Nachhaltige Landwirtschaft Auf Gottes Schöpfung aufpassen

03.10.2019

Auf dem Boarhof am Tegernsee betreibt Markus Bogner ganz alte Landwirtschaft, die ist aber bei aller Idylle eigentlich hochmodern: Mit nur zwei Hektar Land ernährt er seine Familie und vier Mitarbeiter.

Die Gänse halten die Wiese im Obstgarten kurz.
Die Gänse halten die Wiese im Obstgarten kurz. © SMB/ Stöppler

Bad Wiessee – „Da wird Schweinsbraten draus“, sagt Markus Bogner und schüttet die entsafteten Äpfel aus dem Sack in die Schubkarre. Die Seminar-Teilnehmer brauchen eine Sekunde bevor sie verstehen, dass die Schweine die Reste zu essen bekommen, aber dann schmunzeln alle. Davor haben sie die Äpfel klein geschnitten, in den Häcksler geschmissen und danach den mit Apfelstücken gefüllten Sack in die Wäscheschleuder gestopft. So kann man nämlich auch Apfelsaft machen. Die Idee stammt von Bogners Großvater, erklärt er den Seminarteilnehmern, die dicht gedrängt in der Scheune stehen. Ab und zu streift eine weiße Katze mit schwarzen und roten Flecken zwischen den Beinen der Menschen hindurch und geht zu ihren Jungen, die weiter hinten in der Scheune liegen. Draußen gackern ein paar Hühner, im Gegensatz zu den Kätzchen macht ihnen der Regen nichts aus.

Etwa 80 Meter oberhalb des Tegernsees wäre es auch ohne den Boarhof und die vielen freilaufenden Tiere idyllisch. Ein traumhafter Blick hinunter zum See, dahinter die Berge, auch wenn es regnerisch ist. Mit 10 Hektar Land ist der Boarhof ziemlich klein. Auf acht Hektar steht Pensionsvieh. Alle Erzeugnisse entstehen also auf zwei Hektar Land. Das ist aus landwirtschaftlicher Perspektive eher ein großer Garten. Allerdings ernährt dieser Garten Bogners Familie und auch noch vier Mitarbeiter.

"Permakultur ist ein blödes Wort"

Seit zehn Jahren ist der 45-Jährige hier. Eigentlich ist er Rettungssanitäter, seine Frau Maria Steuerfachangestellte. Er kommt aus der Gegend, das hört man, Bogner spricht wunderschönes Bairisch. Warum er von zwei Hektar Land leben kann, ist eigentlich ganz einfach: Es sind zum einen edle Produkte, die er herstellt. Also kein Futtermais, der Roggen wird nicht roh verkauft, sondern es wird Brot aus ihm gebacken.

Der andere Grund trägt den Namen „Permakultur“. “Das ist in erster Linie ein richtig blödes Wort”, erklärt Bogner. „Perma“ bedeutet schlicht “immer” und Kultur ist lateinisch: “Pflügen, Pflegen und Verehren leiten sich daraus ab”. Und so geht Bogner auch mit dem Land um. Die Böden vorsichtig behandelt: Keine Pestizide oder Fungizide und auch er betreibt nichts was entfernt an Raubbau erinnern könnte. Sogar bei seinen Kühen achtet er darauf. Statt des sonst in Oberbayern üblichen Fleckviehs sind hier Murnauer Werdenfelser auf den Wiesen zu sehen. Eine inzwischen fast ausgestorbene alte Rasse, die auf den nassen und schweren Böden gut zurechtkommt. Auch für den Boden ist es besser, dass die Rinder deutlich leichter sind als Fleckvieh. Dass die Milchleistung etwas geringer ist, ist für Bogner nicht so wichtig, denn die Milch sei auch besser, meint er. Weniger fett und mit dem gleichen Eiweißgehalt.

Markus Bogner steht immer ganz gerade da. Auch wenn er sich bückt, wird der Rücken nicht krumm. Im Gegensatz zu den Seminarteilnehmern, die mit ihren Wanderschuhen und Outdoor-Jacken zum Teil aussehen als würden sie gleich eine Bergtour machen, trägt Bogner Jeans, T-Shirt und Sandalen. Wer arbeitet, der friert nicht. Eigentlich zeigt Bogner den 15 Seminarteilnehmern nur, was er den ganzen Tag tut. Und jetzt im Herbst, wenn die Äpfel reif sind, werden die eben verarbeitet.

Markus Bogner (im blauen T-Shirt) erhitzt mit den Seminarteilnehmern den frisch gepressten Saft.
Markus Bogner (im blauen T-Shirt) erhitzt mit den Seminarteilnehmern den frisch gepressten Saft. © SMB/ Stöppler

Über 175 verschiedene Pflanzen

Alle Erzeugnisse vom Boarhof werden im Hofladen verkauft. Also auch der Apfelsaft, der gerade gepresst wird. Dieser wird noch erhitzt, damit er nicht gärt, und luftdicht verpackt, um Schimmelbildung zu vermeiden. Davor gibt es für die Teilnehmer ein Glas zum Probieren. Der Saft ist trübe und sehr süß, obwohl kein Zucker drin ist. Im Hofladen gibt es außer Säften noch allerlei Gemüse der Saison, Salate, Eier, Käse, Milch, Marmeladen und Sauerkraut. Insgesamt baut Bogner über 175 verschiedene Pflanzen an, dementsprechend groß ist das Angebot im Hofladen. Die Vielfalt gibt Bogner auch wirtschaftliche Sicherheit. Zum einen wird der Hofladen für die Kunden attraktiver und zum anderen ist es nicht so schlimm, wenn mal eine Ernte schlecht ausfällt.

Für die Seminarteilnehmer geht es jetzt erstmal rein ins Warme. Denn das Sauerkraut macht sich auch nicht von selbst. Ganz traditionell wird der Weißkohl in feine Streifen geschnitten und dann in Salzlake zerstampft. Für alle eine willkommene Abwechslung, schließlich ist es drinnen warm und trocken, der Ofen läuft und für die Durstigen gibt es auch ein Weißbier.

Das Schwein patroulliert um den Gemüsegarten herum.
Das Schwein patroulliert um den Gemüsegarten herum. © SMB/ Stöppler

Auch das Schwein muss arbeiten

Dem zukünftigen „Schweinsbraten“ ist der Dauerregen dagegen herzlich egal. In einem U-förmigen Gehege um den Gemüsegarten herum wühlt die Sau in der Erde. Tagsüber ist sie immer draußen, nachts kommt sie in den Stall. „Weil das der Gesetzgeber so verlangt“, sagt Bogner. Das Schwein wäre lieber draußen. „Klar, sucht es sich einen Unterschlupf, wenn es stürmt, so viel Mensch ist es dann doch, aber an sich wäre es lieber immer draußen.“ Bevor irgendwann der Tag kommt, an dem aus dem Schwein ein schmackhafter Braten gemacht wird, muss das arme Tier arbeiten. Das heißt jetzt gerade Schnecken fressen. Und arbeitsscheu wirkt es nicht: Ständig ist es am Wühlen und Schmatzen.

Auch die Laufenten, Gänse und Hühner leisten ihren Beitrag. Schnecken sind auch beim Federvieh eine beliebte Mahlzeit. Die Hühner essen sogar am liebsten die Eier der Schädlinge im Gemüsegarten. Dort können die Hühner jetzt auch keinen Schaden mehr anrichten, denn der ist bereits abgeerntet. Die Gänse halten dazu noch das Gras von der Obstwiese kurz, auch dort wo kein Rasenmäher hinkommt. “Es läuft immer das rum, was wir gerade brauchen”, sagt Bogner.

Die Küken müssen noch nicht arbeiten und auch die Mutter hat frei. © SMB/ Stöppler

„Schritt für Schritt zum Selbstversorger“ heißt das Seminar. Bogner geht es nicht darum, komplett autark zu leben. Er bereitet sich auch nicht auf eine Katastrophe oder dergleichen vor. “Ich mag das Wort Selbstversorger eigentlich nicht.”, sagt er. Er will einfach die Dinge, die er selber herstellen kann auch selber machen. Und dabei zeigen, wie Landwirtschaft funktionieren kann, wenn man sich ein paar Gedanken macht. Es geht ihm darum, “sein Leben wieder ein Stück weit selber in die Hand zu nehmen” und dabei die Erde zu schonen. Denn der gläubige Christ will auch “auf Gottes Schöpfung aufpassen.”

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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