Nach der Integration Angst vor Abschiebung

30.06.2017

Ali war 15, als er seine Heimat Afghanistan verließ. Ganze sieben Monate dauerte seine Flucht nach Deutschland. Jetzt - zwei Jahre später - wohnt er bei Pflegeeltern, spricht fließend Deutsch und geht auf die Mittelschule. Doch er hat Angst, nicht bleiben zu dürfen.

Ali, der aus Angst vor Verfolgung nicht erkannt werden darf, mit seiner Pflegemutter Elisabeth Metz vor dem Jugendhaus Schwabing. © Katharina Zöpfl

Manchmal fahren Männer vom so genannten ,Islamischen Staat‘ mit dem Auto vorbei. Sie zwingen dich einzusteigen. Dann fragen sie, ob du ein Hazara bist. Wenn du ,Ja‘ sagst, schneiden sie dir den Kopf ab.“ Ali G. ist ein Hazara. Er gehört somit einer der meist verfolgten Ethnien im Pakistan an.

Der heute 17-jährige Afghane war mit seiner Familie als Kind vor dem Krieg nach Pakistan geflohen. Doch auch dort verschlimmerte sich die Lage bald. „Als eine Bombe meinen Vater tötete, wusste ich nicht, wie es weitergehen soll“, erzählt Ali. Schließlich beschloss der damals 15-Jährige, den lebensgefährlichen Weg nach Europa auf sich zu nehmen. „Niemand will sein Heimatland verlassen. Aber ich musste es tun, um eine Zukunft zu haben.“ Sieben Monate lang dauerte seine Flucht über das Mittelmeer nach Griechenland, über Serbien und Ungarn nach Österreich und von dort aus nach Deutschland. „Neben mir sind Menschen gestorben, weil wir nichts zum Essen und Trinken hatten. Ich dachte, ich muss auch sterben.“

Ali spricht in fließendem Deutsch von seinen traumatischen Erlebnissen. Immer wieder wandert sein Blick zu einer Frau, die in den vergangenen beiden Jahren zur wichtigen Bezugsperson für ihn geworden ist: Elisabeth Metz. Sie war 2015 auf eine Annonce gestoßen: „Pflegeeltern für einen netten 15-jährigen afghanischen Flüchtling gesucht.“ „Ich dachte mir: Warum eigentlich nicht?“, erinnert sie sich. Auch ihr Mann, Volker Preuß, war sofort interessiert. Bei einem Spieleabend trafen sie das erste Mal auf Ali. Wieder zuhause angekommen, beschlossen sie spontan, den jungen Afghanen bei sich aufzunehmen.

In vier Wochen Grundschulstoff gelernt

Seit zwei Jahren geht Ali nun zur Mittelschule an der Simmernstraße, die er nächstes Jahr voraussichtlich mit dem Quali abschließen wird. An den Noten dürfte es nicht scheitern, in seinem aktuellsten Zeugnis finden sich nur Einser und Zweier. „Es ist ein Wunder. Er kam hierher, ohne jemals Mathe-Unterricht gehabt zu haben. In vier Wochen haben wir den gesamten Rechenstoff für die Grundschule abgehakt“, berichtet die Pflegemutter stolz.

Täglich besucht Ali die offene Ganztagesschule im Jugendhaus Schwabing, die in Kooperation mit der Mittelschule angeboten wird. „Ich kann hier in Ruhe meine Hausaufgaben machen. Wenn ich etwas nicht verstehe, bekomme ich Hilfe“, erzählt er. Das Jugendhaus ist eine Einrichtung des Erzbischöflichen Jugendamts. Im Moment kommen Jugendliche aus 16 verschiedenen Nationen hierher. „Wir bieten zum Beispiel durch das gemeinsame Essen familienähnliche Strukturen, die vielen Kindern fehlen. Außerdem haben wir ein offenes Ohr für religiöse Themen oder Fragen nach dem Sinn des Lebens“, erklärt Nina Litz-Kunisch, die Leiterin des Jugendhauses. Die Heranwachsenden würden hier akzeptiert, so wie sie sind – unabhängig von Herkunft, Religion und Hautfarbe. „Bei uns findet jeden Tag Integration statt, und es ist eigentlich ganz unkompliziert. Man muss nur ein bisschen Interesse und Zeit mitbringen“, meint die 44-Jährige lächelnd.

Unsichere Zukunft

Besonders wertvoll sei die Arbeit der ehrenamtlichen Schüler und Studierenden, die bei Hausaufgaben helfen oder sich Zeit für Gespräche nehmen. „Für die Ehrenamtlichen ist es natürlich sehr frustrierend, wenn jemand, der so viel zustande gebracht hat, dann abgeschoben wird“, bedauert Litz-Kunisch.

Auch Ali weiß noch nicht, ob er bleiben darf. Er würde gern eine Ausbildung machen, hat gerade ein Praktikum bei BMW absolviert. Für Elisabeth Metz ist die Vorstellung, dass ihr Pflegesohn zurück nach Afghanistan geschickt werden könnte, unerträglich. „Er ist Teil unserer Familie geworden und eine Bereicherung für uns.“

Die Angst und die Ungewissheit begleiten Ali ständig. „Es ist schlimm, die eigene Zukunft nicht in der Hand zu haben“, sagt er nachdenklich. „Ich habe hier sehr viel gelernt. Ich wünsche mir, dass nicht alles umsonst war.“ (Katharina Zöpfl)

Heribert Lebhard ist Bereichsleiter München-Mitte im Erzbischöflichen Jugendamt München und Freising. © privat

Gelingende Integration – eine gesamtgesellschaftlicheHerausforderung

Katholische Jugendarbeit und die Integration junger Geflüchteter, das scheint gut zu passen. Im Alltag kommen aber beide Seiten teils nur unter schwierigen Umständen und mit großem Aufwand zusammen.

Motivierte, engagierte, offene Jugendliche und junge Erwachsene auf der einen Seite und neugierige, junge Geflüchtete auf der anderen Seite – das kann doch nur eine Bereicherung für alle sein. Doch ein Großteil der geflüchteten jungen Menschen sind keine Christen und katholische Jugendarbeit ist in vielen Bereichen in ihrem „katholisch sein“ exklusiv und darf dies auch sein. Es erscheint dann in diesen Fällen eher seltsam, wenn wir Andersgläubige in die Jugendarbeit integrieren wollten, weil das respektlos und übergriffig wäre. Gleichzeitig macht es etwas ratlos in der Frage, was wir zur Integration junger Flüchtlinge beitragen können.

Zwei Fragen stellen sich an diesem Punkt: 1. Ist Integration überhaupt das richtige Ziel? und 2. Was kann katholische Jugendarbeit tun? Damit eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden kann, muss die katholische Jugendarbeit für eine Inklusion junger Geflüchteter in unsere Gesellschaft eintreten. Katholische Jugendverbände können lautstark ihren politischen und gesellschaftlichen Einfluss geltend machen. Wenn Jugendliche sich dann in Schule, Arbeit und als Nachbarn begegnen, können sie Kultur-, Bildungs- und Systemlotsen sein. Solange die Politik nicht endlich für angemessene Gesundheitsversorgung, Schulbesuch und Unterbringung in Wohnungen sorgt, solange kann katholische Jugendarbeit sich oft „nur“ politisch für junge Geflüchtete einsetzen und sich darüber hinaus natürlich da öffnen, wo dies gut möglich ist.


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