Christentum und Islam im Vergleich An Gottes Segen ist alles gelegen

19.01.2021

Gesegnet sein heißt: Unter der Obhut Gottes stehen. Das macht Segen zum wichtigen Bestandteil von Religion. Katholiken und Muslime unterscheiden sich dabei in einer wesentlichen Praktik.

Papst Frankzikus segnet mit seiner Hand
Päpstlicher Segen: "Urbi et Orbi" ist der wohl bekannteste Segen der katholischen Kirche. © Antoine - stock.adobe.com

Ein kurzes „Grüß Gott“ reicht, um seinen Gegenüber zu segnen. Denn was heute ein einfacher Gruß ist, heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung „möge Gott dich grüßen“, im Sinne von „möge dich Gott dich segnen“. Jedoch ist Segen keineswegs nur ein Phänomen der christlichen Kultur. Bei Muslimen hört sich das Ganze so an: As-salamu alaikum wa barakatuhu. Der arabische Friedensgruß „As-salamu alaikum“ wird erweitert durch den Segenswunsch „baraka“. „Das heißt, der Friede und der Segen Gottes soll mit uns sein. Diesen Ausspruch haben Muslime täglich auf den Lippen“, sagt Gönül Yerli, Religionspädagogin und Vizedirektorin der Islamischen Gemeinde Penzberg.

Segen ist nicht gleich Segnen

Der Segenswunsch ist aber nicht zu verwechseln mit dem aktiven Segnen: Für Katholiken mag das Ähnlichkeiten haben, schließlich können im Alltag alle Getauften und Gefirmten segnen. Zum Beispiel Eltern ihre Kinder. Im Gottesdienst und in Sakramenten ist es geweihten Amtsträgern oder beauftragten Laien vorbehalten, den Segen beispielsweise mit Weihwasser, einer Handauflegung oder dem Kreuzzeichen zu spenden. Einer der bekanntesten Segen der katholischen Kirche ist "Urbi et Orbi", der Papstsegen "der Stadt und dem Erdkreis" an Ostern.

Im Islam werden die beiden Begriffe getrennt: „Ein deutlicher Unterschied zum Christentum ist, dass zwar Menschen sich gegenseitig Segen sein können, aber nicht Segen spenden können“, sagt Yerli. Der Mensch könne ein „Vehikel“ dazu sein, nicht aber einem anderen den Segen Gottes geben. Nach muslimischer Ansicht habe Gott den Segen schon auf den Weg mitgegeben und das ganze Universum damit erfüllt. „Insoweit ist Segen ein unabdinglicher Zuspruch Gottes an den Menschen. Diesen Segen kann nur Gott spenden“, so die Religionspädagogin.

Zuspruch und Schutz

Es gibt im Islam daher Rituale und Zeiten, die speziell unter dem Segen Gottes stehen: Ein besonders gesegneter Monat ist der Ramadan. Auch Gemeinschaft, Gebet und materielle wie ideelle Spenden sind Beispiele dafür, wie Gottes Segen jemanden ereilen kann. „Je mehr gespendet wird, desto mehr schützt sich der Mensch vor körperlicher Versehrung. Wenn ich mal krank bin, fragt meine Mutter: Wann hast du das letzte Mal gespendet?“, erklärt Yerli diese Praktik, die für Katholiken befremdlich klingen mag. Letztendlich seien das „religiöse Praxen, in denen der Mensch dem Segen selbst näherkommen soll.“

Warum aber ist der Segen Gottes den Gläubigen so wichtig – in beiden Religionen? Zentral ist die Erwartung, unter der Obhut Gottes zu stehen. Katholiken verbinden mit dem Segen den Zuspruch und die Zuwendung Gottes. Sie vertrauen darauf, dass sich die Nähe Gottes positiv auswirkt - zum Beispiel auf einen Kranken, eine Familie oder einen Reisenden. Segnen heißt, jemandem im Namen Gottes dessen Schutz oder andere, eher ideelle Bedürfnisse wie Glück und Gesundheit zuzusprechen. So geht es auch bei der Segnung von Gegenständen um das Wohl des Menschen, der sie benutzt.

Ein allumfassender Segen

Weniger abstrakt ist der Zuspruch im Islam, beispielsweise bei einer Eheschließung. „Man sagt: Gott soll euch den Segen geben. Den Segen der Nachkommenschaft, der Liebe oder des Respektes“, erklärt Yerli. Und in materieller Hinsicht auch den des Reichtums, was eine weitere Bedeutung von „baraka“ ist. „Man wünscht nicht nur körperlichen Segen, sondern auch materiellen. Nicht im Überfluss, aber Wohlbefinden hängt ja auch von Wohlstand ab“, so Yerli. Alle religiösen Bedürfnisse sind für sie letztlich in einem Wort ausgedrückt: „Baraka ist ein allumfassender Segen.“

Auch wenn also Katholiken und Muslime durchaus unterschiedlich mit dem Thema „Segen“ umgehen, spielt er eine zentrale Rolle in den religiösen Praxen, auch im Alltag. Beide Glaubensrichtungen dürften überzeugt sein: „An Gottes Segen ist alles gelegen“. (Hannah Wastlhuber, Volontärin)


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