Vor knapp 120 Jahren Als im Vatikan "Paralympics" stattfanden

24.08.2021

In Tokio sind die Paralympics eröffnet worden. Die Idee solcher Spiele stammt von einem deutschstämmigen Arzt in England. Dass körperliche Behinderung keine sportlichen Grenzen bedeutet, war aber schon früher im Vatikan zu sehen.

Die Paralympischen Sommerspiele finden vom 24. August bis zum 5. September 2021 statt. © Imago/Aflosport

Vatikanstadt – Die Idee sportlicher Wettkämpfe von körperlich behinderten Menschen ist offiziell gut 70 Jahre alt. Auf Initiative des deutschstämmigen Neurologen Sir Ludwig Guttmann fanden im englischen Aylesbury 1948 die ersten Sportspiele für Rollstuhlfahrer statt, die sogenannten Stoke Mandeville Games - am selben Tag wie die Olympischen Spiele von London.

Bewusst wollte Guttmann die Wettkämpfe der Menschen mit Behinderung mit den Spielen der Nichtbehinderten verbinden. Bei den Stoke Mandeville Games nahmen 14 kriegsversehrte Männer und Frauen mit Rückenmarksverletzungen teil und maßen ihre Fertigkeiten im Bogenschießen. 1960 fanden dann mit 400 Athleten aus 21 Nationen die die ersten "Weltspiele der Gelähmten" in Rom statt, wenige Wochen nach den Olympischen Sommerspielen.

Wettkämpfe im Apostolischen Palast

Ebenfalls in Rom, allerdings über 40 Jahre vor den Stoke Mandeville Games von 1948, gab es Wettkämpfe, an denen ebenfalls körperlich behinderte Sportler teilnahmen. Ort: der Vatikan, Stadion: der Apostolische Palast, Gastgeber: Papst Pius X. (1903-1914). Ungewohnt war nach den Jahrzehnten der konservativen und hierarchischen Pontifikate von Pius IX. (1846-1878) und Leo XIII. (1878-1903) nicht nur, dass ein Papst Sportler in den Vatikan lud.

Für Aufsehen sorgte auch die Tatsache, dass dort Beinamputierte mit Prothesen sich bei Läufen maßen und taube Sportler ebenso wie blinde und sehbehinderte Athleten gegeneinander antraten. Die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" berichtete von neun Jugendlichen einer kirchlichen Blindenschule, von denen ein gewisser Cittadini den Hochsprungwettkampf mit 1,10 Meter für sich entschied.

Überhaupt sei das Papst-Blatt damals fast zu einer Sport-Zeitung mutiert, schrieb Giampaolo Mattei im "Osservatore" am Samstag. Seitenweise habe man Ergebnistabellen mit Zeiten, Weiten und Höhen veröffentlicht, Kommentare, Interviews und Informationen über das medizinische Betreuungsteam des Krankenpfleger-Ordens der Fattebenefratelli.

Empörter Staatssekretär

Fanden die ersten Wettkämpfe 1904 im Damasushof statt, wo heute noch Staatsgäste zur Päpstlichen Privataudienz vorfahren, so wurde das päpstliche Stadion alsbald in den größeren Cortile del Belvedere verlegt. Fotoaufnahmen von damals zeigen Tribünen, eine Läuferbahn, Fahnen und Sportler in Mannschaftsaufstellungen.

Schon damals, so Mattei, habe sich mancher gefragt: Wenn diese Sportler mit ihren Prothesen so viel zu leisten im Stande sind, was wäre dann in einer Schulklasse, in einem Büro ...? Der Autor berichtet von einem - historisch nicht ganz gesicherten - Wortwechsel zwischen Pius X. und seinem empörten Staatssekretär.

Angesichts von Läufergruppen in den Vatikanischen Gärten sowie knappen Trikots von Turnern, die schamlos nackte Waden und muskulöse Arme zur Schau stellten, wollte Kardinal Rafael Merry del Val wissen: "Heiligkeit, wohin soll uns das alles führen?" Darauf der Papst: "Mein Lieber, ins Paradies ..."

Beteiligung und Integration behinderter wie nicht behinderter Sportler ist auch ein Anliegen der 2017 gegründeten "Athletica Vaticana". Das Team von rund drei Dutzend Frauen und Männern, die im Vatikan angestellt sind, hat auch das Ziel, Solidaritätsinitiativen mit Behinderten oder Migranten zu fördern.

Keine Grenzen

Darauf wies auch Papst Franziskus noch einmal hin, als er im Januar Italiens Sportzeitung Nr. 1, der "Gazzetta dello Sport", ein Interview gab. Die Sportler der Paralympics hätten spannendste Geschichten zu erzählen. Geschichten, "die einem deutlich vor Augen führen, dass Grenzen nicht in den Menschen mit Behinderung liegen, sondern im Denken derjenigen, die sie betrachten", so Mattei. Das Wort Resilienz müssen man daher einem paralympischen Sportler nicht erklären.

Das Gleiche gilt für die Vatikanzeitung auch mit Blick auf das Team staatenloser Flüchtlinge, die bei den Paralympischen Spielen in Tokio starten. Nach dem historischen Rückblick auf vatikanische Sportgeschichte vom Samstag widmete das Blatt in seiner Montagsausgabe eine Doppelseite Sportlern aus dem Flüchtlingsteam in Tokio. Und erzählt ihre Geschichten, die sie aus Afghanistan, Ruanda, Syrien, Burundi und dem Iran zu den Paralympics in Tokio führten. (Roland Juchem/kna)


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