Kirchenmusik zu Weihnachten Auch einmal Ungewohntes wagen

02.12.2020

Corona wird die gottesdienstlichen Feiern an Heiligabend und Weihnachten beeinflussen, auch im musikalischen Bereich. Was dennoch alles möglich ist, erläutert der Liturgiewissenschaftler, Kirchenmusiker und Komponist Markus Eham.

Trompeter in Kirche
Die musikalische Begleitung der heurigen Weihnachtsgottesdienste könnte anders aussehen als gewohnt. © fotografiecor - stock.adobe.com

mk online: Herr Professor Eham, Kinder-Krippenfeiern im herkömmlichen Sinn wird es heuer wohl nicht geben, viele Liturgien werden an Weihnachten im Freien stattfinden, auch große Chor- und Orchestermessen werden kaum möglich sein. Was geht da überhaupt aus musikalischer Sicht?

Markus Eham: Chorgruppen und Instrumentalensembles können singen und musizieren, wenn die Ausführenden mindestens zwei Meter Abstand einhalten können. Das gilt auch für Gottesdienste. Das eigentliche Problem ist freilich, dass man vorher nicht proben kann. Das ist durch die aktuellen Vorgaben leider nicht möglich. Wenn man aber auf ein geeignetes Repertoire zurückgreifen kann, das man „schon drauf hat“, und von der Besetzung im Rahmen bleibt, kann man damit bei Einhalten der vorgeschriebenen Abstände und Vorgaben auch die Liturgie gestalten. Für welche Laienensembles das realistisch ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Welche musikalischen Formen bieten sich in so einer Situation besonders an?

Eham: Grundsätzlich empfiehlt sich ein Blick auf eine Urform des Liturgiegesangs: die responsoriale Singweise, also das Prinzip „Call and Response“. Ein positiver Nebeneffekt der Corona-Beschränkungen könnte die Wiederentdeckung des Vorsängerdienstes sein: „Nie war er so wertvoll wie heute.“ Das responsoriale Singen von Kantorin oder Kantor und Gemeinde bildet nicht nur das Grundprinzip Liturgie ab – Dialog; es bewährt sich gerade unter eingeschränkten Feierbedingungen: Den größeren Gesangspart, Verse und Strophen, übernimmt die Kantorin, der Kantor oder die Schola, und die Gemeinde kann – bei reduzierter Aerosol-Emission – sich mit dem Kehrvers einbringen. Die Aufmerksamkeit für das sonst eher unterbelichtete responsoriale Singen kann der Feier eine belebende Note geben, gestalterisch keineswegs ärmer, auch wenn für die Gemeinde vom Umfang her weniger gesungen wird. Freilich: Vorsingen im Gottesdienst will gelernt sein und muss wirklich gekonnt sein: Intonationssicher, textsensibel, gesanglich inspirierend und motivierend.

Welche Stücke eignen sich dafür besonders gut?

Eham: Im Blick auf Weihnachten zum Beispiel einige Gloria-Vertonungen im „Gotteslob“ (GL) wie Nummer 166, oder 173,1+2. Wer bei den Versen lieber weniger „Gregorianik-Style“ möchte: Man kann den hymnisch-festlichen Gemeinderefrain GL 173,1 auch mit den rhythmisch belebenden Strophen von GL 169 (ein Ton tiefer) kombinieren. Gegliedertes Singen lässt sich aber auch auf das Strophenlied anwenden.

Wie funktioniert das dann?

Eham: Refrainlieder sind ja von Haus aus schon auf das gegliederte Singen angelegt: Variierender Inhalt vorgesungener Strophen (GL 250: „Engel auf den Feldern singen…“) wird von allen mit gleichbleibendem Refrain bekräftigt („Gloria in excelsis Deo“). Ebenso bei GL 245 („Menschen, die ihr wart verloren“). Aber auch beim Standardlied müssen ja die Strophen nicht schematisch von allen abgespult werden. Bei „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (GL 237) zum Beispiel verkündet in den Strophen 1 bis 5 der Engel die Geburt Jesu; das könnte von zwei Kantorinnen oder Kantoren vorgetragen werden. In den Strophen 6 und 7 bekunden dann alle, was diese Botschaft bei ihnen auslöst: „Des lasst uns alle fröhlich sein …“

Welche Instrumente bieten sich besonders an? Würden Sie immer auf die Orgel setzen, oder gibt es beim Wechselgesang auch Alternativen?

Eham: Die Orgel hat zweifellos ein großes Klangspektrum; sie kann atmosphärisch, emotional und dynamisch, also von forte zu ganz zart, viel „Klangbild Weihnachten“ vermitteln. Aber gerade auch Instrumentalgruppen oder Solisten, etwa Streicher, Holz- oder Blechbläser, geben den Feiern der Weihnachtszeit ihre ganz besondere Note.

Und im Freien?

Eham: Unter freiem Himmel sind Blechbläser nicht zu toppen.

Was gilt es, gerade im Freien, bei der Akustik zu beachten?

Eham: Von der biblischen Situierung des Weihnachtsgeschehens her passt „outdoor“ an sich gut für die Feier: außerhalb der Stadt, auf freiem Feld, unbehaust. Akustisch ist es aber vorteilhaft, wenn das Feld nicht ganz so frei, sondern quasi „stallartig“ etwas eingefriedet ist, so dass der Klang sich bündelt und kompakt rüberkommt, zumal, wenn man auf Abstand steht und das einander hören können wichtig ist. Die Instrumentalgruppe ist idealer Weise so zu platzieren, dass sich eine gute Klangabstrahlung ergibt. Ein (Innen-)Hof ist sicher besser als ein völlig offener Platz. Übertragung mit Mikro und Lautsprecher kann helfen, vor allem für die Kantorinnen und Kantoren. Die müssen ja bei ihrem Solopart gut hörbar sein, aber auch als Mutmacher zum Singen für alle. Allerdings: Technik und Handhabung so einsetzen, dass das Ergebnis nicht die Ohren beleidigt.

Wer noch kein neues Gotteslob besitzen sollte: Eine große Auswahl an verschiedenen Ausführungen gibt es vor Ort in der Buchhandlung Michaelsbund in München oder im Onlineshop.

Was gilt es aus Ihrer Sicht noch zu beachten?

Eham: Weihnachten ist mit hohen Erwartungen verbunden: Für viele oder gar alle ist wichtig, dass es so ist, wie immer, auch bei der Musik im Gottesdienst („The same procedure as every year …“). Das vertraute Ritual vermittelt Geborgenheit und emotionale Beheimatung. Andererseits, glaube ich, kann man den Feiernden auch Ungewohntes zumuten. Gerade Beschränkungen (wie sie uns Corona auferlegt) können Kreativität fördern und auf neue Ideen bringen. Zum Beispiel, dass nach einer vorgesungenen Liedstrophe die Gemeinde, sehr dezent begleitet, die Melodie nur summt, das Gehörte sozusagen nach innen nimmt und weiterklingen lässt. Oder: es könnte bei einem Lied auf Klanghintergrund der Orgel jemand, der das gut kann, den Strophentext rezitieren und so Altbekanntes neu hören lassen: „… davon ich singen und sagen will.“

Also nur Mut in den Gemeinden, es muss an Weihnachten auch musikalisch nicht alles nach Schema F verlaufen …

Eham: Am besten ist ein guter Mix aus Vertrautem und Neuem: auch dem Unerhörten Raum geben. Gerade an diesem Fest mit seiner wirklich unerhörten Botschaft.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie Advent & Weihnachten

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