Gedenktag in München Als Sinto für Sinti und Roma

07.03.2019

Am 8. März 1943 sind die ersten Sinti und Roma aus München in Konzentrationslager deportiert worden.

Alexander Diepold hat die Gedenkveranstaltungen mit organisiert

München – Heuer wird es zum zweiten Mal in München an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma gedacht. Auf dem Programm stehen unter anderem ein Gottesdienst in der Theatinerkirche, ein Besuch der KZ-Gedenkstätte in Dachau und die öffentliche Lesung der Opfer-Namen. Einer, der maßgeblich an der Organisation der Gedenktage beteiligt war, ist Alexander Diepold. Der Sozialpädagoge hat eine ganz und gar ungewöhnliche Lebensgeschichte. Erst als Erwachsener hat er erfahren, dass er Sinto ist. Das ist die männliche Einzahl von Sinti. Die weibliche heißt Sinteza. Wörter, die kaum jemand kennt – ebenso wenig wie die Lebensumstände von Sinti und Roma heute.

Schon als Säugling kam er ins Kinderheim, zwischen dem achten und dem zehnten Lebensjahr war er dann bei seiner Mutter. Doch die hatte viele eigene Probleme und kam mit dem lebhaften Kind nicht zurecht. Also hat sie ihn dem Jugendamt zurück gegeben mit den Worten: „Das ist nicht mein Sohn, da muss eine Verwechslung vorliegen.“ Eine Verletzung, die Alexander Diepold ihr nie verziehen hat. Dennoch hatte er Kontakt zu ihr. Zu ihr ziehen wollte er allerdings nie wieder. Verschiedene Heime und Einrichtungen hat er erlebt und sich durchgekämpft. Dann leitete er als junger Mann selbst eine Wohngruppe – ohne Ausbildung, ein Pilotprojekt. Später gründete er, dann mit entsprechendem Studium, Einrichtungen für Kinder, die durch alle Raster gefallen sind.

Alexander Diepold war auch in der Radio-Talksendung des Münchner Kirchenradios "Hauptsache Mensch" zu Gast. Hier können Sie das Gespräch hören.

Ende der neunziger Jahre wohnten in seiner Einrichtung „Madhouse“ zwei Sinti-Jungen, an die niemand rankam – außer ihm. Er half den Familien und hatte sich dadurch Vertrauen erworben in den Großfamilien. Die fingen bald an zu vermuten: „Du redest wie wir, du gehst wie wir, du denkst wie wir, du bist doch einer von uns …“ Aber Alexander Diepold schob es darauf, dass er schon viele Menschen mit schweren Problemen kennen gelernt hatte und als Sozialpädagoge schon vielen helfen konnte. Bis eine alte Sintezza kam und sagte: „Bei uns haben alle Namen, die nur wir kennen. Hast du nicht auch einen?“ Den hat er, aber den will er nicht sagen. „Aber meine Mutter haben sie die Loli genannt, kommt wahrscheinlich von Lolita oder so.“ Und die alte Frau sagte: „Loli heißt bei uns „die Rote“. Das kommt aus dem Romanes. Frag Deine Mutter, ob sie Romanes spricht.“ Und das hat er getan. Die Mutter wurde bleich, weil sie sich nie zu ihrer Abstammung bekennen wollte. Für Alexander Diepold war die Erkenntnis, ein Sinto zu sein, sehr verwirrend. Er hat sich überlegt, ob er als Pädagoge noch genauso behandelt werden würde wie bisher, wenn er sich „outet“, so nennt er das Bekenntnis zu seiner Zugehörigkeit zu dieser Minderheit selbst. Denn er hatte erlebt, wie beispielsweise Behörden auf Sinti und Roma reagieren. Heute betreut und berät Alexander Diepold rund 360 Familien im Rahmen der ambulanten Erziehungshilfe.

Bei dem Gedenktag an die Münchner Sinti und Roma, die von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert wurden, ist er einer der Organisatoren. „Ich musste mich mit der Geschichte beschäftigen, als ich erfahren habe, dass ich Sinto bin. Ich habe die Berichte über Euthanasie an Heimkindern gelesen. Und ich habe Zeitzeugen kennen gelernt.“ Hugo Höllenreiner zum Beispiel, der Ausschwitz überlebt hat und der Diepold beigebracht hat, verzeihen zu können. Aber auch viele andere Familienangehörige von Opfern. Denn: „In wohl jeder Münchner Sinti- oder Romafamilie gibt es ein Familienmitglied, das von den Nationalsozialisten ermordet wurde“.

Programm zum Gedenken an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma:
Am 08.03.2019, 14.30 Uhr, findet in der Theatinerkirche ein ökumenischer Gottesdienst anlässlich der Deportation der Münchner Sinti und Roma 1943 statt.
Am 13.3.2019, 15 Uhr, werden am Platz der Opfer des Nationalsozialismus die Namen der aus München deportierten Sinti und Roma öffentlich vorgelesen.
Am 13.03.2019, 19.00 Uhr, beginnt im NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1 die Gedenkveranstaltung unter dem Motto: "Was kann geschehen, um unsere Glaubensbrüder zu schützen? Die Kirchen und der Genozid an den Sinti und Roma".
Am 16.03.2019, 14.00 Uhr, bietet die KZ-Gedenkstätte Dachau einen offenen Rundgang zu Sinti und Roma als Häftlingsgruppe im KZ-Dachau an.
Am 21.03.2019, 14.30 Uhr, wird in der Friedenspromenade 40 ein Erinnerungszeichen an die Sinti-Familie Schneck an die Öffentlichkeit übergeben.

Audio

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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