Ehrenamt mit Hindernissen Altenheimbesuche trotz Corona

12.02.2021

Günther Ebert besucht ehemalige Pfarrangehörige, die nicht mehr zuhause wohnen können und nun in anderen Stadtteilen leben. Davon hält ihn auch die Pandemie nicht ab.

Essen, Körperpflege und den Rest des Tages allein: Corona-Alltag in Alten- und Pflegeheimen.
Essen, Körperpflege und den Rest des Tages allein: Corona-Alltag in Alten- und Pflegeheimen. © Imago/Rainer Unkel

München - Das alte Ehepaar war jahrzehntelang jeden Sonntag in der Messe und regelmäßig in den Seniorennachmittagen zu sehen gewesen. Doch plötzlich war ihr Platz in der Kirchenbank leer und blieb es. Günther Ebert fiel das auf, er rief nach ein paar Wochen bei den beiden an. Zuerst hob niemand den Hörer ab, später war das Telefon abgestellt. Ebert machte sich zur Wohnung der beiden auf und konnte das Klingelschild nicht mehr finden. Die Nachbarn wussten nur, dass hier kein älteres Ehepaar lebt. Im Pfarramt war immerhin herauszufinden, dass die beiden abgemeldet waren. „Nach einem Vierteljahr bin ich zur Polizei und habe dem Beamten gesagt, dass mir diese Pfarrangehörigen wichtig wären und ob er mir helfen könne.“ Tatsächlich bekam Ebert dann den Namen des gesetzlich bestellten Betreuers mitgeteilt. Und erfuhr, dass das kinderlose Paar in einem Haus für Demenzkranke untergebracht worden war. Dort besuchte er sie schließlich. Der Mann konnte sich noch erinnern, ihn aus der Pfarrei zu kennen.

Manchmal drei Corona-Tests am Tag

Ohne Günther Ebert aus dem Besuchskreis des Pfarrverbands in München-Harlaching (Dekanat Giesing) wäre das Paar einfach vergessen worden. Seit rund zehn Jahren hält der 68-jährige Rentner und gelernte Bankkaufmann die Verbindung zu Menschen, die im hohen Alter aus dem Pfarrsprengel wegziehen und keine Kinder haben. „Wenn die in einen anderen Stadtteil in ein Heim kommen, wird es auch für die alten Freunde oder unsere Ehrenamtler im Besuchsdienst schwierig, vorbeizukommen, weil die oft schon selbst gebrechlich sind.“ Das gilt erst recht in diesem Corona-Winter. Doch Günther Ebert ist da genauso zäh wie bei der Suche nach dem plötzlich verschwundenen Ehepaar. Bei sechs älteren Menschen schaut er zurzeit Woche für Woche vorbei. Lässt sich geduldig vor dem Eingang testen und wartet auf das Ergebnis. An manchen Tagen bis zu dreimal. Eine Stunde Besuch ist erlaubt, für die er von einem Ende der Stadt zum anderen fährt. Bis vor einigen Wochen sogar weit darüber hinaus, in ein Pflegeheim in Landsberg am Lech. Doch die dort untergebrachte Dame ist vor Kurzem gestorben.

22 Stunden am Tag allein

Für die Besuche benötigt er die Zustimmung des gesetzlichen Betreuers. Die meisten schauen bei ihren Klienten aber sowieso nicht öfter als einmal im Vierteljahr oder sogar noch seltener vorbei. Sie sind froh, wenn sich der gebürtige Unterfranke anbietet. Die Heime registrieren ihn dann als regelmäßigen Besucher. Mehr als einen lassen sie in der Pandemie nicht zu. Aber Günther Ebert ist sowieso der einzige, der sich für die ehemaligen Pfarrangehörigen gemeldet hat. Gerade ringt er heftig mit sich. Eines der Heime verlangt von ihm, in keine anderen Pflegeeinrichtungen mehr zu fahren, um den größtmöglichen Infektionsschutz zu gewährleisten. Er dürfte also nur noch zu einem statt bisher sechs ehemaligen Pfarreimitgliedern kommen. Er hofft nun, mit der Betreuerin eine Lösung zu finden. Denn wie wichtig die Besuche sind, erlebt er jede Woche. „Das Personal hat ja nicht viel Zeit und diese Menschen sind dann oft 22 Stunden am Tag allein.“

"Bleiben Sie doch noch"

Einer alten Dame hat der Betreuer sogar das Telefon abnehmen lassen. „Sie ist schon sehr verwirrt und hat nächtelang abenteuerliche Nummernkombinationen gewählt.“ Statt bei den erhofften Freunden und Bekannten landete sie öfter auf anderen Kontinenten und die Telefonrechnung stieg enorm. Jetzt ist Günther Ebert der einzig übriggebliebene Zuhörer. In der ersten Pandemiewelle hat er vor jedem seiner Besuche sogar Schutzkleidung anlegen müssen. Manche Patienten haben gleich nach seiner gummibehandschuhten Hand gegriffen und nicht mehr ausgelassen. „Denen war der Körperkontakt so wichtig, auch wenn sie sonst völlig abwesend wirkten.“ Andere, von denen er geglaubt hat, dass sie seinen Besuch gar nicht mitbekommen haben, flüstern: „Bleiben Sie doch noch“, wenn er gerade aufbrechen will.

Gedanken beim Gebet

Manchmal sieht er auch Tränen in den Augen der alten Menschen. Da spürt Günther Ebert immer einen Stich im Herzen und „kommt beim Heimfahren ins Nachdenken“. Er ist Single und fragt sich, „wie das bei mir einmal sein wird“. Es sind Gedanken, die er abends mit in sein Gebet nimmt, genauso wie die Sorgen und Nöte der ehemaligen Pfarrmitglieder, denen er an diesem Tag begegnet ist. Dann schlägt er kurz seinen Kalender auf und schaut nach, wen er morgen besucht, damit niemand verloren geht.

Audio

Beitrag im Münchner Kirchenradio über Günther Ebert und seine Besuche in Alten- und Pflegeheimen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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