Zum Schuljahresende Auch Jesus hat Ferien gemacht

28.07.2017

Ferien mit Gott verbringen, das kann jeder, meint Professor Thomas Söding. Wie das aussehen kann, erläutert der Neutestamentler am Beispiel Jesu.

Jesus schenkt den Menschen Brot und Fisch in Hülle und Fülle, weil er betet. © Fotolia

Ferien sind, auf gut Deutsch gesagt, Festtage. Sie unterbrechen den Alltag in der Schule und in der Arbeit. Sie sollen Erholung bringen und neue Kräfte sammeln lassen. Wer es sich leisten kann, geht auf Reisen, um andere Länder, andere Sitten, andere Menschen zu sehen. Für viele sind die Ferien die schönste Zeit des Jahres. Wer nur die Volks- und die Betriebswirtschaft im Sinn hat, kann auf die Idee verfallen, Ferien hätten lediglich den Zweck, Menschen wieder besser ans Arbeiten zu bringen. Aber wer so denkt, hat sich verrechnet. Ferien sind Festtage – wenn man mit der freien Zeit etwas anzufangen weiß. Sonst herrscht tödliche Langeweile.

Auch Jesus hat Ferien gemacht. Gewiss: Er hat ein hartes Leben geführt; er hat viel gearbeitet; am Ende hat er schwere Qualen erlitten und ist am Kreuz gestorben. Dennoch ist es nicht frivol, an die Ferien Jesu zu denken. Es ist frisch, es ist frei, es ist fröhlich, und es ist fromm. Der Turnvater Jahn, der diese Parole im 19. Jahrhundert bekanntgemacht hat, war Sohn eines evangelischen Pfarrers und hat selbst Theologie studiert. Er ist mit seinen Schülern wandern und spielen gegangen. Er hat Körper und Seele des Menschen als Einheit gesehen.

Frömmigkeit mit Fröhlichkeit verbinden

Dass er die Frömmigkeit nicht mit Niedergeschlagenheit, sondern mit Fröhlichkeit, mit Frische und Freiheit verbindet, steht in einer großen Tradition. Franziskus von Assisi hat die Natur-, Don Bosco die Kinderliebe Jesu entdeckt. Wer heute ein Ferienlager mit einer Jugendgruppe plant, ist genau auf der richtigen Spur: Sport, Spiel, Spannung, Lagerfeuer und Nachtwanderung, gemeinsames Essen, gemeinsames Singen– und gemeinsames Beten.

Jesus hat die meiste Zeit seines Lebens an der frischen Luft verbracht. Er ist zeit seines Lebens unterwegs, auf dem Weg zu den Menschen, die noch gar nicht ahnen, wie wertvoll sie in Gottes Augen sind und welche Zukunftsaussichten sich ihnen eröffnen, wenn sie Gott, die Welt und sich selbst mit den Augen Jesu zu sehen beginnen. Die Missionswanderungen Jesu waren anstrengende Arbeit, aber sie waren auch ein Fest, das Jesus feiert, weil er weiß: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahegekommen“ (Mk 1,15). Die Farbenpracht seiner Gleichnisse, vom Senfkorn bis zu den Lilien, von den Vögeln bis zu den Getreidefeldern, von den Weintrauben bis zu den Schafen, zeigt, dass er nicht mit Scheuklappen durchs Leben gelaufen ist, sondern in der Schöpfung und in der menschlichen Arbeit die Spuren Gottes wahrgenommen hat.

„Kommt an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus“

Seine Jünger hat Jesus auf die Wanderungen mitgenommen. Es waren keine Abenteuerreisen, auch wenn sie den Fischern vom See Genezareth die Augen dafür geöffnet haben, wie weit der Himmel ist und wie viel Leben es auf Gottes Erde gibt. Sie waren nicht ohne Gefahren. Aber sie waren auch eine erfüllte, eine gesegnete Zeit. Der Evangelist erzählt, wie Jesus seine Jünger wieder empfangen hat, nachdem er sie zum ersten Mal ausgesendet hat, wie er das Evangelium zu verkünden: „Kommt, ihr allein, an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus.“ Denn es waren so viele, die kamen und gingen, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden. Und sie fuhren mit einem Boot an einen einsamen Ort, ganz allein (Mk 6,31–32). Jesus gönnt den Jüngern eine Auszeit. Sie sollen in Ruhe erzählen können, was sie erlebt haben. Sie sollen ihre Gemeinschaft genießen, ohne gleich wieder von den Leuten, die etwas von ihnen wollen, überrannt zu werden.

Freilich erzählt Markus auch, dass Jesus und seinen Jüngern nicht sehr viel Erholungszeit geblieben ist. Die Menschen laufen ihnen nach – und können nicht genug von Jesus bekommen. So wird es in einer einsamen Gegend Abend. Die Jünger meinen es gut, wenn sie Jesus auffordern, die Leute wegzuschicken, damit sie sich versorgen können. Aber Jesus will sie bei sich behalten, auf freiem Feld, auch über Nacht – bei gutem Wetter ein wunderbares Ferienerlebnis. „Und er gebot ihnen, alle sollten sich setzen, Tischgemeinschaft für Tischgemeinschaft auf das grüne Gras. Und sie setzen sich, Gruppe um Gruppe, zu hundert und fünfzig“ (Mk 6,39–40). Jesus veranstaltet keine Armenspeisung; er lädt zu einen frugalen Mahl mit Brot und Fisch auf grüner Au. Es ist ein Volksfest, das gefeiert wird.

Ein Spektakel ist es aber nicht. Jesus schenkt den Menschen Brot und Fisch in Hülle und Fülle, weil er betet. Er sagt Gott Dank. So macht er aus dem wenigen, was die Jünger haben, mehr als genug für Tausende: Geteiltes Brot ist Brot für alle. Jesus ist mit dem Himmel verbunden; dadurch kann auf Erden ein Fest gefeiert werden. Man darf an Gott, den guten Hirten, denken: „Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“ (Ps 23,2). Wenn man das Griechische des Markusevangeliums ganz wörtlich übersetzt, sollen die Menschen sich, in Gruppen wie beim Exodus (Ex 18,21.25), wie „Beete“ auf die grüne Wiese lagern: ein buntes Bild des Volkes Gottes, eine Ferienszene wie gemalt.

 

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum.
Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum. © Lichtpoesie

Jeder kann Ferien mit Gott verbringen

Jesus hat solche Momente, in denen das Herz aufgeht, immer wieder geschaffen, in gastfreundlichen Häusern (Mk 2,15), bei fragwürdigen Freunden (Lk 19,1– 10), bei kritischen Zeitgenossen (Lk 7,36–50; 14,1–24). Nach dem Johannesevangelium ist das erste Zeichen, das er setzt, die Wandlung von Wasser in Wein, womit er eine Bauernhochzeit in Kana rettet – und die Festgesellschaft auf den Geschmack an Gott kommen lässt (Joh 2,1–12). Das konnte so nur er; aber Ferien mit Gott verbringen, das kann jeder.

So sehr Jesus die Nähe von Menschen gesucht hat, so oft hat er sich auch in die Einsamkeit zurückgezogen. Man hat die Verse in den Evangelien schnell überlesen, weil sie nicht viel herzumachen scheinen.

Die Jünger haben es nicht geschätzt, weil sie ihn lieber in Aktion sehen wollten (Mk 1,35–37). Aber für Jesus sind die Auszeiten wichtig. Sie sind für ihn Gebetszeiten. Er braucht die Verbindung mit Gott, um Kraft für seine Sendung zu schöpfen. Oft steigt er zum Beten auf einen Berg (Mk 6,46; Lk 6,12; 9.28): dem Himmel nah, aber mit beiden Beinen auf dem Boden, Gott entgegen, doch nicht von der Erde entrückt.

Gebetszeiten als Oasen der Ruhe

Was er gebetet hat, wird in den Evangelien nicht gesagt. Aber dass er gebetet hat, sagt viel. Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. schreibt in seinem Jesusbuch: „Diese kurzen Notizen öffnen ein wenig den Schleier des Geheimnisses, lassen uns in die Sohnes- Existenz Jesu, in den Quellgrund seines Tuns und Lehrens und Leidens hineinblicken.“ Die Gebetszeiten sind für Jesus Oasen der Ruhe. Er ist der Sohn, der mit dem Vater Kontakt sucht: Er hört auf das, was er ihm sagt; er sagt ihm, was er auf dem Herzen hat; er schweigt – und dieses Schweigen ist beredt.

Wer auf einer Bergwanderung ein Gebet an einer Kapelle spricht, wer an einem Gipfelkreuz die Blicke schweifen lässt, dankbar für Gottes Schöpfung, wer sich in den Ferien zurückzieht, um innezuhalten und die Seele baumeln zu lassen, nimmt diesen Impuls Jesu auf.

Und auf dem Wasser? Nach Markus, Matthäus und Lukas erhebt sich bei einer nächtlichen Überfahrt ein Sturm über dem See Genezareth (Mk 4,35–41; Mt 8,23–27; Lk 8,22–25). Die Jünger fürchten um ihr Leben. Aber Jesus – schläft, sanft und selig. Im Heck des Fischerbootes liegt er auf einem Kissen. Auch das ist Ferienzeit: einmal richtig schlafen zu können, wie Jesus. Er verschläft nichts. Als seine Jünger ihn wecken, ist er hellwach, und der Sturm schläft ein. Das schafft Vertrauen. Wer glaubt, gönnt sich Ferien; denn es gibt allen Grund, mitten im Leben ein Fest der Auferstehung zu feiern. (Thomas Söding)


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