Hintergrund Antisemitismus: Fragen und Antworten

12.07.2018

Zuletzt kam es in Deutschland verstärkt zu Übergriffen auf jüdische Mitbürger, zu antisemitischen Vorfällen. Woher Antisemitismus kommt und was damit genau gemeint ist, lesen Sie hier.

Besucher der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Besucher der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. © imago/UPI Photo

Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus nennt man die offen propagierte Abneigung und Feindschaft gegenüber Juden als Volksgruppe oder als Religionsgemeinschaft. Der Begriff wird seit dem 19. Jahrhundert gebraucht, oft als Synonym für eine allgemeine Judenfeindlichkeit.

Zu den typisch antisemitischen Vorstellungen gehört, dass Juden als solche moralisch verwerflich und habgierig seien und dass ihre Kultur nicht in eine Gesellschaft passe. Zu den Vorurteilen gehört oft auch die Vorstellung, dass Juden eine eigene "Rasse" seien mit gemeinsamen körperlichen, kulturellen oder sozialen Merkmalen.

Viele Antisemiten glauben, dass Juden durch ihre finanziellen Ressourcen und weltweiten Verbindungen sehr großen Einfluss auf die internationale Politik, die Finanzwelt und die Medien haben oder sogar in verschwörerischer Weise die Weltherrschaft anstreben. Zum Beweis dafür werden angebliche Verschwörungs-Mitschriften wie "Die Protokolle der Weisen von Zion" angeführt.

Seit wann gibt es Antisemitismus?

Schon in der Antike gab es Animositäten gegen Juden, als diese im römischen Reich eigene Gemeinden bildeten. Als sich innerhalb der jüdischen Minderheit die Christen vom Judentum abspalteten, gab es Feindschaft zwischen den beiden rivalisierenden Glaubensgemeinschaften. Als die Christen zur Mehrheitsreligion wurden, blieb ihr Antijudaismus virulent.

Im Mittelalter wurden Juden für den Kreuzestod Jesu verantwortlich gemacht und als "Gottesmörder" beschuldigt. Während der Kreuzzüge entlud sich die Feindschaft in mörderischen Ausschreitungen, Vertreibungen und Zwangsbekehrungen. Auch der Reformator Martin Luther verschärfte in einigen Schriften und Predigten den bereits vorhandenen Antijudaismus.

Wie entstand der Antisemitismus der Moderne?

Die Übergänge vom religiösen Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus der Moderne sind fließend. Unter dem Einfluss der Evolutionstheorie gewann der Judenhass im 19. Jahrhundert immer mehr rassistische Züge. Er bekam vor allem in Deutschland, Österreich-Ungarn und Osteuropa wachsenden politischen Einfluss.

Seine äußerste Zuspitzung fand er in der Ideologie der Nazis und schließlich im Holocaust, in dem sechs Millionen Juden ermordet wurden. Nach 1945 existiert der Antisemitismus als kollektives Vorurteil weiter. Er äußert sich unter anderem in der Leugnung des Holocaust. Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Europa durch rechtsradikale und islamistische Gruppen und antisemitische Propaganda, insbesondere im Internet, haben im 21. Jahrhundert wieder zugenommen. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt 70 Jahre Israel

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