München gedenkt der deportierten Sinti und Roma Als Sinto für Sinti und Roma

07.03.2018

Am 8. März 1943 sind die ersten Sinti und Roma aus München in Konzentrationslager deportiert worden. Rund 500.000 sind von den Nationalsozialisten umgebracht worden, schätzen Experten. Heuer gibt es zum ersten Mal einen Gedenktag daran.

Alexander Diepold hat erst als Erwachsener erfahren, dass er Sinto ist. Heute setzt er sich für die Angehörigen dieser Minderheit ein. © privat

München - Auf dem Programm zum Gedenken an die Deportation der Münchner Sinti und Roma stehen unter anderem eine Ausstellung starker Sinti- und Romafrauen, Podiumsdiskussionen, ein Besuch der KZ-Gedenkstätte in Dachau, ein Poetry-Slam und die öffentliche Lesung der Opfer-Namen. Einer, der maßgeblich an der Organisation beteiligt war, ist Alexander Diepold. Der Sozialpädagoge hat eine ganz und gar ungewöhnliche Lebensgeschichte. Erst als Erwachsener hat er erfahren, dass er Sinto ist. Das ist die männliche Einzahl von Sinti. Die weibliche heißt Sinteza. Wörter, die kaum jemand kennt – ebenso wenig wie die Lebensumstände von Sinti und Roma heute.

Vorbild war eine Ordensschwester

Schon als Säugling kam er ins Kinderheim, zwischen dem sechsten und dem achten Lebensjahr war er dann bei seiner Mutter. Doch die hatte viele eigene Probleme und kam mit dem lebhaften Kind nicht zurecht. Also hat sie ihn dem Jugendamt zurück gegeben mit den Worten: „Das ist nicht mein Sohn, da muss eine Verwechslung vorliegen.“ Eine Verletzung, die Alexander Diepold ihr nie ganz verziehen hat. Dennoch hatte er Kontakt zu ihr. Nur zu ihr ziehen wollte er nie wieder.

Verschiedene Einrichtungen hat er erlebt und sich durchgekämpft: Er leitete als junger Mann eine Wohngruppe – ohne Ausbildung, ein Pilotprojekt. Später gründete er, dann mit entsprechendem Studium, Einrichtungen für Kinder, die durch alle Raster gefallen sind. Sein großes Vorbild war eine Ordensschwester, bei der er sich zu Hause gefühlt hat. Die hatte zwar 40 Kinder zu versorgen, aber hat alles gegeben für ihre Schützlinge. Wie Diepold erst später erfuhr, eine Woche bevor Schwester Ingfried 99-jährig starb, wollte sie bewusst solchen Kindern eine Chance geben, die im Dritten Reich ermordet worden wären. Und zu denen hätte Alexander Diepold möglicherweise gehört.

Frag deine Mutter, ob sie Romanes spricht

Aber erst als Erwachsener hat er erfahren, wie wahrscheinlich das sogar passiert wäre: Damals, Ende der neunziger Jahre, wohnten in seiner Einrichtung „Madhouse“ zwei Sinto-Jungen, an die niemand rankam – außer ihm. Er half den Familien und hatte sich dadurch Vertrauen erworben in den Großfamilien. Die fingen bald an zu vermuten: „Du redest wie wir, du gehst wie wir, du denkst wie wir, du bist doch einer von uns …“ Aber Alexander Diepold schob es darauf, dass er schon viele Menschen mit schweren Problemen kennen gelernt hatte und als Sozialpädagoge schon vielen helfen konnte. Bis eine alte Sinteza kam und sagte: „Bei uns haben alle Namen, die nur wir kennen. Hast du nicht auch einen?“ Den hat er, aber den will er nicht sagen. „Aber meine Mutter haben sie die Loli genannt, kommt wahrscheinlich von Lolita oder so.“ Und die alte Frau sagte: „Loli heißt bei uns die Rote. Das kommt aus dem Romanes. Frag Deine Mutter, ob sie Romanes spricht.“ Und das hat er getan.

Kämpfer für die Belange von Sinti und Roma

Die Mutter wurde bleich, weil sie sich nie zu ihrer Abstammung bekennen wollte. Und für Alexander Diepold war die Erkenntnis, ein Sinto zu sein, sehr verwirrend. Er hat sich überlegt, ob er als Pädagoge noch genauso behandelt werden würde wie bisher, wenn er sich „outet“, so nennt er das Bekenntnis zu seiner Zugehörigkeit zu dieser Minderheit selbst. Denn er hatte erlebt, wie beispielsweise Behörden auf Sinti und Roma reagieren. „Das schlimmste war ein Richter, der einen Pädophilen freigesprochen hat, der einen Sinti-Jungen missbraucht hatte. Die Begründung war, dass diese Kinder schon so milieugeschädigt seien, dass er dadurch keine psychischen Schäden angerichtet hätte.“ Heute ist Alexander Diepold ein Kämpfer für die Belange der Sinti und Roma. Zum einen in den Einrichtungen seiner Organisation „Madhouse“, wo im Rahmen der ambulanten Erziehungshilfe rund 300 Familien betreut und berät.

Zum anderen ist er politisch engagiert. Nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum war er einer die Initiatoren eines Gutachtens, das besagt, dass die Tat auch rassistisch motiviert war. Zwei der Opfer waren Sinti, die Alexander Diepold kannte. Und auch bei dem Gedenktag an die Münchner Sinti und Roma, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, ist er einer der Organisatoren. „Ich musste mich mit der Geschichte beschäftigen, als ich erfahren habe, dass ich Sinto bin. Ich habe die Berichte über Euthanasie an Heimkindern gelesen. Und ich habe Zeitzeugen kennen gelernt.“ Hugo Höllenreiner zum Beispiel, der Ausschwitz überlebt hat und der Diepold beigebracht hat, verzeihen zu können. Aber auch viele andere Familienangehörige von Opfern. Denn: „In wohl jeder Münchner Sinti oder Romafamilie gibt es ein Familienmitglied, das von den Nationalsozialisten ermordet wurde“.

Alexander Diepold war in der Sendung "Hauptsache Mensch" im Münchner Kirchenradio zu Gast. Mit Brigitte Strauß-Richters hat er über seine ungewöhnliche Lebensgeschichte gesprochen. Die Sendung können Sie hier hier nachhören.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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