Muttertag Alleinerziehende in der Coronakrise

07.05.2021

Familien erleben den zweiten Muttertag der Coronapandemie in einem Erschöpfungszustand. Das gilt besonders für Mamas und Papa, die ihre Kinder alleine erziehen.

Zwischen Wäschebergen und Digitalunterricht: Der Alltagskampf fü Alleinerziehende ist in der Coronakrise noch härter geworden.
Zwischen Wäschebergen und Digitalunterricht: Der Alltagskampf fü Alleinerziehende ist in der Coronakrise noch härter geworden. © Imago/Westend61

München – Gudrun Schlemmers Stimme klingt erschöpft. Das am Vortag weit nach 20.00 Uhr verabredete Telefoninterview schiebt sie zwischen zwei andere Termine. „Ich muss jetzt mehr arbeiten, verdiene aber weniger.“ Die selbständige Diplom-Designerin und angehende Kunsttherapeutin hat sich auf digitale Malkurse verlegt, seitdem viele Aufträge für die Gestaltung von Internetseiten weggebrochen sind. Übliche Branchenprobleme. Gudrun Schlemmer ist aber zusätzlich alleinerziehende Mutter. „Und jetzt stehe ich noch mehr allein da als vorher schon.“ Am Schlimmsten war für sie der erste Lockdown im vergangenen Jahr, als ihre elfjährige Tochter von einem Tag zum andern weder in die Schule, noch zur Nachmittagsbetreuung oder zur Nachhilfe durfte und in Panik geriet.

Müdigkeit als Dauerzustand

Um ja keine Infektion ins Haus zu tragen, sei das Mädchen nicht einmal mehr in den Garten gegangen, weil sie so große Angst um ihre Mutter hatte. „Dass erst jetzt die Diskussion anfängt, was diese Pandemie seelisch mit den Kindern macht, ist wirklich haarsträubend.“ Da wird Gudrun Schlemmers müde Stimme plötzlich fest und entschieden. Die Tochter hat dennoch den Realschulübertritt geschafft, mittlerweile bekommt die alleinerziehende Mutter Unterstützung durch die Familienhilfe. Das ändert nichts daran, dass sie am Computer weiter Teilzeit-Lehrerin für ihr Kind ist und sich um Geschäftsaufträge, Einkäufe und saubere Wäsche kümmern muss. Es ist ein ständiges Aufbäumen gegen das Vorurteil, „dass Alleinerziehende sowieso nicht zurechtkommen“. Die Sorge, „dass meine Tochter und ich durch die Pandemie abgehängt werden“ ist immer noch da. Den Kampf dagegen bezahlt Gudrun Schlemmer damit, „dass die Müdigkeit zum Dauerzustand geworden ist“.

Kein Kino, kein Treffen mit Freunden - für Alleinerziehende normal

Auch für Andrea Gonzalez ist das ein gewohnter Zustand. Sie leidet nicht daran, dass sie seit über einem Jahr nicht mehr ins Restaurant oder ins Kino gehen, keine Freunde treffen konnte. Das geht wegen ihrer beiden zehn und dreizehn Jahre alten Töchter sowieso nur selten. „Alleinerziehende leben auch ohne Corona fast immer im Lockdown“, sagt die Lehrerin nüchtern, die in Teilzeit an einer Mittelschule arbeitet. Sie hat gerade die Teller vom Mittagessen abgeräumt, muss dann gleich die nächsten Online-Stunden vorbereiten und die Töchter bei den Hausaufgaben begleiten. Das ältere Mädchen hatte während der gesamten Pandemie keinen Präsenzunterricht, kennt die Schule nur noch vom Computer. Auf die gemeinsamen Mahlzeiten legt Andrea Gonzalez großen Wert: „Das ist so ein letztes Stück entspannte Gemeinschaft, etwas Schönes am Tag.“

Enges Budget

Aber so ein Essen will zubereitet sein: „Was hätte mir da ab und zu ein von der Politik ausgegebener Restaurantgutschein in den vergangenen Monaten geholfen.“ Denn öfter einmal ein warmes Essen beim Italiener nebenan zu bestellen, ist für die Familie finanziell nicht drin. Andrea Gonzalez muss gut organisieren und kann es wohl auch. Sie hat ein klares Gerüst für jeden Tag. „Aber jetzt hat man manchmal keine Kraft mehr, die Planungen durchzuhalten.“ Etwa als der Fernunterricht ihrer Kinder begann und sie selbst parallel an ihrer Schule online unterrichten musste. Da reichte der Familien-PC nicht aus.

Seelsorge heißt auch Computerzuschuss

Immerhin ist die Alleinerziehenden-Seelsorge in München schnell eingesprungen. „Wir haben früh die Väter und Mütter, die mit uns in Kontakt stehen, angeschrieben, und Zuschüsse angeboten “ erklärt Fachbereichsleiterin Susanne Ehlert. Für jedes Kind 300 Euro und im Nu hatten sich rund 70 Antragsteller gemeldet. Die Verbindung zu den Alleinerziehenden hält sie seit einem Jahr weitgehend online. Zusammen mit ihren Kolleginnen lädt sie jede Woche abends zum „Rastplatz“ ein, einem Internettreff, „bei dem sich alleinerziehende Mamas und Papas austauschen, aber auch Zuspruch holen können“. Wer ohne andere sein Herz ausschütten will, verabredet mit der Alleinerziehenden-Seelsorge einen Spaziergang ein sogenanntes „Geh-Spräch“. Erst neulich ist Susanne Ehlert mit einer verzweifelten Mutter durch den Englischen Garten gegangen. „Am Ende sind wir in der Theatinerkirche gelandet und haben Kerzen für die Kinder angezündet, dass sie gut durch diese Zeit kommen.“

Für den 14. Mai hat sie einen ökumenischen Gottesdient für getrennt Lebende und Geschiedene in der Kirche Heilig Geist am Münchner Viktualienmarkt vorbereitet. Am  13. Juni bietet sie einen Familien-Pilgertag im Freien an, „damit alle wieder einmal spüren, wie Gemeinschaft jenseits vom Computer schmeckt.“ Vor allem hofft Susanne Ehlert die traditionellen Sommerfreizeiten für Alleinerziehende und ihre Kinder durchführen zu dürfen. Danach hungern auch Gudrun Schlemmer und Andrea Gonzalez. Für beide war die Alleinerziehenden-Pastoral immer wieder ein Anker. „Die Frauen dort haben mein Gottvertrauen gestärkt“, sagt Gudrun Schlemmer, „und Gottvertrauen ist gerade jetzt eine Ressource, die so wichtig ist und so gut tut.“

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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