachdenkens provozieren.“ Es gehe darum, dass Leben allerorten und jederzeit – nicht erst dann, wenn der Tod schon fast im Terminkalender stehe – aus dem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit mit Sinn erfüllt und gestaltet werden kann.

Persönliche Wünsche teilen

Die Künstlerin Candy Chang schuf das Original im Jahr 2011 an einem verlassenen Haus in New Orleans, nachdem sie einen geliebten Menschen verloren hatte. Ihr fiel auf, wie sehr Gespräche über den Tod vermieden werden. Um darüber ins Gespräch zu kommen, strich sie eine Hauswand mit schwarzer Tafelfarbe und schrieb darauf: „Before I die I want to …“ Mehr nicht. Nach einem Tag war die Wand voll mit den Träumen und Gedanken der Passanten. „Before I die I want to … sing for millions, plant a tree, hold her one more time, see my daughter graduate, abandon all insecurities, be completely myself …“ Die Anonymität des öffentlichen Raums, so war sich die Künstlerin sicher, erlaubte es auch zurückhaltenden Menschen, ihre persönlichen Vorstellungen und Wünsche mit anderen zu teilen.

Brücke zwischen Kulturen

Seitdem wurden mehr als 3000 Tafeln weltweit in mehr als 70 Ländern und in über 38 Sprachen aufgestellt und beschrieben. In Deutschland zum Beispiel in Berlin, Erfurt, Hamburg, Osnabrück, Bremen und Aachen. Das Projekt spricht Menschen auf der ganzen Welt an, ob in Sao Paulo, Bangkok, Lissabon oder Dubai. Und es werden meist sehr ähnliche Wünsche und Träume aufgeschrieben. Von Menschen, die gar nicht so verschieden sind. Damit baut dieses Projekt auch Brücken zwischen den Kulturen. (pm)

 


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