"Holy Shit - was ist dir heilig?" Applaus für Poetry Slam in der Kirche

01.12.2017

Highlight zum Abschluss des Monats der Spiritualität: Beim Poetry Slam in Sankt Bonifaz kam es zum Wettstreit junger Dichter. Welcher Vortrag am meisten Applaus erhielt, erfahren Sie hier.

Der Sankt Michaelsbund brachte zum Abschluss des Monats der Spiritualität Poetry Slam und Kirche zusammen.
Der Sankt Michaelsbund brachte zum Abschluss des Monats der Spiritualität Poetry Slam und Kirche zusammen. © Kiderle

München – Zum Finale gehört die Altarinsel von Sankt Bonifaz, da wo sich sonst die benediktinischen Hausherren versammeln, ganz den Frauen: Veronika Rieger und Meike Harms duellieren sich um den Sieg beim Poetry Slam „Holy Shit – was ist dir heilig?“. Am Ende wird der Applaus des Publikums knapp den Ausschlag für eine der beiden Slammerinnen geben.

Etwa zwei Stunden vorher begrüßt der souveräne Moderator Johannes Lenz das Publikum in der in orangem und violettem Licht erstrahlenden Basilika. Mit wenigen Sätzen erklärt er die Spielregeln des Poetry Slams: Die acht jungen Dichter dürfen nur eigene Texte vortragen, keine Requisiten dabei verwenden und haben etwa sechs Minuten Zeit für ihren Vortrag. Allein der Applaus des Publikums entscheidet, welche beiden Poeten ins Finale kommen, und wer dort zum Gewinner gekürt wird.

Auftritt in Jogginghose

Eine junge Frau aus dem Publikum darf per Los bestimmen, in welcher Reihenfolge die Slammer auftreten. Den Anfang machen Darryl Kiermeier und Clemens Kascholke. Kiermeier tritt in Jogginghose – seinem Markenzeichen – und kurzem T-Shirt auf. Dafür gebührt ihm in dem eher kühlen Gotteshaus eigentlich ein Ehrenpreis. Kiermeier spricht über Freundschaft, darüber, was sie für ihn ausmacht: „Milliarden von Bildern miteinander verknüpft.“ Sein nostalgischer und ehrlicher Text erklärt, wie schwer es sei, den eigenen Freundeskreis zusammenzuhalten, wenn die Lebenswege auseinandergingen. „Jeder pflanzt einen Samen und hofft auf den schönsten Baum.“

Clemens Kascholke SJ bei seinem Auftritt in Sankt Bonifaz
Clemens Kascholke SJ bei seinem Auftritt in Sankt Bonifaz © Kiderle

Der Jesuit Kascholke widmet sich den wohl bekanntesten drei Wörtern: „Ich liebe dich.“ So schnell gingen sie einem über die Lippen, aber so schwer sei es, sie mit Bedeutung zu füllen. Der Text ist bei Schweigeexerzitien entstanden, verrät Kascholke. „Ich liebe dich“ sei ein schlichter Satz, der doch die Kraft habe, „des Andern Leben vom Kopf ganz neu zu stellen hin auf die Füß‘“. Für beide Poeten gibt es kräftigen Applaus, das Publikum hat Lust auf mehr.

Gott bei Parship

Als Nächstes treten Mate Tabula und Meike Harms vor das Mikrofon am Altar der Benediktinerkirche. Tabula wagt ein lustiges Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Gott einer von uns wäre und sich in die Welt der Sozialen Netzwerke begäbe? In der ironischen, sozusagen Augenzwinker-Emoji-Version des Poeten postet Gott Babybilder von Jesus bei Facebook (dafür gibt es ein Like von Josef und Maria), und meldet sich bei der Partnerbörse Parship als Schöpfer an – der Name „Gott“ ist dort schon vergeben. Schließlich wird Gott vom Papst „entfreundet“, nachdem er ein Video online gestellt hat, in dem er eine Flasche Wodka auf ex trinkt. Ist das jetzt Kalauer oder hintergründiger Witz? Die Zuschauer tendieren zu letzterem.

Nachdenklichere Töne schlägt Meike Harms in ihrem Beitrag über „Freiheit“ an. Diese sei immer dort zu knapp, „wo man sie am dringendsten braucht“. Und: „Wenn die Freiheit nicht für Ordnung sorgt, dann will ich nicht wissen, wer.“ Harms schafft es, das philosophische Thema, diesen überfrachteten Begriff „Freiheit“ geschickt und beinahe beiläufig mit einer Bestandsaufnahme der globalisierten Welt zu verknüpfen. Und der Zeigefinger bleibt unten. Beim Publikum kommt das so gut an, dass es Harms vor der Pause ins Finale applaudiert.

Philipp Potthast sprach über "Dekadenz".
Philipp Potthast sprach über "Dekadenz". © Kiderle

Bevor die nächsten vier Slammer ans Mikrofon treten, haucht die junge Liedermacherin Eva Niedermeier mit ihren gefühlvollen, teils lustigen Liebesliedern viel Wärme in das hohe Kirchenschiff. Niedermeier ist passend zum Abend selbst regelmäßig als Slammerin unterwegs und erhielt 2016 den Kulturförderpreis des Landkreises Rosenheim.

Authentische Worte

Nach dem musikalischen Zwischenspiel heißt es wieder: Aus vier mach eine. Denn auch im zweiten Akt des Slams setzt sich eine Frau durch. Der Theologiestudentin Veronika Rieger gelingt ein begeisternder, authentischer und unkitschiger Vortrag zum Thema „Selbstliebe“. Sie setzt sich damit knapp gegen den urkomischen Yannik Sellmann durch, der mit Wladimir Klitschko als Kompromiss-Heiland die Weltreligionen versöhnen will.

Doch auch die beiden weiteren Poeten können das Publikum überzeugen und belegen die inhaltliche Bandbreite von „Holy Shit“. Der Jura-Student Philipp Potthast versetzt sich in seinem witzigen Beitrag in die dekadente Psyche jungreicher Altersgenossen am Strand von Sylt. Die Sportjournalistin Katrin Freiburghaus stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Werbeplakate „meine Stirn von innen mit To-Do-Listen tapezieren“.

Elmar Pabst vom Sankt Michaelsbund überreichte Siegerin Meike Harms die Sekt-Schoko-Ananas.
Elmar Pabst vom Sankt Michaelsbund überreichte Siegerin Meike Harms die Sekt-Schoko-Ananas. © Kiderle

Im eingangs erwähnten Finale tragen Meike Harms und Veronika Rieger jeweils einen zweiten Text vor. Rieger schildert den schwierigen Umgang mit einer „besorgten Bürgerin“, die einmal eine gute Freundin war und jetzt der AfD das Wort redet. Harms widmet sich nach „Freiheit“ wieder einem großen philosophischen Thema, diesmal der „Wahrheit“. Ihr Beitrag dazu, bei dem sie mitunter auch den verstorbenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki imitiert, kommt bei den Zuschauern so gut an, dass sie vor Rieger zur verdienten Gewinnerin gekürt wird.

Goldene Ananas

Den Preis, eine Ananas bestehend aus Sektflasche und golden verpackter Schokolade, überreicht Elmar Pabst, der stellvertretende Direktor des Sankt Michaelsbunds. Das katholische Medienhaus, das den Slam mit vielen fleißigen Mitarbeitern in die Kirche gebracht hat, werde die Einnahmen aus dem Event an die Asylothek für Flüchtlinge in der Bücherei Hausham weitergeben, so Pabst.

Gewinnerin Harms kommentiert ihren Sieg zum Abschluss ganz bescheiden: „Das Wichtigste ist, dabei zu sein, die Texte vortragen zu dürfen und vor einem Publikum Gehör zu bekommen.“

Dass ein von einem solch olympischen Gedanken getragener Poetry Slam auch oder gerade in einem Gotteshaus gut funktioniert, hat der Abend in St. Bonifaz eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

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