Renten Altersarmut trifft oft Frauen

11.05.2019

Arm in München. Gerade im Alter ist das für viele Senioren Realität. Auch Renate K. gehört dazu.

Im Alter arm zu sein, ist für viele Münchner Realität.
Im Alter arm zu sein, ist für viele Münchner Realität. © ia_64 - stock.adobe.com

München – Die reiche Stadt München hat auch eine arme Seite. Hier gilt als arm, wer weniger als 1.350 Euro im Monat zur Verfügung hat. Die Durchschnittsrente liegt aber bei lediglich 785 Euro. Altern an der Armutsgrenze ist für viele Münchner also Realität. Besonders Frauen sind von Altersarmut betroffen. Renate K. wächst in der Nachkriegsgesellschaft in München auf. Sie hat eine glückliche Kindheit, besucht das Gymnasium und studiert anschließend Sozialpädagogik und Psychologie. Über ihre große Leidenschaft, die Musik, lernst sie ihren Ehemann kennen. Gemeinsam eröffnen sie in den 70er Jahren einen Musikladen in München mit angeschlossener Musikschule – eine Zeit lang floriert beides, die Familie hat mittlerweile drei Kinder, genug Geld und lebt in schönen, großen Wohnungen. Das Paar, insbesondere der Mann, entwickelt nebenbei eigene technische Musikgeräte, die auch international verkauft werden. Für das letzte Gerät, eine Maschine, die sehr stabile Saiten herstellt, verschuldet sich die Familie. Parallel erkrankt der Ehemann an Krebs. Das ist der Anfang vom Ende: K.s müssen Insolvenz anmelden. Nach dem Tod ihres Mannes 2012 bleibt Renate K. alleine zurück, ohne finanzielle Absicherung und Rücklagen. Im März 2018 erleidet sie einen Schlaganfall – ihre linke Seite ist vorübergehend gelähmt.

Erfüllte Vergangenheit gibt Kraft

Renate K. ist ein glücklicher, zufriedener Mensch. „Ich habe viele wohlhabende Freunde. Die wissen alle dass ich Grundsicherung bekomme. Warum soll ich das auch nicht erzählen. Ich finde nicht, dass es eine Schande ist. Ich bin da reingerutscht, weil ich einen genialen Mann hatte.“ Über den München-Pass besucht sie kostenlos zahlreiche, kulturelle Veranstaltungen. Essen gehen braucht sie nicht oft, sie kocht ja gern. „Ich habe alles, was ich brauche“. Sie schöpft viel Kraft aus ihrer reichen, erfüllten Vergangenheit und ihrem großen, sozialen Netzwerk. Nach dem Schlaganfall dachte sich Renate K.: „Ich brauche unbedingt ein Klavier“. Durch Fingerübungen wollte sie ihre geschwächte, linke Seite stärken. „Aber ich hatte keines.“ Und Geld natürlich auch nicht. Sie sprach mit einem Freund – und schon wenig später stand ein altes, aber funktionsfähiges Klavier in ihrer Wohnung. „Man muss nur reden mit den Leuten“. Nach diesem Motto lebt sie – und zwar sehr zufrieden.

Altersarmut hat mehrere Gründe

Wie von Armut betroffene Frauen mit ihrer Situation umgehen ist sehr unterschiedlich. Dr. Irene Götz, Professorin am Institut für Volkskunde/Europäische Ehtnologie der LMU München hat für ihr Buch „Kein Ruhestand“ gemeinsam mit Kolleginnen erforscht, wie Frauen mit Altersarmut umgehen. „Viele Frauen arrangieren sich erstaunlich gelassen mit ihrer Situation. Andere sind verbittert und wütend und manche haben auch einen gewissen Sozialneid. Etwa auf die, die eine Wohnung besitzen oder einen Partner haben.“ In ihrem Buch kommen viele Frauen zu Wort, die von Altersarmut betroffen sind. Warum es vor allem Frauen sind, hat mehrere Gründe, sagt Götz:

1) Nachkriegsgeneration: da wurde wenig in die Bildung von Frauen gesteckt – „Du heiratest ja eh“

2) Sackgassenberufe – Viele Frauen ergriffen Jobs mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. Und nach der Eheschließung war weiter arbeiten oft gar nicht erwünscht (insbesondere in den 60er und 70er Jahren).

3) In den letzten 20 Jahren gab es dann die Minijobs die vor allem Frauen ausübten – und die gar keine Rentenpunkte abwarfen. Und wenn dann noch eine Scheidung hinzukam und sich Frauen beruflich komplett neu aufstellen mussten, nebenbei oft noch Kinder allein großziehen mussten, war eine Altersarmut sehr schnell vorprogrammiert.

Zahlreiche Hilfsangebote

Jede Frau hat ihre eigene Strategie, mit ihrer prekären Lebens-Situation umzugehen, sagt Götz. Oft werde bei Kulturveranstaltungen gespart, an Kleidung und Essen. „Man rennt ständig Sonderangeboten hinterher. Man kocht am Monatsende vor.“ Und noch ein berührendes Beispiel einer sehr armen Frau fällt ihr ein: „Sie fragt im Supermarkt nach, ob sie die weggeworfenen Reste von Kohlrabi mitnehmen darf. Daraus macht sie Krautwickel.“ Von städtischer und kirchlicher Seite gibt es zahlreiche Hilfsangebote. Aber viele Frauen trauen sich nicht davon Gebrauch zu machen – oder sie wissen schlicht nichts davon. Christiane Blum ist die Leiterin des Alten- und Service-Zentrum Neuhausen der Caritas. Sie und ihr Team beraten arme Frauen individuell und geben ganz praktische Tipps: „Wir zeigen den Armen Frauen auch auf, dass es Kleiderkammern gibt, dass es Gebrauchtwarenhäuser gibt, dass es die Münchner Tafel gibt. Da versuchen wir auch Wege hinzubereiten, dass auch da die Scham abgebaut werden kann.“ Und wenn Frauen zu ihr kommen, weil die Waschmaschine kaputtgegangen ist, wüssten sie, welche Stiftungen anzuschreiben seien und welche Fonds und Töpfe es darüber hinaus gebe.

Beratung für Frauen in Finanzfragen

Dass junge Frauen heute bloß nicht in die selben Fallen tappen wie die vorhergehenden Generationen, dafür setzt sich Helma Sick ein. Die Finanzexpertin berät Frauen in Finanzfragen und schreibt Artikel darüber. Sie sagt: Wenn ein junges Paar heiratet und sich ein Kind wünscht „dann sollte es nicht ganz selbstverständlich sein, dass sie zuhause bleibt. Das kann man ja bereden. Mein Wunsch wäre, dass ein Jahr sie zu Hause bleibt und ein Jahr er. Und dann das Kind in den Kindergarten geht“. Und wenn sich eine Frau doch entscheidet, länger zu Hause zu bleiben, sollte sie unbedingt zur deutschen Rentenversicherung gehen und sich vorab informieren: Was macht das mit meiner Rente, wenn ich beispielsweise fünf Jahre zu Hause bleibe? Diese Zahlen sollten dann Grundlage sein für ein Gespräch mit dem Partner: „Schau mal, das ist ja doch ganz schön happig, was ich da Renteneinbußen habe. Wie können wir das aus dem Familieneinkommen ausgleichen? Über einen Sparplan zum Beispiel, der für mich eingerichtet wird.“ Ihr Credo: es lässt sich alles regeln. Frau muss nur wissen, dass es zu regeln ist!


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