Besuch bei der Bahnhofsmission Auf einen Kaffee am Gleis 11

07.01.2021

Die Münchner Bahnhofsmission hilft seit jeher Menschen in Not. Gerade in Corona-Zeiten wird diese Anlaufstelle besonders gebraucht.

Schild der Bahnhofsmission mit orangem Stern
Bei der Bahnhofsmission in München ist jeder zu jeder Zeit willkommen. © Bahnhofsmission München

München – „Mit Milch oder Zucker?“ – „Mit Milch.“ Friedrich N. zieht seelenruhig den Hebel nach vorne, lässt den Kaffee in den Pappbecher fließen und dreht anschließend den Deckel der Milchtüte auf. „Nein, nicht so viel!“ Der Gast wird ungeduldig, fast verärgert. Friedrich reicht dem Mann, der seine Mütze tief ins Gesicht gezogen hat und dessen Maske etwas von der Nase rutscht, den dampfenden Kaffee durch die Klappe an der Tür.

„Unterhose!“, sagt dieser dann laut und Friedrich trottet zu einer der Schubladen, die sich unter einer Bank neben dem Kaffeebehälter befinden, und zieht eine heraus: Socken, Duschgelflaschen, Rasierer und – Unterhosen. Er zerrt ein weißes Feinrippexemplar aus einem Wäscheknäuel und hält es hoch. Der Mann an der Tür schüttelt energisch den Kopf und Friedrich kramt dann einen schwarzen Männerslip heraus. Der scheint okay zu sein. Der Mann zieht davon.

Raues Klima

Es ist Dienstag, halb fünf Uhr nachmittags am Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof. Vorne glänzen die großen Fenster der Starbucks-Filiale, die Bahnanzeige kündigt einen Zug aus Verona an und fast unscheinbar leuchtet ein orangefarbener Weihnachtsstern unter einem Schild links vom Gleis: Bahnhofsmission. Vor der Klappe an der Tür hat sich mittlerweile eine Schlange gebildet. Kaffee, Tee, Brottüten, Handtücher und Kleidung werden durchgereicht. Wegen Corona müssen die Menschen draußen bleiben. Nur wer eine Beratung braucht oder sich kurz aufwärmen möchte, darf rein.

Viele Migrantinnen und Migranten sind dabei, auch ältere Menschen, vereinzelt Reisende, die ihr Handy aufladen wollen. Vor allem aber „arme Seelen“, wie Friedrich sie nennt: Arbeitslose, Obdachlose, Suchtkranke. Der 71-Jährige aus Traunstein packt jeden Dienstag mit an. Wie er selbst arbeiten von den knapp 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rund 140 ehrenamtlich. Die Bahnhofsmission ist in erster Linie für die Notfallversorgung da, vermittelt weiter, wenn Hilfe benötigt wird, und nachts dürfen Frauen auf Isomatten im Aufenthaltsraum übernachten.

Friedrichs dichtes Haar ist schneeweiß und unter seinem blauen Wollpullover schaut der Kragen eines Hemdes hervor. Man sieht ihm seine Lebensjahre an, aber gleichzeitig spürt man, dass er noch lange nicht die Beine hochlegen will. Hinter ihm liegt eine lange Karriere als Richter und ihm fiel es schwer, vor vier Jahren endgültig die Robe abzulegen. Seitdem engagiert er sich in der Bahnhofsmission, ist stets freundlich und bestimmt, auch wenn viele Besucherinnen und Besucher oft mehr forsch als dankbar sind: „Da muss man manchmal Haltung zeigen und darf nicht wie ein Fragezeichen rumstehen.“ Trotzdem habe er Verständnis: „Die kommen manchmal aus einem rauen Klima.“

Eine der ältesten Bahnhofsmissionen

Die Münchner Bahnhofsmission ist eine der ältesten in Deutschland: Die Politikerin und Frauenrechtlerin Ellen Ammann gründete 1895 den „Marianischen Mädchenschutzverein“ zum Schutz für Frauen, die am Bahnhof aufgegriffen wurden und oft in der Prostitution landeten. 1897 öffnete dann die erste katholische Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof, kurz darauf die evangelische. Heute trennt die beiden Leitungen nur eine coronabedingte Plexiglasscheibe im Büro und zwei Kassen, in die in erster Linie die Stadt München einzahlt, aber auch kirchliche Institutionen.

Bettina Spahn ist seit fünf Jahren die Leiterin auf der katholischen Seite, arbeitet aber schon seit 25 Jahren in der Bahnhofsmission. Die 56-Jährige ist zierlich, hat weiche, dunkelblonde Locken und in der Zeit, die sie schon in der Sozialstelle an Gleis 11 verbracht hat, so einiges erlebt und gemeistert. Doch gerade jetzt ist es nicht einfach: Während Corona allen einen langen Atem abverlangt, bekommt es die Bahnhofsmission besonders stark zu spüren: „Dieses Jahr haben sich die Anfragen auf 20.000 verdoppelt“, erzählt Spahn. Sie wirkt ein wenig müde, aber auch zuversichtlich: „Das ist hier ein heller Ort“, sagt sie und lächelt leicht.

Wichtiger Anlaufpunkt

Schätzungsweise würden zurzeit 550 Menschen auf Münchens Straßen leben, so der Stand von August, erklärt Hedwig Thomalla vom Sozialreferat München. „Doch in Einrichtungen vor Ort spricht man von 1.000 Menschen“, ergänzt sie. Ob sich die Zahlen im Winter zum Vorjahr unterscheiden werden, kann sie noch nicht sagen. Sicher sei allerdings: „Die Situation ist dieses Jahr für obdachlose Menschen schwieriger, weil aufgrund des Lockdowns weniger Menschen unterwegs sind und das Betteln oder Pfandflaschensammeln erschwert ist.“ Die Bahnhofsmission bleibe hierbei ein wichtiger Anlaufpunkt.

Mittlerweile reichen eine Praktikantin und ein Abiturient, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr macht, Kaffee und Brot durch die Klappe. Hinten sitzen zwei Sicherheitsmänner in dicken schwarzen Jacken. Heute gibt es für sie nicht viel zu tun. Es ist ruhig, keine Rangeleien. Eine ältere Frau holt sich einen zweiten Kaffee: „Ich saß auf der Bank und vier Tauben standen in der Reihe und wollten etwas von meinem Brot“, erzählt sie vergnügt. Friedrich schiebt unterdessen eine Rollstuhlfahrerin über den Bahnsteig. Die Züge rauschen in den Bahnhof weiter ein und aus, Reisende ziehen ihre Rollkoffer durch die Bahnhofshalle und an Gleis 11 leuchtet – unscheinbar, aber beständig – ein orangefarbener Stern. (Eileen Kelpe, Volontärin beim Sankt Michaelsbund)


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