Spendenaufruf Auf Gott vertrauen

17.12.2017

Als Franz noch jünger war, ist er durch die Welt gezogen, hat gearbeitet, wo es Arbeit für ihn gab. Fürs Alter vorgesorgt hat er nicht. Heute, mit knapp 70, lebt er in Armut, muss um sein Augenlicht fürchten und kümmert sich um seinen 95-jährigen Vater im Altersheim.

Wenn man jung und gesund ist, scheint Altersarmut in weiter Ferne. © Fotolia

Stundenlang kann man dem Franz (Name geändert) zuhören. Weil wenn der Franz erzählt, dann nimmt er einen mit auf eine Reise. Eine Reise in andere Länder und, wie es scheint, auch in eine andere Zeit. Dieser groß gewachsene Mann, einer, den man ungeniert auch einen Fels in der Brandung nennen darf, weil er eine derartige Ruhe ausstrahlt mit seiner sonoren Bassstimme und seinen bedachten, keinesfalls aber bedächtigen Gesten, hat ein reiches Leben hinter sich. Reich an Erinnerungen und durchlebten Erfahrungen. Mag sein, dass das der Schatz ist, von dem Franz heute zehrt. Heute, da alles mühsamer geworden ist und im Gegensatz zu früher auch sehr viel eintöniger und nach außen hin trister. Allerdings liegt Franz nichts ferner, als sich darüber zu beklagen. Im Gegenteil: Sein ganzes Leben lang, also beinahe 70 Jahre, hat er ein echtes, tief empfundenes Gottvertrauen verspürt, das ihn immer getragen hat bis zum heutigen Tag.

Rucksack statt Business-Plan

In München geboren hat Franz nach der Schule Buchdrucker gelernt. Seine Arbeit hat ihm Spaß gemacht, allerdings hat der technische Fortschritt den jungen Mann sozusagen überholt. Denn als er mit dem Gesellenbrief in der Tasche so richtig loslegen wollte, war der Buchdruck ein aussterbendes Handwerk geworden. Keiner hatte mehr Bedarf an einem, der noch an hölzernen Setzkästen mit Buchstabentypen arbeitete und alles wusste über Brot- und Frakturschriften und Halbgevierte. Aber der Franz wäre eben nicht der Franz, wenn er sich dadurch seine Freude am und die Neugier aufs Leben hätte verderben lassen. Statt also über die verfehlte Ausbildungswahl zu jammern, entschied er sich kurzerhand, die Berufsfrage erstmal für eine Weile ruhen zu lassen. „Ich war jung, gesund und konnte arbeiten“, erinnert sich Franz. „Und ich wollte was von der Welt sehen.“ Also ist er losgezogen, einfach so, ohne Business- oder Karriereplan, sondern mit einem Rucksack und eben dem bereits erwähnten Gottvertrauen.

Aus der kurzen Weile sind dann Jahrzehnte geworden. Franz war in der Schweiz, in Holland, in Skandinavien, in Kanada und Mittelamerika. Er ist einfach dahin gegangen, wo er Arbeit gefunden hat. Er hat in Autowerkstätten geschraubt, in Gärten Unkraut gejätet, in Häusern Wände gestrichen. Ziemlich oft, so erinnert er sich, seien es Kirchen oder Klöster gewesen, die ihn auf Zeit angestellt hätten für Kost, Logis und ein bisschen Bargeld. „Pfarrer haben mir auch sonst oft geholfen, wenn es eng geworden ist“, sagt Franz und fügt hinzu, dass er denen bis heute noch dankbar sei. Ein gutes Leben für Franz, der zufrieden war, auch wenn er natürlich weder in Bausparverträge noch in Rentenkassen eingezahlt hat. „Daran“, gibt er zu, „habe ich doch damals überhaupt nicht gedacht.“ Dran gedacht, aber bedauerlicherweise nie umgesetzt, hat er außerdem den Wunsch nach Ehe und Familie. Das würde dann schon noch kommen, irgendwann, hat er sich eingeredet, wenn ihn die Sehnsucht nach einem Zuhause während seines Nomadenlebens dann doch hin und wieder mal gestreift hat.

Allerdings waren es dann ganz andere Gründe, die ihn zurück nach München getrieben haben. Seine Mutter lag im Sterben. Franz hat keinen Moment gezögert und war da, als sein Vater ihn in dieser schweren und traurigen Zeit gebraucht hat. Franz zog bei seinem Vater ein, der eigentlich bis heute nicht über den Tod seiner Frau hinweggekommen ist, und hat sich um den alten Mann gekümmert. Das ging so lange gut, bis den beiden Männern eines Tages völlig überraschend die Mietwohnung gekündigt wurde. Franz hat alles versucht, damit sein mittlerweile kranker Vater nicht auch noch den Verlust seiner gewohnten Umgebung erleiden musste. Vergeblich, wie sich am Ende rausstellen sollte. Selbst eine Klage hatte keinen Erfolg. Die Männer mussten ausziehen.

"Ich spare halt beim Essen"

Franz’ Vater lebt seither im Altersheim. Der 95-Jährige braucht Pflege rund um die Uhr. Franz selbst, der mit Grundsicherung auskommen muss, wohnt in einem kleinen Ein-Zimmer-Appartement. Bis heute stottert er die Schulden bei seinem Rechtsanwalt in monatlichen 50-Euro-Raten ab. „Das geht schon irgendwie“, nuschelt Franz vor sich hin und antwortet auf Nachfrage, wie er das denn mit seinem geringen Einkommen schafft: „Ich brauche doch nicht viel, ich spare halt beim Essen. Und die Caritas hilft mir auch.“ In der Tat: Wenn man sich in der Wohnung umschaut, sieht man ganz schnell, dass hier einer lebt, der mit nur ganz wenig zufrieden ist. Abgesehen von einem Bett, einem kleinen Regal, zwei abgewetzten Stühlen und einem kleinen Kruzifix über der Zimmertüre herrscht hier blanke Leere. Kein Schrank, kein Tisch, kein Teppich, kein Fernseher, kein Computer und erst recht keinerlei Schnickschnack, der für ein bisschen Gemütlichkeit sorgen würde.

Franz hat gelernt, mit wenig zu leben. Ansprüche hat er keine, Wünsche hingegen schon: Nächste Woche muss er sich einer Augenoperation unterziehen, die ihm hoffentlich das Augenlicht, das er gerade dabei ist zu verlieren, erhalten kann. „Ich möchte nicht blind werden“, sagt er lapidar. „Ich lese doch so gerne. Außerdem ist da ja noch mein Vater, der mich braucht“, fügt Franz an. Sagt’s und macht sich auf seinen täglichen Weg zum Papa ins Altersheim.

Und ich? Ich stehe da und brauche eine ganze Weile, bis ich wieder ankomme in der Welt, wo es enorm hektisch zugeht, wo Menschen auf die Jagd nach Weihnachtsgeschenken gehen, als gäbe es kein Morgen. Franz’ Welt ist eine ganz andere, und ich bin ihm dankbar, dass er mich ein paar Stunden mitgenommen hat auf seine Reise dorthin. (Susanne Holzapfel)

Adventrufe 2017

In der Vorfreude auf Weihnachten und in den besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge selbst vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Die Münchner Kirchenzeitung stellt auch heuer wieder Menschen vor, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr wieder um Spenden für die Aktion „Adventrufe“. Wenn Sie helfen möchten, können Sie ihre Spende unter dem Stichwort „Adventruf 2017“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München überweisen: IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79 BIC: GENODEF1M05 Danke für ihre Hilfe!


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