Missbrauch bei Regensburger Domspatzen Auf immer zerstörte Seelen

24.07.2017

Der Bericht zu Misshandlungen und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen hat Kirche und Öffentlichkeit erneut erschüttert. Der Verweis auf ähnliche Fälle in Familien oder Sportvereinen greift zu kurz, kommentiert Andrea Haagn vom Sankt Michaelsbund.

Hier treten die Domspatzen oft auf: im Regensburger Dom St. Peter.
Hier treten die Domspatzen oft auf: im Regensburger Dom St. Peter. © imago

Vergangene Woche wurde in Regensburg der Aufklärungsbericht zum Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt. Ein vom Bistum beauftragter Sonderermittler hat die Zahl der misshandelten Buben, oder besser gesagt Opfer, mit 547 angegeben. Die Dunkelziffer soll höher sein. Man geht schlussendlich von rund 700 Opfern aus. Der Bericht selbst ist eine 450-seitige Schrift – einzig bestehend aus Abgründen. Seit 1945 wurden die Kinder in allen Einrichtungen der Domspatzen, also Schule, Internat und Chorerziehung, systematisch in verschiedenster Weise misshandelt. Es gab körperliche und sexuelle Gewalt. Laut Bericht haben die Opfer die Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen als "Hölle", "Gefängnis" oder "Konzentrationslager" beschrieben. Physische Gewalt sei "alltäglich, vielfach brutal" gewesen, zwischen Regelverstößen und Strafen habe "meist ein grobes Missverhältnis" bestanden. Das Leben der Kinder war geprägt von Angst, Prügel, Sadismus.

Höheres Verantwortungsbewusstsein

Aber was bringt dieser Bericht nun heute? Nach so vielen Jahren? Den Opfern bringt er vielleicht Genugtuung, man hat sie angehört und ernstgenommen. Man stellt ihnen Hilfsangebote und Helfer an die Seite. Was bringt er den Tätern? Die meisten leben nicht mehr und die Taten sind ohnehin verjährt. Und ein alter blinder Georg Ratzinger, der entschuldigt sich und hat das Ausmaß damals nicht in seiner ganzen Tragweite erkannt. Und was bringt eine solche Aufarbeitung der Kirche? Vielleicht wieder ein Stück mehr Glaubwürdigkeit. Denn wenn ein Kirchenoberer wie Kardinal Gerhard Ludwig Müller bis heute davon überzeugt ist, dass er alles richtig gemacht hat, dann kann man nur sagen: Nein. Erst durch seinen Nachfolger Bischof Rudolf Voderholzer ist die Sache richtig angeschoben worden. Es regt mich auf, wenn das Argument kommt, Missbrauch komme doch auch in Familien, im Sportverein oder im Jugendclub vor. Ja, das ist schlimm genug – aber eine Kirche, die im Denken und Handeln Christus nachfolgen will, sollte meiner Meinung nach ein ungleich höheres Verantwortungsbewusstsein und eine Menschenliebe haben als jeder andere.

Zeichen setzen

Und sehr persönlich regt es mich auch auf, wenn ich als kirchliche Angestellte bei dem Thema immer in Sippenhaft genommen werde und mich rechtfertigen muss zu dieser Kirche.

Klar, ungeschehen machen kann man dies alles nicht. Niemals. Da sind auf immer zerstörte Seelen. Aber man kann Zeichen setzen, so dass es hier zu einem "NIE WIEDER" kommt. Und das macht die Kirche nicht nur mit einem solchen Abschlussbericht, sondern auch zum Beispiel mit hervorragenden Präventionsprogrammen. Ich wünsche mir, dass Kirche in Zukunft nicht erst auf öffentlichen Druck ihr Versagen und ihre Fehler zugibt. Der Bericht aus Regensburg ist übrigens öffentlich und einsehbar. Und Bischof Rudolf Voderholzer hat am Wochenende um Vergebung gebeten.

Die Autorin
Andrea Haagn
Fernseh-Redaktion
a.haagn@st-michaelsbund.de


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