Katholische und evangelische Schüler Bayern: Religionsunterricht in Zukunft gemeinsam?

24.10.2018

Immmer mehr Bundesländer bieten Schulen die Möglichkeit, gemeinsamen Religionsunterricht für katholische und evangelische Kinder anzubieten. Wäre das auch in Bayern denkbar und was wären die Voraussetzungen dafür?

Gemeinsamer Religionsunterricht von katholischen und evangelischen Kindern - bald auf vielen Stundenplänen?
Gemeinsamer Religionsunterricht von katholischen und evangelischen Kindern - bald auf vielen Stundenplänen? © SMB/sschmid

München – Immer mehr Kinder, die nicht getauft sind, einige Katholiken und ein, zwei Protestanten oder umgekehrt – so sieht die Situation in den Grundschulen in einigen Regionen Deutschlands aus. Welche Pläne es gibt, das im Erzbistum München und Freising gut zu organisieren, darüber haben wir mit Ordinariatsdirektorin Sandra Krump, Leiterin des Ressorts Bildung im Erzbischöflichen Ordinariat, gesprochen.

mk online: Einige Bundesländer haben zu Beginn des Schuljahres den Religionsunterricht evangelisch-katholisch zusammengelegt. Wäre das hier auch denkbar?

Sandra Krump: Dahinter steckt die Beobachtung der Realität, dass es in einigen Schularten in manchen Regionen Deutschlands schwierig ist, für eine der beiden Konfessionen, in der Regel für die, die dort weniger stark vertreten ist, vernünftige Lerngruppen zu organisieren. Das kennen wir in Bayern grundsätzlich auch, und zwar sowohl für die katholische, als auch für die evangelische Seite. In Niederbayern beispielsweise gibt es meist sehr wenige evangelische Kinder, in Teilen Frankens gibt es sehr wenige katholische Kinder. Daraus ergibt sich dann die Situation, dass an einer Grundschule für eine Religionsgruppe Kinder aus den Jahrgangsstufen 1 mit 4 zusammengelegt werden müssen. Das sind jedoch völlig unterschiedliche Entwicklungsstufen und Fragestellungen, der Unterricht findet möglicherweise spät am Nachmittag statt – das ist keine gute Voraussetzung. Für diese Situationen hat die Deutsche Bischofskonferenz vor zwei Jahren das Rahmenpapier „Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts“ herausgegeben. Darin wird festgehalten, dass der konfessionelle Religionsunterricht sehr gut und sehr wirksam ist, und daran soll festgehalten werden. Aber es gibt Situationen, mal für katholische Kinder, mal für evangelische Kinder, da kann man diesen nicht mehr pädagogisch sinnvoll organisieren. In diesen Situationen will man zusammenarbeiten.

mk online: Geschieht diese Zusammenlegung in Bayern jetzt schon?

Krump: Wir sind in Bayern bereits seit einigen Jahren in Gesprächen mit der evangelischen Landeskirche und dem Kultusministerium und haben in einigen Projekten versucht, für die Kinder etwas Sinnvolles anzubieten. Aus meiner Sicht ist es ganz entscheidend, dass es um das Recht der Kinder auf religiöse Erziehung geht. Dem muss man gerecht werden und daran müssen sich alle Projekte und Ideen orientieren.

mk online: Sie haben vorher schon angesprochen, dass es nicht immer sinnvoll ist jahrgangsstufenübergreifenden Unterricht anzubieten. Dasselbe gilt vermutlich beim Zusammenlegen des evangelischen und katholischen Unterrichts. In der zweiten Klasse wird lange Mose behandelt, da funktioniert das vermutlich gut, wenn es dann in der dritten Klasse auch um die Vorbereitung der Erstkommunion geht, gibt es Grenzen.

Krump: Gerade im Grundschulbereich sind wir zusammen mit der evangelischen Landeskirche stark am Planen. Die Lehrkräfte müssen fortgebildet werden, manche Lehrplan-Themen werden ganz einfach gehen, wenn ich eine katholische Gruppe habe, in der ein paar evangelische Kinder sitzen oder umgekehrt. Aber es geht nicht darum, dass die Kinder einfach mitlaufen, sondern man muss es als Chance betrachten. Gerade bei Themen, wo beide Konfessionen unterschiedliche Auffassungen haben, kann das sehr bereichernd sein. Andere Bundesländer und Diözesen, die das schon länger machen, haben das wissenschaftlich begleiten lassen und stellen fest, dass selbst die Kinder der sogenannten „Mehrheitskonfession“ in so einer Situation hinterher mehr über die eigene Konfession wissen, weil sie feststellen, da gibt es andere Kinder, die kommen aus einer Konfession mit anderen Ansichten. Da wird tatsächlich ein Erkenntnisschub ausgelöst. Man lernt aber natürlich auch Gemeinsamkeiten zu sehen und zu identifizieren. Dafür müssen die Lehrer aber fortgebildet werden, dass ist nichts, was man eben mal aus der Hüfte machen kann. Und es gibt Lehrplan-Themen, wo man überlegen muss, mit welchen Materialien man da unterstützen kann.

mk online: Aber die Planung sieht dann auch vor, dass Lehrkräfte beider Konfessionen die Kinder abwechselnd unterrichten?

Krump: Die Planung sieht derzeit so aus, dass es eine Lehrkraft geben soll, die verantwortlich ist, dass aber bei Themen, die für die andere Konfession sehr bedeutsam sind, eine Lehrkraft oder ein pastoraler Mitarbeiter in den Unterricht eingeladen wird. Das Ganze ist nicht einfach, weshalb es uns wichtig ist, dass nicht schnell was aus der Hüfte geschossen wird und hinterher merkt man, dass es da doch eine Reihe von Fragen gibt, die man hätte vorher lösen müssen. Wir sind bereits seit zwei Jahren in intensiven Gesprächen mit der evangelischen Landeskirche, haben Projekte ausprobiert, in denen Lehrkräfte zusammen Dinge entwickelt haben und wir lernen daraus, bevor wir das in die Fläche geben.

mk online: Das heißt aber: im Kleinen wird es schon ausprobiert?

Krump: Ja, an verschiedenen Projektstandorten, die aber natürlich da sind, wo tatsächlich große Diaspora-Situationen sind. Beispielsweise in Niederbayern oder Franken, mal für die evangelische, mal für die katholische Seite. Bei uns im Erzbistum gibt es in der Stadt München in der Stadt eigentlich keine solche Situation, wo organisatorische Probleme der Auslöser wären: In Oberbayern, je weiter auf dem Land, gibt es schon mal die Situation, dass gerade in der Grundschule sehr wenige evangelische Kinder sind und man gemeinsam überlegen muss, wie man es gut organisiert.

mk online: Die Kinder nehmen das vermutlich erstmal ganz offen auf, aber wie sieht es mit den Reaktionen der Eltern aus?

Krump: Was wir von Anfang an in unseren gemeinsamen Überlegungen festgehalten haben ist, dass solche Projekte nur mit Zustimmung der Eltern eingeführt werden. Das ist ganz wichtig, denn schließlich sind die Eltern für die Erziehung und damit auch die religiöse Erziehung ihrer Kinder verantwortlich. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass, wenn man mit den Eltern ins Gespräch kommt und ausführlich informiert, dass die Kinder der kleineren Konfession nicht einfach „eingemeindet“ werden, sondern, dass man das nutzt, um sich gegenseitig intensiver kennenzulernen, und man es nutzt, um beider Kindergruppen gerecht zu werden, die Eltern sehr positiv drauf reagieren. Aber diesen Qualitätsanspruch muss man haben. Man kann nicht einfach irgendwas machen, denn da würden die Eltern zu Recht sagen: „Ne, das brauchen wir nicht.“

mk-online: Was steht denn dann eigentlich bei einem solchen Fach im Zeugnis? Heißt das dann noch „Katholische Religion“ oder „Evangelische Religion“?

Krump: Das ist eine schwierige Frage, weil wir das zusammen mit dem Kultusministerium beschließen müssen. Das bestimmen nicht einfach wir. Wir haben zwei Eckpunkte, die uns da wichtig sind: es muss klarwerden, an welchem Fach das Kind teilgenommen hat, also ob es jetzt am evangelischen oder katholischen Religionsunterricht teilgenommen hat, es muss aber auch, vielleicht aus der Zeugnisbemerkung, hervorgehen, dass es ein Kooperationsprojekt war und dass in diesem Fall vielleicht ein evangelisches Kind am katholischen Religionsunterricht teilgenommen hat oder umgekehrt. Diese Transparenz im Zeugnis ist sehr wichtig.

mk online: Wir haben bislang viel von der Grundschule gesprochen – das ist aber generell auch an den weiterführenden Schulen denkbar?

Krump: Das hängt von der Schulart ab. Dass von der einen Konfession einmal mehr, einmal weniger Kinder da sind, das setzt sich in den Mittelschulen fort. In den Realschulen und Gymnasien kennen wir das Problem weniger. Das hängt jedoch auch damit zusammen, dass Realschule und Gymnasium Schularten sind, die sowieso nach Fachunterricht organisiert sind und wo es auch in anderen Fächern Lerngruppen gibt, die sich aus mehreren Parallelklassen zusammensetzen. Das sieht man, wenn man sich beispielsweise die Sprachwahl ansieht. Diese Organisationsprinzipien machen es leichter. Deshalb beschränkt sich das Problem lediglich auf Grund- und Mittelschulen in bestimmten Regionen – nicht flächendeckend.

mk online: Dass, was dann da stattfindet, ist aber, nochmal ganz deutlich gesagt kein „ökumenischer Religionsunterricht“?

Krump: Es ist „Konfessioneller Religionsunterricht mit erweiterter Gastfreundschaft“ – so unser Arbeitstitel. Dadurch kommt das Positive zum Ausdruck und ich denke, Gastfreundschaft ist ein wichtiger Begriff. Denn wie geht man mit einem Gast um? Respektvoll, offen, freundlich, man heißt ihn willkommen, man geht auf ihn ein, aber man buttert ihn nicht unter. Es ist ganz wichtig, dass die Intention, mit der wir das gemeinsam tun wollen, zum Ausdruck kommt.

Die Autorin
Stefanie Schmid
Radio-Redaktion
s.schmid@st-michaelsbund.de


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