Kultur des Hinschauens Antisemitismusbeauftragter Spaenle wendet sich an Verbände

14.08.2019

Der Anitsemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle, will die Zivilgesellschaft bei der Bekämpfung von Judenfeindlichkeit einbinden.

Archivbild: Ludwig Spaenle und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, im Juni 2018
Archivbild: Ludwig Spaenle und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, im Juni 2018 © imago/ZUMA Press

München – Ludwig Spaenle will, dass Bürger sich einmischen, schon wenn es einfach zu dummen oder gar herabwürdigenden Bemerkungen über Juden kommt. Er fordert eine „Kultur des Hinschauens“. Darum hat der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung nun eine Strategie entwickelt und sie der Öffentlichkeit vorgestellt.

Grundlage ist eine international vielfach anerkannte Antisemitismus-Definition, der International Holocaust Remembrance Alliance, einer Vereinigung, die das Gedenken an den Judenmord wachhält. Sie lautet: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

Politik und Verwaltung haben auf Spaenles Anregung hin diese Definition auf Bundes-, Landes und Kommunalebene bereits vielfach übernommen. Sie ist die Richtschnur, um antisemitische Hetzer zu erkennen und zu bekämpfen und soll etwa bei der Polizeiausbildung angewandt werden. „Was europaweit neu und einmalig ist, dass wir sie auch Verbänden, Vereinen und Parteien vorschlagen“, so Spaenle gegenüber mk online.

Jagdverband und Landeskomitee

Über 50 Organisationen haben diese Definition angenommen oder unterstützen sie, darunter ist das Landeskomitee der Katholiken genauso wie die Caritas oder der Bund der Vertriebenen. Außerdem haben sich fast 25 Vereine, vom Bayerischen Jagdverband bis zur Naturschutzwacht oder dem Amateurtheaterverband, zu einer Bürgerallianz gegen Antisemitismus zusammengeschlossen. In etlichen dieser Verbände sind Juden während des Dritten Reichs hinausgeworfen worden, obwohl sie oft großzügige Förderer und sogar Mitgründer waren.

Spaenle möchte eine vielfältige Erinnerungsarbeit anstoßen: „Es soll über jüdisches Leben gesprochen werden, ohne dass es dafür einen negativen Anlass braucht“, so Spaenle und bezieht sich dabei auf einen Vorfall in München, bei dem ein Rabbiner und seine zwei Söhne angepöbelt und bespuckt wurden.

Judentum gehört zu Bayern

Der gelernte Historiker will deutlich machen, dass jüdisches Leben selbstverständlich zu Bayern und zur Geschichte dieses Landes gehört, hier tiefe Wurzeln hat. Er erinnert daran, dass 2021 das 1700. Jubiläum jüdischer Gemeinden in Deutschland begangen wird und Spaenle wirbt schon jetzt bei verschiedenen Institutionen sich an diesem Gedenken zu beteiligen. Zu diesem Erinnern gehört auch, dass das fruchtbare Zusammenleben immer wieder durch systematisch geschürten Hass zerstört worden ist.

Nach den nationalsozialistischen Gräueln ist es nur langsam wieder gewachsen und bedarf ständiger Pflege. Vereine und Verbände können das nach Spaenles Überzeugung am besten vielen Bürgern vermitteln, ein Bewusstsein für Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens schaffen. Er selbst spricht seit Wochen bei den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen vor, um für sein Anliegen zu werben, „vor kurzem auch im Erzbischöflichen Ordinariat in München“. Nur auf einen politischen Gesprächspartner will sich Spaenle nicht einlassen: auf die AfD.

Kein Kontakt zur AfD

In dieser Partei gehe er „von einer braunen Machtübernahme aus“, erklärte der Antisemitismusbeauftragte bei einer Pressekonferenz, auf der er seine Strategie vorstellte. Die Tabubrüche der AfD seien „ein bewusster Weg, der das öffentliche Klima verändert“. Er werde auf diese Partei nicht zugehen, „wenn, dann müsste die AfD von sich aus an den Antisemitismusbeauftragten herantreten“.

Die zunehmende Judenfeindlichkeit komme jedoch aus allen Richtungen, von rechts- wie linksextremer wie auch von radikaler islamischer Seite. Viele muslimische Zuwanderer seien mit Zerrbildern des Judentums aufgewachsen, so Spaenle, der überlegt, ob und wie die oft von ausländischen Institutionen beeinflussten und finanzierten offiziellen Islamverbände in seine präventiven Überlegungen eingebunden werden könnten. Der Antisemitismus „feiert jedenfalls auch durch das Nirvana des Internets fröhliche Urständ“, zeigt sich Spaenle gegenüber mk online überzeugt, „wir müssen uns dem entgegenstellen“.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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