Wohnungslosigkeit in München Angst, das Zuhause zu verlieren

07.12.2019

Weihnachtsgefühle kommen bei Herrn F. sicher nicht auf. Der 65-jährige Rentner steht kurz davor, seine Wohnung räumen zu müssen.

Seine Wohnung zu verlieren, gehört zum Schlimmsten, was einem passieren kann. (Symbolfoto)
Seine Wohnung zu verlieren, gehört zum Schlimmsten, was einem passieren kann. (Symbolfoto) © samuel - stock.adobe.com

München – In den über 25 Jahren, in denen ich nun schon in Zusammenarbeit mit der Caritas jedes Jahr Menschen in Not besuche, um unseren Leserinnen und Lesern deren Schicksale nahezubringen, hat sich viel verändert in punkto Armut. Zwar kann ich nicht sagen, ob sie mehr oder weniger geworden ist, aber ich weiß: Armut macht vor niemandem Halt. Menschen, die heute noch in vermeintlich gesicherten Verhältnissen leben, können sich morgen schon in einer finanziell schier ausweglosen Lage befinden. Die Gründe dafür sind ebenso zahlreich und vielfältig wie die Menschen, denen man – auch das war früher anders – ihre Bedürftigkeit nicht mehr auf den ersten Blick ansieht. Ein gutes, in Wirklichkeit aber natürlich trauriges Beispiel ist Herr F., den ich im Alten- und Servicezentrum Solln kennenlerne. Einwandfrei gekleidet und gepflegt begrüßt mich der 65-Jährige sehr höflich und ich ahne, wie wichtig ihm gute Umgangsformen sind. Nichts lässt auf den ersten Blick erkennen, dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der bereits jetzt in Armut lebt und dem vielleicht schon bald ein noch schlimmeres Schicksal bevorsteht.

Das kranke Herz

Das Leben von Herrn F. ist lange Zeit in recht ruhigen Bahnen gelaufen. Der gebürtige Franke ist schon bald nach seiner Ausbildung zum Kaufmann nach München gezogen, weil man ihm hier eine gute Stelle angeboten hatte. Dort habe es ihm, wie er berichtet, gut gefallen. Auch später, als er freiberuflich in sehr verschiedenen Bereichen tätig gewesen ist, habe es ihm an nichts gefehlt, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass Herr F. ein sehr bescheidener Mensch ist, der keine großen Ansprüche stellt. „Ich hatte eine Wohnung und immer genug zu Essen für mich und Paula“, sagt Herr F. und lächelt dabei. Dazu muss man wissen, dass es sich bei besagter Paula um eine ausgesprochen liebe Katzendame handelt. Vielleicht ist es ein klein wenig übertrieben, wenn man behaupten würde, dass dieses Tier die große Liebe von Herrn F. ist – aber nur ein klein wenig. Tatsache ist, dass die beiden nun schon seit über 15 Jahren zusammenleben, und weil es nicht allzu viele Menschen im Leben von Herrn F. gibt, ist die Verbindung der beiden schon eine ganz besondere.

Adventrufe

In der Vorfreude auf Weihnachten und in besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Daher werden in der Reihe "Adventrufe" auch heuer wieder Menschen vorgestellt, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr in der Adventszeit wieder gemeinsam um Spenden für die Aktion „Adventrufe“. Wenn Sie helfen möchten, können Sie unter dem Stichwort „Adventruf 2019“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München spenden: IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79 BiC: GENODEF1M05

Vor etwa fünf Jahren sind bei Herrn F. zum ersten Mal gesundheitliche Probleme aufgetreten. Sein krankes Herz hat ihn schließlich nach und nach dazu gezwungen, seine Berufstätigkeit zuerst zu reduzieren und sie schließlich ganz einzustellen. „Es ging einfach irgendwann nicht mehr“, sagt Herr F. und er tut es so leise, als würde er sich dafür schämen. Dass er von da an auf Grundsicherung angewiesen war, hätte Herr F. wohl auch noch einigermaßen gut weggesteckt. So richtig eng wurde es allerdings, als ihm vor einem Jahr schließlich der Vermieter die Wohnung gekündigt hat. „Anfangs habe ich noch gedacht, dass man da noch etwas machen kann“, berichtet Herr F. Leider ließ der Vermieter, der erst zwei Jahre zuvor das Haus gekauft hatte, in dem Herr F. seit 20 Jahren lebt, nicht mir sich reden, so dass Herr F. keinen anderen Ausweg gesehen hat, als eine gerichtliche Klärung herbeizuführen, um nicht aus seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung vertrieben zu werden.

Drohende Obdachlosigkeit

Viel Hoffnung gibt es nach einem negativen Urteil in der ersten Instanz allerdings nicht mehr. Es sieht so aus, als würde der Räumungsbescheid, der mittlerweile vorliegt, tatsächlich zum Jahresende vollstreckt werden. Eine echte Katastrophe für den kranken Mann, der bislang noch keine Idee hat, wie es danach mit ihm und seiner Paula weitergehen wird. „In München eine Wohnung für uns zu finden, die man bezahlen kann ...“, lässt er seinen Satz unvollendet und schüttelt mit dem Kopf. Weder Birgit Fleischmann, die Sozialpädagogin, die sich um Herrn F. kümmert, noch ich können widersprechen.
Wie es in ihm drinnen aussieht, darüber kann man beinahe nur spekulieren: Herr F. hat große Angst, bald obdachlos zu sein. Immerhin das spricht er aus und wirft dabei einen traurigen Blick auf seine Katze, die friedlich vor sich hinschnurrt. Neben dem drohenden Verlust der Wohnung plagen den Mann auch noch arge Geldsorgen, weil er sich für die Auseinandersetzungen vor Gericht verschulden musste und nicht weiß, woher er das Geld nehmen soll, um den Prozess zu Ende zu führen – seine letzte Chance, um sein Zuhause nicht zu verlieren.

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Adventrufe Advent & Weihnachten

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