Vor 75 Jahren starb Pater Rupert Mayer Bayerns populärster Priester

31.10.2020

Jesuit, Widerstandskämpfer, Seliger – Pater Rupert Mayer ist vor 75 Jahren an Allerheiligen gestorben.

Denkmal Pater Rupert Mayer in Unterkirche der Bürgersaalkirche in München.
Denkmal Pater Rupert Mayer in Unterkirche der Bürgersaalkirche in München. © imago images / imagebroker

Eine Lichtgestalt ist er gewesen in der angepassten Christenheit in den aufgewühlten Elendsjahren nach dem Ersten Weltkrieg. Die bayerische Landeshauptstadt wurde zum Sammelpunkt gescheiterter Existenzen und revolutionärer Wirrköpfe jeder Couleur. Und auch der Männerseelsorger Rupert Mayer war eine problematische Figur: Von keinem Parteibonzen ließ er sich den Mund verbieten, der kantige Jesuit. Aber er hat auch so gut wie nie die Bedingungen hinterfragt, die den Nazis ihren Aufstieg ermöglichten: die Sehnsucht nach dem starken Staat, die auch im katholischen Lager verbreitete Republikfeindlichkeit, die Kollaboration von Kirchenführern und akademischen Größen mit den neuen Herren. Mayer blieb im Grunde immer der patriotische Frontseelsorger und mit zahlreichen Orden dekorierte Veteran des Ersten Weltkriegs. Was ein echter bayerischer Soldat sei, so predigte er seinen Kameraden regelmäßig, der wisse eben auch, was er seinem Herrgott schulde. Bayerns populärster Priester kam in Stuttgart zur Welt, 1876, in einer Kaufmannsfamilie. Er war ein kränkliches, behütetes Kind und dennoch ein begeisterter Turner und Schwimmer, ein Pferdenarr, der später als Theologiestudent gern in Reitstiefeln zu den Vorlesungen kam und in seiner Studentenverbindung als der beste Fechter galt. Grimmig verteidigte der kleine Rupert seinen Katholizismus in der württembergischen Diaspora (88 Prozent der Stuttgarter waren Lutheraner), indem er protestantische Spötter in der Schule verprügelte.

Neue Wege der Großstadtseelsorge

„Aus Liebe zu den Menschen“, wie er kurz angebunden erklärte, wollte er in den damals im Deutschen Reich verbotenen Jesuitenorden eintreten. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg begann er in München neue Wege der Großstadtseelsorge zu erproben. Die bayerische Hauptstadt hatte damals schon über eine halbe Million Einwohner, und jedes Jahr kamen bis zu zehntausend Menschen hinzu, die hier Beschäftigung suchten: Arbeiter, Arbeiterinnen, Dienstmädchen. Abend für Abend machte Pater Mayer fünf bis sechs Hausbesuche bei den Neuzugezogenen, informierte über Gottesdienstangebote und kirchliche Verbände, aber auch über soziale Einrichtungen. Er scharte Gruppen engagierter Laien aus der Jugend und den Arbeitervereinen um sich, schulte sie in regelmäßigen Zusammenkünften und schickte sie ebenfalls in die Häuser.

Politik auf der Kanzel

Als der Krieg ausbrach, meldete er sich sofort an die Front, barg Verwundete im Geschützfeuer, unterschied dabei nicht zwischen Freund und Feind. Als einbeiniger Invalide nach München zurückgekehrt, baute er dort eine erfinderische Sozialarbeit mit Brotgutscheinen, Kohlelieferungen und Jobvermittlung auf, hielt bis zu 70 Predigten im Monat, saß trotz der schmerzhaften Kriegsverletzung – 1916 hatte er an der Ostfront ein Bein und ein Stück des Oberschenkels verloren – samstags bis zu sieben Stunden im Beichtstuhl.

Seine freimütigen Predigten schlugen sich bei der Polizeidirektion in einer dicken Akte nieder. 1936 wurde Mayer von der Staatsanwaltschaft verwarnt: Politik auf der Kanzel, das gehe im heutigen Staat nicht mehr. Schließlich erteilte ihm im April 1937 die Berliner Gestapo-Zentrale ein Redeverbot für das ganze Deutsche Reich, was Pater Mayer schlicht ignorierte. Kurz darauf wurde er verhaftet.

Ein „Wahrheitsfanatiker“

Am 22. Juli 1937 begann der Prozess gegen Pater Mayer vor dem Sondergericht München. Ein politischer Prozess, der sich auf politische Ausnahmegesetze stützte: Angeklagt war er wegen „Kanzelmissbrauchs“ (der Paragraph stammte noch aus der Kulturkampf-Ära Bismarcks) und wegen fortgesetzten Vergehens wider das „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Partei und Staat“ (1934 erlassen). Über Rupert Mayer verhandelten noch keine fanatischen Blutrichter vom Schlage Freislers. Es sind typische Mitläufer gewesen, bemüht, die Erwartungen der übergeordneten Behörden nicht zu enttäuschen und dem Angeklagten mit einem Rest von Fairness dennoch goldene Brücken zu bauen.

Zum 75. Todestag des Jesuitenpaters Rupert Mayer feiert der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, an Allerheiligen, Sonntag, 1. November, um 9 Uhr einen Gedenkgottesdienst in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael, Neuhauser Straße 6. Die Messe wird online übertragen.  (pm)

„Der Herrgott hat das erste Anrecht auf uns“, erklärte der 61-Jährige seinen Richtern. Wenn der Staat etwas von ihm verlange, was gegen Gottes Gebot sei, „dann ist es aus und vorbei mit der Autorität des Staates!“ Als „Wahrheitsfanatiker“ hatte sich Pater Mayer selbst einmal bezeichnet. Nichts charakterisiert ihn besser als seine bühnenreifen Dialoge mit dem Gerichtsvorsitzenden, der sich manchmal mit hintergründiger List, manchmal naivtreuherzig um diesen bockigen Angeklagten bemühte. Da ging es zum Beispiel um Mayers auf der Kanzel geäußertes Urteil, die Erziehungsberechtigten seien „gegen alles Recht und Gesetz“ um die Konfessionsschule gebracht worden. „Ja, das geht doch nicht“, tadelte ihn der Vorsitzende väterlich. Darauf Mayer lakonisch: „Das geht auch nicht.“ Der Vorsitzende, geduldig: „Sie sollen nicht in Ihrem Rechte beschnitten werden, als Priester Ihr Recht zu vertreten. Aber diese Ausfälle hier nebenbei gegen den Staat ...“
Pater Mayer: „Mir kommt es viel ehrlicher vor, als wenn ich durch alle möglichen Phrasen mich durchwinde, um dann das Gleiche zu sagen. Hier wissen die Leute, so ist es, und es ist auch so.“
Der Vorsitzende: „Es muss halt eine gewisse Form haben.“ Pater Mayer: „Grob ist mir viel lieber, wenn es ehrlich ist.“

Seligsprechung durch Johannes Paul II

Man zog sich auf salomonische Weise aus der Affäre. Das Gericht verurteilte Mayer zu sechs Monaten Gefängnis, hob den Haftbefehl aber gleich wieder auf: Man vertraue auf die Einsicht des Delinquenten. Wenige Monate später begann er wieder in der gewohnt deutlichen Weise zu predigen, wurde erneut verhaftet, wanderte ins Gefängnis Landsberg, wo er Tüten zu kleben hatte. 1939 die dritte Verhaftung, weil er unter Berufung auf seine seelsorgerliche Schweigepflicht die Namen von Besuchern nicht nennen wollte. Im KZ Sachsenhausen litt er fürchterliche Schmerzen an seinem Beinstumpf, magerte lebensbedrohlich ab, auf 50 Kilo. Seiner bekümmerten Mutter schrieb er voller Galgenhumor: „Mach Dir nur keine Sorgen. Ich bin hier sehr gut aufgehoben. Ich kann mich prächtig erholen.“

 Die Gestapo, die keinen so populären Märtyrer brauchen konnte, traf mit der Münchner Kirchenleitung eine Vereinbarung: Der Priester kam frei, musste sich aber in das abgelegene Benediktinerkloster Ettal zurückziehen und durfte dort nicht einmal die Messe feiern oder Beichte hören. „Seitdem bin ich lebend ein Toter“, grämte sich der Gerettete. Fünf Jahre verbrachte er hier im Exil, um bei Kriegsende müde und gebrochen 69-jährig in das zerbombte München zurückzukehren. Wieder belagerten verzweifelte Menschen sein Sprechzimmer, wieder organisierte er Wohnungen und Lebensmittel, predigte bis zur Erschöpfung. Mitten in einer solchen Predigt erlitt er am Allerheiligentag 1945 einen Gehirnschlag. Minutenlang blieb er stumm und aufrecht vor dem Altar stehen, gehalten von seiner Oberschenkelprothese, bis ihn Mitbrüder aus der Kirche trugen.

Als sich die Todesnachricht in der Stadt verbreitete, raunten sich die Münchner voll zärtlicher Bewunderung zu: „Unser Pater Mayer ist niemals umgefallen – nicht einmal im Sterben!“ Am 3. Mai 1987 hat ihn Papst Johannes Paul II. im Münchner Olympiastadion seliggesprochen. Pater Mayers Grab in der Bürgersaalkirche ist nie ohne Beter, nie ohne Blumen. (Christian Feldmann)

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