Vertreibung aus der Tschechoslowakei Altabt Kränkl floh aus dem Böhmerwald nach Bayern

09.04.2021

Millionen Sudetendeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Bereits zuvor floh Emmeram Kränkl mit seinen Eltern nach Deutschland. Die Flucht hat ihn geprägt.

Emmeram Kränkl auf dem Schoß seines Vaters Georg, sein Bruder Werner neben der Mutter Maria
Familienbild 1943 in Klattau: Emmeram Kränkl auf dem Schoß seines Vaters Georg, sein Bruder Werner neben der Mutter Maria © privat

Geboren bin ich im Frühjahr 1942 in Klattau (Klatovy), einer überwiegend tschechischen Stadt innerhalb des sogenannten Protektorats Böhmen und Mähren. Dorthin war mein Vater als Leiter der neu gegründeten deutschen Volksschule berufen worden. Getauft wurde ich in der dortigen Erzdechanatskirche unter dem Gnadenbild der blutenden Madonna. Da mein Vater kurz vor meiner Geburt in die deutsche Wehrmacht einberufen wurde, verbrachte meine Mutter zusammen mit meinem Bruder und mir die Sommerzeit jeweils in ihrer Heimat in Rehberg (heute Srní) an der böhmischbayerischen Grenze.

Zu Kriegsende kam mein Vater in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Als er hörte, dass alle Gefangenen den nachrückenden Russen übergeben werden sollten, gelang ihm die Flucht nach Bayern. Von dort aus kam er insgeheim und unter großem Risiko immer wieder über die Grenze. Als Lehrer, der wie die große Mehrheit der Sudetendeutschen die Eingliederung in das Deutsche Reich begrüßt hatte, war er nach Kriegsende in der Tschechoslowakei gleichsam vogelfrei. Uns Kindern wurde damals eingeschärft: „Ihr dürft nicht sagen, dass der Vater da ist“, was mich veranlasste, gleich zu den Verwandten zu eilen und zu verkünden: „Ich darf es nicht sagen, aber unser Vater ist da.“ Nun hatte dies – Gott sei Dank – keine negativen Folgen.

Stundenlanger Fußmarsch

Die Gefährdung des Vaters war sicher auch der Grund, dass meine Eltern noch vor der eigentlichen Vertreibung, die erst 1946 stattfinden sollte, die Flucht nach Bayern planten. Sie wussten ja, was den Deutschen in den Ostgebieten bevorstand. So brachten sie in mehreren nächtlichen Gängen das tragbare Mobiliar, Dokumente, Kleidung, Bettwäsche, Geschirr und ein als Tauschobjekt besonders begehrtes Radio über die Grenze, wo sie diese Sachen bei Bekannten deponieren konnten.

Eines Abends sagten die Eltern: „Nun gehen wir über die Grenze nach Bayern. Ihr müsst ganz ruhig sein, sonst kommen die Tschechen!“ Das klang für uns Kinder sehr unheilvoll. Obwohl erst dreieinhalb Jahre alt und ohne die politischen Zusammenhänge irgendwie zu verstehen, hatte ich diese Warnung begriffen und verinnerlicht. Die Nacht war mondlos und für uns Kinder vollständig dunkel. Die Eltern, die den Weg schon öfters gegangen waren, kannten die Schleichwege. Mein Bruder, der schon fünf Jahre alt war, musste zu Fuß gehen, ich saß im Rucksack meines Vaters. Als mein Bruder in einen Bach geriet, begann er zu schreien, worauf ich ihn aus meiner sicheren Position im Rucksack heraus zurechtwies: „Werner, du musst ruhig sein, sonst kommen die Tschechen!“ Nach mehreren Stunden Fußmarsch gelangten wir an unser Ziel in Bayern.

Feindseligkeiten erlebte Kränkl nicht

Von Zwiesel aus fuhren unsere Mutter und wir Kinder dann auf der Ladefläche eines Holzvergasers sitzend nach Regensburg, von wo uns der Vater wenige Tage später ins wenige Kilometer entfernte Zeitlarn im Regental holte. Dort hatte er eine Unterkunft für unsere Familie gefunden. Als wenige Monate später die organisierte Vertreibung von vielen Millionen Menschen aus den Ländern des Ostens erfolgte, war unsere kleine Mansardenwohnung erste Anlaufstelle für viele unserer Verwandten.

Als Kinder hatten wir keine Schwierigkeiten, uns in das Dorfleben zu integrieren. Wir sprachen ja nahezu denselben Dialekt wie die dortigen Kinder. Dennoch fühlten wir uns den anderen Kindern, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, innerlich mehr verbunden. Von Feindseligkeiten Einheimischer gegenüber den Vertriebenen und Flüchtlingen spürten wir als Kinder nichts.

Hunger und Kälte

Die Jahre 1945 bis 1948 waren geprägt von Hunger, im Winter von großer Kälte. Dennoch schafften es die Eltern, immer irgendwas auf den Tisch zu bringen. Die Wolle spannen Mutter und Großmutter selbst, unsere Kleidung war zumeist selbst gestrickt und genäht. Schon mit vier Jahren lernte ich die Uhrzeit kennen. Denn immer um drei Uhr nachmittags gab es für uns Kinder ein Brot mit Margarine oder selbst gemachter Marmelade. Der knurrende Magen verhinderte, dass wir diesen Zeitpunkt je versäumten.

Einsatz für Versöhnung

Die Flucht aus der Heimat war ein so prägendes Erleben, dass die Erinnerung an die Zeit davor wenigstens stückweise in mir lebendig blieb. Bei Ausflügen in den Bayerischen Wald schauten wir von den Höhen der Berge immer wehmütig in die alte Heimat hinüber, die bald nach dem Krieg durch den sogenannten Eisernen Vorhang von uns getrennt wurde. Der erste Besuch in der Heimat im Jahre 1969 zum Ende des Prager Frühlings war für mich ein eindrucksvolles Erlebnis. Als ich die historischen Hintergründe der Vertreibung kennenlernte, versuchte ich auch, die tschechische Sprache zu erlernen. Dazu machte ich auch öfters Urlaub in tschechischen Klöstern, wo ich immer herzlich willkommen war.

Schließlich trat ich dem katholischen Verband der sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde bei, der sich von Anfang an die Versöhnung der Deutschen mit den Tschechen zum Ziel gesetzt hatte. Als Schirmherr des Sozialwerks dieses Verbandes kann ich heute ein wenig zur Unterstützung sozialer Projekte der tschechischen Kirche beitragen. (Emmeram Kränkl OSB, er stand fast 19 Jahre der Benediktinerabtei St. Stephan in Augsburg vor und lebt heute im Kloster Schäftlarn südlich von München, wo er als Religionslehrer tätig ist.)


Das könnte Sie auch interessieren

Gegenstände, die Vertriebene aus ihrer alten sudetendeutschen Heimat nach Bayern gebracht haben.
© Sudetendeutsches Museum/S.Weise

Kultur und Geschichte der Vertriebenen

Sie hatten ein paar Kisten und Säcke auf klapprigen Leiterwagen. Im Frühjahr 1946, vor 75 Jahren, erreichten die Vertreibungen der Sudentendeutschen ihren Höhepunkt. Sie mussten ihre Heimat im...

08.04.2021

Zu sehen ist der Integrationshelfer und ehemaliger Geflüchtete Jawed Ghaznawi
© SMB/Parschan
© SMB/Parschan

Vom Geflüchteten zum Integrationshelfer

Jawed Ghaznawi kommt aus Afghanistan und arbeitet heute als pädagogischer Assistent bei der Caritas. Er hilft den Geflüchteten in Deutschland so anzukommen, wie er es konnte.

08.04.2021

© A. Brücher-Huberova

Kulturdolmetscher erfolgreich gestartet

Malteser und Caritas haben im zurückliegenden Jahr zum ersten Mal im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen Sprach- und Kulturmittler ausgebildet. Keine einfache Aufgabe in Corona Zeiten.

17.12.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren