Schäfflertanz Am Ende fließt schon mal eine Träne

20.02.2019

Heuer tanzen die Schäffler wieder. Nur alle sieben Jahre gibt es den beliebten Brauch zu sehen. Was es damit auf sich hat, lesen Sie hier.

Schäfflertanz am Karlstor in München
Schäfflertanz am Karlstor in München © Kiderle

München – Das Foto täuscht. Der Mann, der dort so freudig den Mund aufreißt, um einen wärmenden Obstbrand an diesem kühlen Februarabend eingeflößt zu bekommen, wird hereingelegt. Denn genau, als das Glas die Lippen schon fast berührt, zieht der Kaspar das Glas blitzschnell weg und trinkt den Schnaps rotzfrech selbst. Die Menge johlt und auch der Reingelegte lacht über den kleinen Scherz. Beim Schäfflertanz im Schatten des Karlstores mitten in München haben sich gut hundert Menschen versammelt, um der Schau beizuwohnen. Schließlich treten die Schäffler nur alle sieben Jahre auf.

Der Tanz beginnt etwas später, als geplant. Zunächst ist nur ein vereinsamter Schäffler zu sehen. Aber mit der roten Jacke, dem Lederschurz und den schwarzen Kniebundhosen hat der großgewachsene Mann genug Präsenz, um den Platz fast alleine zu füllen und so versammeln sich immer mehr Schaulustige. Viele Familien mit Kindern sind extra gekommen, während Touristen und Menschen auf Shoppingtour spontan stehen bleiben. Und dann ganz heimlich still und leise stehen sie plötzlich da. Die Schäffler haben sich nur einen Steinwurf entfernt in der Herzog-Wilhelm-Straße versammelt. Die Musiker nehmen ihre Plätze ein, während die Tänzer sich zum Einzug bereit machen.

Es gibt nur noch eine Schäfflerei in München

Ein paar Tage später sitzt Wolfgang Steppes in voller Montur in einem Café am Arabellapark. Später wird er mit den Schäfflern auftreten, vorher muss er noch kurz ins Büro. Der 38-Jährige ist, wie man in Bayern sagt, ein „gestandenes Mannsbild“ mit einer tiefen, sanften Stimme. Es ist bereits seine zweite Saison mit den Münchner Schäfflern. Bei den Auftritten am Vormittag in Schulen ist er nicht dabei, denn er tanzt nicht mit, sondern verkauft Karten. Eigentlich arbeitet Steppes in einer Patentanwaltskanzlei. Schäffler oder Küfer, also Menschen, die Fässer herstellen, gibt es kaum noch. Nur noch eine Fassfabrik existiert in München und die Hälfte der Angestellten bekommt für die Saison frei. „Früher war das für die über 20 Schäfflereien und die Brauereien eine Ehre, wenn ihre Angestellten mittanzen durften“, erklärt der Mann mit dem fein gezwirbeltem Schnurrbart. Heute sei das anders. Einer der Schäffler arbeitet bei einer Brauerei, deren Geschäftsführer Holländer ist. Der habe da wenig Verständnis. Auch für die anderen Schäffler ist es schwierig, für die ganze Saison frei zu bekommen. Deshalb gibt es jetzt auch Teilzeit-Tänzer in dem 1860 gegründeten Verein.

Aber die Tänzer arbeiten nicht mehr alle in Brauereien oder der Fassfabrik. Heute darf jeder männliche Münchner Mitglied beim „Fachverein der Münchner Schäffler“ werden. Früher mussten alle Tänzer Schäfflergesellen, unverheiratet und katholisch sein und durften auch nur eine Saison lang mittanzen. Das ist heute anders. Inzwischen gibt es einige, die bereits das sechste Mal mitmachen. Nur das Geschlecht und der Wohnort sind als Kriterien geblieben. Dass die Tänzer nur Männer sind, hat historische Gründe: Es gab früher schlicht keine Frauen in den Schäfflereien.

Der Kaspar täuscht nur vor, dem Zuschauer Schnaps einzuflößen. Volontär Thomas Stöppler schaut im Hintergrund gespannt zu.
Der Kaspar täuscht nur vor, dem Zuschauer Schnaps einzuflößen. Volontär Thomas Stöppler schaut im Hintergrund gespannt zu. © Kiderle

Eine Aufforderung zum Tanzen

Schon beim Einzug der Schäffler wird dem Zuschauer die Komplexität des Tanzes vor Augen geführt. Jeder hat seine klar definierte Rolle. Die erste Figur ist die „große Schlange“: eine Aufforderung zum Tanzen. Der Vortänzer tanzt um jeden Schäffler herum, bis er sie alle mitgerissen hat.

Beim Tanzen geht es meistens um die Gaudi – natürlich auch bei den Schäfflern: Der Kaspar macht seine Späßchen und Steppes verkauft Fotos und kleine Flaschen mit Schnaps. Eine Brennerei in Aschheim hat extra dafür besondere Schnäpse gebrannt, die nach den einzelnen Figuren benannt sind: dem „Reifenschwinger“, dem „Vortänzer“ und dem „Kaspar“. Ein Schäffler sammelt Spenden und ruft: „Die Bierkasse der Schäffler ist leer!“

Warum der Schäfflertanz nur alle sieben Jahre stattfindet, lässt sich nicht eindeutig klären. „Weil der Erzherzog das im Pestjahr 1517 so verfügt hat“, meint einer der Schäffler. Daran hat sich aber nicht jeder gehalten: 1746 und 1749 gab es in nur drei Jahren zwei Schäfflertänze. Der jetzige Turnus existiert gesichert aber schon seit 1760. Der Grund bleibt dennoch unklar, auch wenn der Fachverein da ein paar Ideen hat: Vielleicht ist es die Glückszahl Sieben, vielleicht auch die Tatsache, dass die Menschen früher glaubten, die Pest würde alle sieben Jahre kommen und der Schäfflertanz könne der Seuche Einhalt gebieten. Denkbar ist ebenso, dass die Schäffler sich mit anderen Zünften in ihren Darbietungen abwechselten, wie zum Beispiel dem Metzgersprung. Nur sind im Laufe der Zeit einige dieser Bräuche verloren gegangen. Der Legende nach jedenfalls waren die Schäffler die Ersten, die im Pestjahr die Menschen wieder auf die Straße lockten. Und auch jetzt ziehen sie die Menschen an, immer mehr bleiben stehen und schauen begeistert zu.

Über 400 Auftritte in achteinhalb Wochen

„Sommerhäusl“ und „Großes Kreuz“ sind die nächsten Figuren. Die Schäffler schwingen die Beine genau im Takt der kleinen Kapelle, sie wirbeln die Reifen umher und tanzen unter ihnen durch. Währenddessen tragen zwei ein kunstvoll verziertes Fass in die Mitte des Platzes und Wolfgang Steppes sowie die beiden Kaspars gehen zu den Schaulustigen, heizen die Menge an. Obwohl sie nur alle sieben Jahre tanzen, weiß jeder genau, was er wann wo zu machen hat. Wer eine Saison mitgemacht habe, der vergesse die Tanzschritte nicht so schnell, erklärt Steppes lächelnd. Bei über 400 Auftritten in den knapp achteinhalb Wochen vom Dreikönigstag bis zum Faschingsdienstag glaubt man ihm das sofort. Nach der Wiesn fängt für die Mitglieder des Vereins die Vorbereitung an. Zweimal die Woche üben sie bis Weihnachten. Dann muss jeder Schritt, jede Bewegung, jeder Reifenschwung sitzen.

Heute läuft alles glatt, wie eigentlich immer, denn jeder Tänzer nimmt seine Aufgabe ernst. Rund 100 Mitglieder hat der Verein, 40 davon sind Tänzer und über 20 von ihnen sind an einem Auftritt beteiligt. Dazu kommen noch die Musiker, die nicht Mitglieder im Verein sind. Es hat nicht immer jeder Zeit – und bei dem kühlen Wetter fällt auch immer mal wieder einer krank aus. Aber eher selten, denn: „Jeder will unbedingt dabei sein.“ Da gibt man alles – selbst wenn die Nase läuft.

Ein Hoch auf den Bürgermeister

Beim „Reifenschwung“ steigt der Reifenschwinger nach seinen Kunststücken auf ein Fass und ruft ein dreifaches „Vivat Hoch“ auf den Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), denn die Stadt hat den Tanz bestellt und bezahlt. Das eingenommene Geld wird benötigt, um all die Dinge hinter den Kulissen zu bezahlen: den Bus, mit dem die Schäffler zu ihren oft sehr dicht getakteten Auftritten fahren, den Schuster und den Schneider für die Kostüme. Diese sind, das ist Steppes wichtig, keine Tracht, sondern die Zunftgewänder der Schäffler. In diese sind zwei Erinnerungen an die Pest eingearbeitet: das Pestband und die Pestschleife. Der Kaspar malt den Schaulustigen mit Asche einen Strich auf die Nase. Auch dies ist eine Reminiszenz an die Pest, aber auch – wie der Händedruck eines Schornsteinfegers – ein Glückssymbol.

Der Höhepunkt der Saison ist am Faschingsdienstag. Bei Fackelbeleuchtung tanzt die Truppe um 21 Uhr am Karlsplatz ein letztes Mal. Für die Männer, die über acht Wochen eng zusammen gewachsen sind, endet die Saison. Erst in sieben Jahren treten sie wieder auf. „Wenn man in die Augen der Kollegen schaut, da wird auch bei den gestandenen Mannsbildern ein Tränchen verdrückt“, gibt Steppes zu.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Fasching

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