Zuhören und da sein Auf dem Bankerl wird geholfen

14.12.2019

Auf dem Ratsch- und Tratschbankerl am Giesinger Grünspitz in München können sich Menschen miteinander austauschen. So soll Einsamkeit vermieden werden. Ein Besuch.

Manfred B. und Yvonne Möller unterhalten sich auf dem Ratsch- und Tratschbankerl am Giesinger Grünspitz.
Manfred B. und Yvonne Möller unterhalten sich auf dem Ratsch- und Tratschbankerl am Giesinger Grünspitz. © Caritas

München – Manfred B. ist ein großer, freundlicher Mann, der sich nicht scheut über sich und seine Probleme zu sprechen. „Mein Leben sieht grade bescheiden aus“, resümiert er. Seit Oktober 2018 lebt Manfred in einer Notunterkunft der Stadt an der Sachsenstraße. Die dortigen Hygienezustände seien beklagenswert: „Toiletten, Duschen, Küchen, alles dreckig und verwahrlost. Katastrophal“. Geduldig hört ihm Möller zu. Sie nickt, lächelt, ermutigt und vor allem hört sie genau hin, was Manfred zu sagen hat und was ihn beschäftigt. Sie unterbricht seinen Redefluss so gut wie nie und gibt keine ungebetenen Ratschläge. Sie ist einfach da. Die beiden sitzen bei klirrender Herbstkälte auf dem Ratsch- und Tratschbankerl und sind ganz aufeinander konzentriert. Um sie herum mitten in München liebevoll eingestrickte Bäume und Gartenzäune, Gartenmöbel, kleine und größere Gemüse- und Blumenbeete.

Einfühlungsvermögen

Der mit Kastanienbäumen bewachsene 2.000 Quadratmeter große Grünspitz an der Tegernseer Landstraße darf übergangsweise für soziale, ökologische und kulturelle Aktionen und als Begegnungsraum für die Bürger des Viertels genutzt werden. Ein Projekt ist das „Bankerl“, auf dem sich Vertreter der evangelischen Lutherkirche, des katholischen Pfarrverbands Obergiesing, der Caritas, der Arbeiterwohlfahrt oder des Vereins Kulturverstrickungen abwechselnd einfinden, um mit Menschen wie Manfred in Kontakt zu kommen. „Wir sind ein tolles Team und es ist gut, dass immer jemand von uns da ist und ein offenes Ohr und Einfühlungsvermögen für alle Problemlagen hat“, weiß Möller.

Adventrufe

In der Vorfreude auf Weihnachten und in besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Daher werden in der Reihe "Adventrufe" auch heuer wieder Menschen vorgestellt, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr in der Adventszeit wieder gemeinsam um Spenden für die Aktion „Adventrufe“. Wenn Sie helfen möchten, können Sie unter dem Stichwort „Adventruf 2019“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München spenden: IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79 BiC: GENODEF1M05

„2004 hatte ich einen schweren Unfall, den die Berufsgenossenschaft nicht als Arbeitsunfall anerkannt hat“, bedauert der 58-jährige Frührentner, der dadurch nicht mehr in seinem erlernten Beruf als Stahl- und Betonfacharbeiter arbeiten konnte. „Seitdem bin ich arbeitslos und muss wegen meiner Schmerzen starke Mittel einnehmen.“ Dann erhellt sich sein Gesicht, und Manfred erzählt, dass er Aussicht auf eine Wohnung im Betreuten Wohnen der Kirche hat und bittet die Caritas-Expertin, ihm die Daumen zu drücken. „Früher habe ich zwei Wohnungen und zwei Autos bezahlt und einige Versicherungen. Ich hätte einiges anders machen sollen, aber ich war immer schon das schwarze Schaf der Familie. Es ist halt auch schwach, wenn du vier Geschwister hast und keiner kümmert sich“, bedauert Manfred und kommt mit anderen Besuchern ins Gespräch. Heute ist wegen der eisigen Temperaturen und weil das Kiosk-Cafe geschlossen hat, am Giesinger Grünspitz nicht ganz so viel los.

Strick-Aktion

„Sonst kommen hier täglich schon bis zu 50 Leute auf den Platz und rund fünf aufs Bankerl. Wir erfahren nicht immer gleich Lebensgeschichten, sondern die Menschen reden erst mal über Belangloses, das erst im Laufe des Gesprächs zu etwas Persönlichem führt“, sagt Möller. „Allerdings trifft man hier auch viele junge Frauen ab 11 Uhr morgens, die gemeinsam Alkohol trinken und Zigaretten rauchen. Viele von ihnen haben psychische Probleme, keinen Schul- oder Berufsabschluss und hatten auch eine schwierige Kindheit“, berichtet die Sozialarbeiterin. „Zuerst hören wir zu und dann schauen wir, wer in unserem großen Netzwerk helfen kann.“ Manfred ergänzt: „Der Grünspitz ist mein zweites Wohnzimmer. Man kann hier tolle Leute treffen, leider zu viele Alkoholiker und Substituierte.“ Manfred friert sichtlich nach der langen Zeit im Freien und wünscht sich für den Winter warme Thermounterwäsche, Schuhe und dicke Socken.

Unbürokratische Hilfe

„Da können wir vielleicht schnell und unbürokratisch helfen“, meint Möller und berichtet von einer Strick-Aktion der Caritas-Freiwilligen-Zentren in München. In verschiedenen bereits bestehenden oder neu zu gründenden Gruppen soll gestrickt und gehäkelt werden. Freude und geselliges Beisammensein stehen im Vordergrund. Die gestrickten oder gehäkelten Artikel – Schals, Handschuhe, Socken, Mützen – werden gegen eine Spende weitergegeben. Mit dem Erlös sollen Menschen mit geringem Einkommen sowie Wohnungslose unterstützt werden. „Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Manfred davon profitiert, denn er braucht dringend ein paar Möbel für die neue Wohnung“, freut sich Möller und verabschiedet sich bis zu ihrem nächsten Einsatz auf dem Giesinger Ratsch- und Tratschbankerl. (Marion Müller-Ranetsberger)

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