Start der "Adventrufe" Angst um Mutter und ungeborenes Kind

02.12.2018

In der sechsten Schwangerschaftswoche nimmt Angelika plötzlich alles nur noch verschwommen wahr und das Sprechen fällt ihr schwer. Schlaganfall, lautet die Diagnose im Krankenhaus. Seitdem ist für ihre kleine Familie nichts mehr, wie es war.

Diagnose: Schlaganfall während der Schwangerschaft (Symbolbild)
Diagnose: Schlaganfall während der Schwangerschaft (Symbolbild) © Gorodenkoff Productions OU

Garmisch-Partenkirchen – Suchend laufe ich durch das ehemalige Kasernengebäude mit seinen gut vier Meter hohen Decken. Ich höre das vergnügte Quietschen eines Kleinkindes und folge ihm. Begrüßt werde ich vom zweijährigen Marius (Namen geändert), der im Flur des heutigen Wohnhauses freudestrahlend auf mich zu getrappelt kommt; seine blonden, wuscheligen Haare schwingen im Takt hin und her. Vater Christian bittet mich herein, seine Frau Angelika reicht mir die linke Hand zur Begrüßung.

Wir setzen uns an den Esstisch, Marius bewundert auf dem Boden kniend die bunten Schmetterlinge in seinem Bilderbuch. Angelika verbirgt ihre Hände in ihrem Schoß, seltsam lächelnd – der rechte Mundwinkel hängt herab – beobachtet sie ihren Sohn; ihre roten, langen Locken fallen über ihre Schultern. Angestrengt versucht sie mir zu erzählen, was ihr vor zwei Jahren widerfahren ist. Ich verstehe sie kaum und traue mich auch nicht nachzufragen, um sie nicht noch mehr zu verunsichern. Ihr Mann übernimmt das Wort. Angelika atmet erleichtert aus, ihre Augen wandern wieder zu Marius. Sich zu konzentrieren, muss ihr sehr schwer fallen.

Der Vater macht sich immer noch Vorwürfe

„An jenem Morgen“, Christian kratzt sich beim Erzählen am Kinn, „war alles normal wie immer – dachte ich fälschlicherweise.“ Der grauhaarige Mann macht sich noch immer Vorwürfe, nicht gleich auf sein Bauchgefühl gehört zu haben. Damals ist Angelika in der sechsten Woche schwanger. Und etwas stimmt nicht mit ihr: „Ich habe alles nur verschwommen gesehen und das Sprechen fiel mir schwer, dachte aber, das legt sich schon wieder“, schildert Angelika langsam. Ihre Brille ist ihr bis auf die Nasenspitze vorgerutscht. Obwohl sie dagegen war, rief ihr Mann den Notruf und schon kurze Zeit später befand sich die damals 37-Jährige im Hubschrauber auf dem Weg in die Klinik. Diagnose: Schlaganfall.

„In dem Moment schossen mir tausende Gedanken durch den Kopf. Ich wusste nicht, um wen ich mehr Angst haben sollte – um meine Frau oder unser ungeborenes Kind“, erzählt Christian, seinen Kopf stützt er auf seine gefalteten Hände, die Augenbrauen sind weit nach oben gezogen. Seine Frau überlebt den Schlaganfall, jedoch nicht ohne körperliche und sprachliche Behinderungen. Zahlreiche Klinikaufenthalte und Reha-Maßnahmen muss die lebenslustige Frau über sich ergehen lassen. Außer „Nein“ geht ihr kein Wort über die Lippen, ohne Rollstuhl kommt sie keinen Meter voran. Umso erleichterter ist das Paar, als es erfährt, dass es Marius, seit langem ersehntes Wunschkind, im Bauch gut geht. Per Kaiserschnitt kommt das Baby gesund zur Welt.

Adventrufe

In der Vorfreude auf Weihnachten und in den besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge selbst vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Die Münchner Kirchenzeitung stellt auch heuer wieder Menschen vor, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr wieder um Spenden für die Aktion „Adventrufe“.

Wenn Sie helfen möchten, können Sie spenden unter dem Stichwort „Adventruf 2018“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München:
IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79
BiC: GENODEF1M05

Nichts ist mehr wie vorher

Ich bin erstaunt, wie gefasst die beiden mir ihre Geschichte erzählen, die doch einen so gravierenden Einschnitt ins Leben bedeutete. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. „Der Alltag mit einer kranken Frau und einem zum Glück so lebhaften, gesunden Kind ist nicht einfach, aber wir glauben beide, dass Gott uns nicht mehr zumutet als wir schaffen können.“ Christian schaut mir direkt in die Augen, in

seinem Blick meine ich Zuversicht und Kampfgeist zu erkennen. „Das Wichtigste ist, dass wir einander haben.“ Ihr Sohn bedeutet Angelika die Welt, für ihn kämpft sie sich weiter zurück ins Leben. Dreimal pro Woche geht die Mutter zur Ergo- und Physiotherapie sowie zur Logopädie.

Das Jugendamt steht vor der Tür

Allerdings wird die kleine Familie, die von der diözesanen Caritas unterstützt wird, noch einmal auf eine harte Probe gestellt: Wenige Wochen nach der Geburt stehen Polizei und Jugendamt vor der Tür und nehmen Marius mit; die Behörden befürchten, das Kind würde vernachlässigt. Vater Christian sieht keine andere Möglichkeit als seinen Job als Gärtner zu kündigen – auf alles kann er verzichten, nicht jedoch auf seinen Sohn. Nach einer Woche ist der Spuk vorbei, das Paar darf seinen Sprössling wieder in die Arme schließen. Die Familie lebt seitdem von Sozialhilfe. Angelika und Christian sind der Ansicht, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Doch für größere Anschaffungen fehlt der Familie das Geld. Angelika wünscht sich ein e-Bike-Dreirad: Das gemeinsame Fahrradfahren fehlt der teilweise gelähmten Frau sehr. „Die Bewegung täte ihr gut. Außerdem würde sie ein Stück ihrer Freiheit und Unabhängigkeit zurückgewinnen, wenn sie mit dem Dreirad beispielsweise einfach in den Supermarkt fahren und kleine Einkäufe erledigen könnte“, meint Christian.

Was wünscht sich die Familie noch für die Zukunft außer einem Dreirad für Mutter Angelika? „Wenn man so etwas wie wir erlebt hat, ganz klar Gesundheit!“ Und dann sagt Christian, dem das Wohl und die gute Entwicklung seines Sohnes über alles gehen, einen Satz, der mich bis heute nicht loslässt: „Wir sind zufrieden mit unserem Leben.“ (Céline Kuklik)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent

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