Pflegenotstand Altenheim Besuch von Kardinal Marx ist ein wichtiges Zeichen

16.12.2019

Es muss mehr Wertschätzung für alle Menschen in der Pflege geben – die Politik, aber auch jeder Einzelne ist gefordert, meint Autorin Tanja Bergold.

Kardinal Marx im Caritas- Altenheim Maria Eich in Krailing.
Kardinal Marx im Caritas- Altenheim Maria Eich in Krailing. © Kiderle

München – Eine Familie in der Nachbarschaft, den Opa hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. „Ach, es ging nicht mehr daheim, der lebt jetzt im Seniorenheim“. Freunde meiner Eltern, der Mann dement und voll pflegebedürftig. Besuch bekommt er kaum noch. Und dann noch die Erfahrungen meines Sohnes, der gerade ein Praktikum in einem Altenheim macht. Die Menschen dort sind voll versorgt, seine Kollegen in der Pflege sind wahnsinnig nett, immer wieder gibt es Angebote wie Basteln oder Musizieren erzählt er und trotzdem ist seine Schlussfolgerung: Nie im Leben soll einer aus meiner Familie dort wohnen müssen.

Ich erinnere mich an früher. Es gab Großfamilien, von der Oma bis zum Enkel alle unter einem Dach. Ich will das nicht verklären – mit Sicherheit wurden alte Menschen in manchen Familien vernachlässigt oder schlecht behandelt. Aber dass man füreinander da war, war eine Selbstverständlichkeit. Die Alten waren Teil der Gemeinschaft und sie waren sichtbar. Und heute?

Die Situation wird sich verschärfen

In zehn Jahren werden in München 150.000 Menschen über 75 Jahren alt sein, so das Ergebnis einer Studie. Aber wie soll das werden? Denn schon heute gibt es immer mehr Alte, die mit ihrer Rente nicht über die Runden kommen. Menschen, die an Heilig Abend allein daheimsitzen, weil die Freunde tot sind, die Familie weit verstreut. Die Situation in der Pflege ist in einem wohlhabenden Land wie Deutschland unwürdig. Pflegerinnen und Pfleger, die aufopferungsvoll helfen, die Menschen wickeln, füttern, waschen – und das für einen miserablen Verdienst. Das ist eine Schande!

Wie gut, dass Kardinal Reinhard Marx bei seinem Besuch den Mitarbeitern auch eine Geldspende mitgebracht hat. Eine Geste, der hoffentlich auch seitens der Politik Taten folgen. Sorgen wir selbst dafür. Machen wir den Mund auf, schreiben wir an unsere jeweiligen Landtagsabgeordneten und gehen ihnen – im positiven Sinn – auf die Nerven.

Sich an die eigene Nase fassen

Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Wie gehen wir denn selbst mit unseren Eltern, Großeltern oder den alt gewordenen Nachbarn um? Wie lange ist der Besuch bei der Tante her, die allein im Pflegeheim lebt? Ist sie vielleicht noch fit genug, sie einmal für ein paar Stunden zu sich nach Hause einzuladen? Kümmern wir uns um die Menschen, die uns aufgezogen, geprägt, begleitet und unterstützt haben. Machen wir ihre Anliegen, Sorge und Nöte zu unseren.

Kardinal Reinhard Marx hat es auf den Punkt gebracht bei seinem vorweihnachtlichen Besuch in einem Altenheim der Caritas: Öffnen wir unser Herz für die Alten, Schwachen und Armen. Ich wünsche mir, dass daraus Taten erwachsen. Und zwar über Weihnachten hinaus.

Die Autorin
Tanja Bergold
Leiterin Programmentwicklung im Münchner Kirchenradio
t.bergold@st-michaelsbund.de


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