Münchens Kirchen nach dem Krieg Auferstanden aus Ruinen

26.11.2020

Der Wiederaufbau Münchner Kirchen dokumentiert den unterschiedlichen Umgang mit der Geschichte - und zwar anhand lange vergessener Fotos aus dem Archiv des Erzbistums.

Zerstörtes Sankt Peter nach dem Zweiten Weltkrieg
Das Ausmaß der Zerstörung in St. Peter, Münchens ältester Kirche, war gewaltig. © Erzbischöfliches Archiv

München – Ein Mann mit Priesterkragen marschiert von Schwabing in die Münchner Innenstadt. Die Straßen sind eng geworden, weil an den Rändern meterhoher Schutt liegt. Wo gestern noch ein Mietshaus war, ist heute eine Ruine zu sehen. Otto Breiter hat einen Fotoapparat dabei, eine Leica. Er hält nicht nur die Zerstörungen seiner eigenen Pfarrkirche Sankt Sebastian fest, sondern auch die anderer Kirchen.

Viele seiner Bilder sind heute im Archiv des Erzbistums zu finden. Der stellvertretende Direktor Roland Götz zieht drei graue Archivkartons aus dem Stahlregal. Dort sind Fotos für eine 1946 geplante „Kirchliche Ausstellung “ gesammelt. „Dazu hat Weihbischof Neuhäusler die Pfarrer aufgefordert, ihm Bildmaterial zu schicken.“ Roland Götz holt einen Abzug von Otto Breiter heraus, den der Pfarrer genau datiert und sogar abgestempelt hat.

40 "schwer verwüstete" Kirchen

Die „Kirchliche Ausstellung“ kam aber nicht zustande und die Fotos waren jahrzehntelang vergessen. Heute erinnern sie an die fast unvorstellbaren Schäden, die der Zweite Weltkrieg an den Kirchen in der bayerischen Landeshauptstadt hinterlassen hat. Die Münchner Kirchenzeitung zählt in ihrer ersten Friedensausgabe vom September 1945 über 40 Gotteshäuser im Stadtgebiet auf, die „unbenützbar“ sind, „weil durch Sprengbomben schwer verwüstet“, wie es etwa für Mariahilf in der Au heißt.

Die Fotos im Archiv legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Im Vergleich mit dem heutigen Zustand machen sie auch deutlich, wie unterschiedlich beim Wiederaufbau der Ruinen verfahren wurde. In Mariahilf waren fast nur noch die Außenmauern erhalten, „die Pfeiler zum größten Teil umgestürzt“, wie die Kirchenzeitung feststellte. Heute erscheint der Bau von außen wieder als historische Architektur mit Ziegelmauern, wenngleich geglättet, wie es in den 1950er Jahren üblich war. Im Innern erlebt der Besucher aber eine Überraschung: schlanke Pfeiler und Dachträger aus grauem Beton. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, mit dieser Kirche ist etwas passiert, sie muss schwer zerstört gewesen.

Den Krieg sichtbar bleiben lassen

In Sankt Bonifaz wird das schon von außen deutlich. Bis 1944 war die reich ausgemalte Basilika 76 Meter lang. Unter Verwendung der noch vorhandenen Teile baute sie der Architekt Hans Döllgast aber nur zur Hälfte wieder auf. Döllgast wollte den Krieg und seine Verwüstungen sichtbar bleiben lassen, nicht den Eindruck erwecken, als wäre nichts geschehen.

Später hat der Architekt und Ordinariatsrat Carl Theodor Horn diese Idee weitergeführt und ein stark kontrastierendes Pfarrzentrum aus Beton auf die angrenzende Brachfläche gesetzt. Es steht auf dem nicht wieder aufgebauten Abschnitt der früheren Kirche. Allerdings hat er die Apsismauer, die den Bau einstmals abschloss erhalten. So ist bis heute sichtbar, wie groß die Kirche ursprünglich war und was seit der weitgehenden Zerstörung mit ihr geschehen ist.

Neubau für Kunst- und Designfreunde

Nur wenige Kilometer entfernt haben die Armen Schulschwestern nach dem Krieg eine andere Entscheidung getroffen. Ihre Klosterkirche Sankt Jakob am Anger war ebenfalls bis auf die Außenmauern zerstört. Sie ließen die Kirche komplett neu errichten. Es ist ein äußerlich schlichter Ziegelbau und innen ein eleganter, heller Raum entstanden. Kunst – und Designfreunde haben ihre Freude an der geschlossenen und weitgehend unveränderten Ausstattung aus den 1950er Jahren. Daran, dass hier einmal eine mittelalterliche Kirche stand, erinnert aber nichts mehr.

Sankt Peter wäre es fast ähnlich ergangen. Als vor 20 Jahren mit der Rekonstruktion der Deckenfresken der Wiederaufbau endgültig abgeschlossen wurde, standen vielen älteren Gläubigen aus der Pfarrei die Tränen in den Augen. Sie konnten sich noch gut an die Löcher in den Pfeilern erinnern, die Bauarbeiter für die Sprengladungen gebohrt hatten.

Jahrzehntelange Spendenbereitschaft

Denn Münchens älteste Pfarrkirche und ein Wahrzeichen galt 1945 als Totalverlust, die Ruine sollte abgeräumt werden. Auch wenn auf den Fotos von Stadtpfarrer Breiter zu sehen ist, dass die meisten Außenmauern noch standen, war vieles doch einsturzgefährdet. Seine Kollegen in Sankt Peter konnten die Sprengung gerade noch abwenden. Durch eine jahrzehntelange Spendenbereitschaft der Münchner, aber auch durch Finanzhilfen aus den USA steht Sankt Peter heute fast genauso wieder da, wie vor dem Krieg. Ein Symbol dafür, dass viele Menschen nach dem Krieg ein Stück alter Heimat unbedingt erhalten und die Zerstörungen vergessen lassen wollten.

Vielleicht würde sich Otto Breiter heute wieder mit einer Kamera auf den Weg von Schwabing in die Innenstadt machen und fleißig auf den Auslöser drücken: Um zu dokumentieren, wie sich an den von ihm fotografierten Kirchenruinen Vergangenheitsbewältigung und Wiederaufbau in unterschiedlichster Weise zeigen: als bleibender Einschnitt, völliger Neuanfang oder möglichst bruchloses Anknüpfen an die Vergangenheit.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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