Kirchenaustrittszahlen 2019 liegen vor Austrittszahlen wieder sehr hoch

26.06.2020

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hat an diesem Freitag die Kirchenaustrittszahlen vorgelegt. Das Erzbistum München und Freising ist besonders stark betroffen.

Der Liebfrauendom in München
Der Liebfrauendom in München © imago images / Shotshop

München – In der Mitte des Interviews nennt Bernhard Kellner eine beeindruckende Zahl, die ihn selbst überrascht hat: Bei einzelnen Gottesdienst-Streamings während des Höhepunkts der Coronakrise seien bis zu 55.000 Teilnehmer gezählt worden. „Das sind Zahlen, die für uns absolut neu sind in diesen Dimensionen“, sagt der Pressesprecher des Erzbistums München und Freising. „Das zeigt, dass Spiritualität, die Suche nach Gott und dem Glauben weiterhin sehr starke Bedürfnisse der Menschen sind.“ Trotzdem sind die Kirchenaustritte im vergangenen Jahr in der Erzdiözese auf Rekordniveau gestiegen: 27 124 getaufte Katholiken haben sich zwischen Berchtesgaden und Landshut verabschiedet. Jahr für Jahr steigen die Zahlen: 2018 waren es noch 22 580.

Zuwanderung gleicht Austritte aus

Der prozentuale Anteil der Katholiken auf dem Gebiet des Erzbistums liegt schon seit längerem bei unter der Hälfte der Gesamtbevölkerung. 2019 waren es 43 Prozent. Dennoch, so Bernhard Kellner, ist die Gesamtzahl durch die die starke Zuwanderung im Großraum München nahezu stabil geblieben: 1,645 Millionen Katholiken hat die Statistik für das Erzbistum 2019 erfasst. 2018 waren es 1,674 Millionen. Auch wenn die Diözese den Austrittstrend seit Jahrzehnten verfolgt, „kann es hier keine Routine geben“, so Bistumssprecher Bernhard Kellner. Die gerade im traditionell katholisch geprägten Oberbayern hohen Austrittszahlen hätten vielfältige Gründe. Sie gingen mit grundsätzlichen Säkularisierungsbewegungen in der Gesellschaft einher: „Die Menschen können sich frei für oder gegen den Glauben entscheiden, das ist ein großer Fortschritt, so dass die Kirche immer wieder neu überzeugen muss.“ Gerade im Bereich des Erzbistums spielten zudem finanzielle Gründe eine Rolle: „Die Wohnungen und Lebenshaltungskosten in und um München sind sehr teuer.“ Zudem sei vielen Bürgern offenbar nicht mehr bewusst, was die Kirche etwa im Bildungs- und caritativen Bereich auch für die gesamte Gesellschaft leiste. Vieles davon werde durch Kirchensteuern finanziert.

Angebote in der Coronakrise ausgebaut

Gerade während der Coronakrise habe es einen starken Bedarf bei verschiedenen Angeboten gegeben. „Die Telefonseelsorge war sehr stark nachgefragt, die schnell verstärkt und ausgebaut worden ist, ebenso die Essensausgabe für Bedürftige; zudem haben wir eine mobile Einsatzgruppe von speziell ausgebildeten und ausgerüsteten Seelsorgern geschaffen, um Covid 19-Patienten zu besuchen.“ Bernhard Kellner verweist auch auf die vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Pfarreien, „die viel getan haben, um vor Ort ein geistliches Leben erlebbar zu machen, trotz der umfangreichen Beschränkungen“. Das seien Hoffnungszeichen, dass die Kirche auf aktuelle Herausforderungen reagiere. „Wir müssen nun weiterhin schauen, wie wir unsere Prioritäten setzen; wie stellen wir die Kirche jetzt so auf, dass sie ihre Rolle kraftvoll ausüben kann.“  Durch die zu erwartenden Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern infolge der Coronakrise werde das in den kommenden Jahren zunehmend schwieriger.

Erstmals über eine halbe Million Austritte

Umso mehr schmerzt hier die gleichbleibend hohe Zahl an Kirchenaustritten, die auch für andere katholische Bistümer und die evangelischen Landeskirchen gilt. In ganz Deutschland sind die Zahlen sprunghaft gestiegen. So haben 2019 insgesamt 272 771 Katholiken die Kirche verlassen.
An der Spitze steht dabei das Erzbistum im München und Freising mit über 27 000, gefolgt vom Erzbistum Köln mit 24 298 und vom Erzbistum Freiburg mit 22 287 Austritten. Sie zählen zu den fünf größten Diözesen der Bundesrepublik.
Insgesamt gehörten 2019 noch 22,6 Millionen Menschen der katholischen Kirche in Deutschland mit ihren 27 Bistümern an. Damit machen Katholiken 27,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. 2018 waren es noch 23 Millionen oder 27,7 Prozent.
Auch die prostestantischen Kirchen verzeichneten 2019 rund 270 000 Austritte. Das sind 22,3 Prozent mehr als 2018 mit 220 000). Zum ersten Mal liegen die gesamten Kirchenaustritte in Deutschland bei über 500 000. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Nürnbergs, der zweitgrößten Stadt in Bayern.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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