Aktionswoche Alkohol Alkoholsucht betrifft nicht nur den Abhängigen

18.05.2017

Über 1,7 Millionen Männer und Frauen in Deutschland sind alkoholabhängig. Um von der Alkoholsucht betroffen zu sein, muss man aber selber gar nicht trinken.

20 Millionen Menschen in Deutschland sind von der Alkoholsucht eines Familienmitglieds betroffen.
20 Millionen Menschen in Deutschland sind von der Alkoholsucht eines Familienmitglieds betroffen. © fotolia/Viacheslav Iakobchuk

München – Von über 81 Millionen Menschen in Deutschland sind 1,77 Millionen alkoholabhängig. Die Sucht wirkt sich auf das Wohlbefinden und das Funktionieren der ganzen Familie aus. Deshalb ist davon auszugehen, dass über 22 Millionen Angehörige von der Alkoholsucht eines Familienmitglieds betroffen sind. Diese Zahlen nennt die Caritas-Fachambulanz für erwachsene Suchtkranke im Erzbistum München und Freising.

Alkohol hat nie eine Rolle gespielt

Eine von den 22 Millionen Angehörigen ist Monika*. Die heute 53-Jährige war 20 Jahre mit ihrem Mann verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm, als der Schock kam. Ihr Mann kam nach Hause und teilte ihr mit, dass sein Arbeitgeber ihm die Auflage erteilt hat, sich drei Monate in stationäre Therapie zu begeben. Einer Arbeitskollegin sei aufgefallen, dass er trinkt. Monika konnte es zunächst nicht fassen, denn in ihrer Wohnung gab es nie Alkohol und auch wenn sie mit Freunden unterwegs waren, hat ihr Mann nie übermäßig viel getrunken. Ja, sie habe bemerkt, dass er sich in den Jahren zuvor schleichend verändert habe, erzählt sie im Interview. So sei er beispielsweise unkonzentrierter gewesen - oft habe man mit ihm Gespräche mehrfach führen müssen, weil er sich nicht mehr erinnert hat. Sie habe aber eher die Befürchtung gehabt, dahinter stecke eine Krankheit zum Beispiel Demenz.

Monika suchte Schuld bei sich

Neben der Unkonzentriertheit hat ihr Mann sich auch immer mehr zurückgezogen und sich in die Familie nicht mehr eingebracht. Immer weniger Aufgaben wurden von ihm übernommen. Früher hat er gekocht, war für die Bankgeschäfte zuständig und auch die Besorgung der Getränke lag in seinem Aufgabenbereich - all das hat er aber nicht mehr getan. Die Aufgaben hat Monika übernommen. Denn es musste ja weiterlaufen, die anderen würden sich auf einen verlassen, beschreibt sie die Situation. Sie konnte sich das Verhalten ihres Mannes nicht erklären und suchte die Schuld auch bei sich: Habe ich mich zu sehr um die Kinder gekümmert? Habe ich ihn vernachlässigt? Dass ihr Mann zu viel Alkohol trinkt, daran hat sie nie gedacht.

Im Jahr 2014 betrug der Pro-Kopf-Konsum an alkoholischen Getränken in der Bundesrepublik 136,9 Liter. Das entspricht 9,6 Liter reinem Alkohol. 96,4 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken Alkohol. Schätzungen für Deutschland belaufen sich auf etwa 74.000 Todesfälle, die durch riskanten Alkoholkonsum oder durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak verursacht werden. (Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Jahrbuch Sucht 2016, BKA Bundeskriminalamt Wiesbaden 2016, Effertz 2015)

Ihr Mann hat heimlich getrunken: Bier, Sekt, Wodka. Die genauen Mengen kennt Monika bis heute nicht. Ihr Mann hat sich in Therapie begeben – erst stationär, wie vom Arbeitgeber angeordnet, später auch ambulant bei der Fachambulanz der Caritas. Hier hat Monika auch von der Angehörigen-Gruppe erfahren, die sie dann angefangen hat zu besuchen. Hier fühlte sie sich verstanden, sagt sie. Hier hörte sie Geschichten von anderen Angehörigen und konnte sich austauschen.

Inga Hart ist stellvertretende Einrichtungsleiterin und für die Angehörigenarbeit bei der Fachambulanz der Caritas zuständig. Die Unzuverlässigkeit des Betroffenen, die Sorge um die Familie, die Hilflosigkeit und das Gefühl, selber etwas falsch gemacht zu haben, beschäftigt viele Angehörige, sagt sie. Bis zuletzt würden sie versuchen, das Funktionieren der Familie aufrecht zu erhalten - übernehmen Aufgaben des Betroffenen und versuchen ihn zu schützen. Bis sie bemerken, dass sie mit ihrem Verhalten nicht das erreichen, was sie wollen. Und zwar dass der Abhängige aufhört zu trinken, abstinent wird.

Viele leiden unter Schlafstörungen, Bluthochdruck, können sich auf der Arbeit kaum konzentrieren, weil sie mit den Gedanken beim Partner sind und Angst haben. Der Stress und die innere Unruhe können dazu führen, dass sie selbst krank werden, so Hart. Um sich selbst zu stabilisieren, würden manche auch zu Medikamenten greifen. Die Gefahr einer eigenen Abhängigkeit sei gegeben, so Hart. Auch könnten die Angehörigen beispielweise eine Depression entwickeln.

Eigenes Leben genießen

Deshalb sei es wichtig, dass die Angehörigen lernen auf sich zu schauen und nicht ihr Leben nach dem Partner ausrichten. Es gehe darum sich selber nicht aufzugeben, so Hart im Interview. Viele wollen sich nicht trennen und deshalb müssen sie lernen einen gesunden Ausgleich zu schaffen, zu dem, was sie zu Hause erleben. Auch Monika hat in der Angehörigengruppe gelernt, wieder auf sich zu schauen. Auf das was ihr gut tut. Denn das hat sie in den Jahren vernachlässigt. So hat sie neue Freunde gefunden, mit denen sie jetzt öfter was unternimmt. Am Anfang hätte sie ein schlechtes Gewissen gehabt, sagt sie. Denn sie hätte sonst ja immer alles zusammen mit ihrem Partner gemacht. Letztlich ist sie dann auch mal ein paar Tage mit ihnen weggefahren. Auch wenn es anfangs schlimm gewesen sei, war es dann doch ein schönes Gefühl. Auch veranstaltet sie Spieleabende mit Freunden. Ich lache einfach total gern und es ist schön das jetzt wieder zu tun, so Monika.

Der Caritas Therapieverbund Sucht (TVS) in München macht mit bei der europaweiten „Aktionswoche Alkohol“ unter dem Motto „Alkohol? Weniger ist besser!“ vom 13. bis 21. Mai. Die „Aktionswoche Alkohol“ der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen und ihrer Kooperationspartner findet alle zwei Jahre statt, heuer bereits zum 6. Mal. Die Präventionskampagne baut in erster Linie auf Freiwilligkeit, Bürgerengagement und Selbsthilfe. Tausende Engagierte sind neun Tage lang in verschiedenen europäischen Ländern dabei: Mitglieder von Selbsthilfegruppen, Fachleute aus Beratungsstellen, Fachkliniken und der Suchtprävention, Ärzte, Apotheker und Menschen, die in Vereinen und in Kirchen aktiv sind.

Acht Jahre sind seit dem Tag vergangen an dem ihr Mann mit der Nachricht des Arbeitgebers nach Hause kann. Monika und ihr Mann sind immer noch zusammen. Auch wenn sie derzeit mehr wie eine Wohngemeinschaft zusammenleben würden, beschreibt Monika die Situation. Sie hofft, dass sie irgendwann neu anfangen können, ihr sei aber bewusst, dass es nie mehr so sein wird wie früher. Ihre gewonnene Freiheit will sie auch in Zukunft beibehalten und auch Rückfälle schließt Monika nicht aus. Die gab es auch schon. Ihre Entscheidung steht aber fest: „Ich gebe ihm nochmal eine Chance, denn er ist ein lieber Mann“. (kas)

*Name von der Redaktion geändert

Die Fachambulanz für erwachsene Suchtkranke im Therapieverbund Sucht des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising e.V. berät und behandelt Menschen, die einen problematischen oder abhängigen Umgang mit Alkohol, Medikamenten, Nikotin oder Spielsucht haben. Sie bietet auch besonderes Angebot für Angehörige an.

Audio

Volksdroge Alkohol - Wege aus der Sucht: Ein Gespräch mit Caritas-Suchtberaterin Christine Pschierer (2015)

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Aktionswoche Alkohol: In der Ebersberger Fußgängerzone konnte eine "Rauschbrille" getestet werden.

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Die Autorin
Katharina Sichla
Online-Redaktion
k.sichla@st-michaelsbund.de


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