Vom Umgang mit Demenz Bedürfnis nach Vertrautheit

13.08.2013

Wo gehen wir jetzt hin? Was gibt es dort? Fragen von Menschen, die dementiell er­krankt sind und denen ich unser Vorhaben, einen Spaziergang im Garten zu machen, ge­rade erklärt habe.

Renate Fahry ist Gerontologin und Alltagsbegleiterin für demenzkranke Menschen (Bild: Münchner Kirchenzeitung)

Wir benützen den Aufzug und wieder werde ich gefragt: Wo gehen wir jetzt hin? Eine alltägliche Szene für mich als Alltagsbegleiterin im Umgang mit Demenz­ kranken in den unterschiedlichen Stadien.

Demenz im strengen Sinn ist keine Krank­heit, sondern ein fortschreitender Abbaupro­zess des Gehirns, das nach und nach die erfor­derlichen Leistungen zur Lebensbewältigung immer weniger erbringen kann. Als Außen­stehende diesen Prozess zu beobachten und zu begleiten, ist ein menschlich anstrengendes und zugleich anrührendes Erleben. Im Frühstadium, wenn schwere Konzentrationsmängel und damit Fehler auftreten, reagieren manche Betroffene mit Entsetzen, sind enttäuscht und teilweise verzweifelt, oder je nach Veranlagung ärgerlich oder aggressiv. Sie spüren, dass sie alleine nicht mehr zurecht kommen und lernen müssen, Hilfe anzu­nehmen. Von den Betreuenden fordert die­ses Stadium ein hohes Maß an Geduld und Einfühlungsvermögen, damit sich nicht eine Bevormundungsmentalität einschleicht, die die Würde des anderen außer Acht lässt.

Mit zunehmender Demenz wächst das Be­dürfnis der Betroffenen nach Vertrautheit mit Menschen und Dingen. Ein geregelter Tagesablauf gibt Sicherheit, und bekannte Gesichter erleichtern die alltäglichen Verrichtungen. Al­les Neue, was früher vielleicht spannend war, kann als Bedrohung erlebt werden und wird abgelehnt. Hier ist das Vertrauen in die Be­treuenden die lebenserleichternde Kraft.

Im späteren Stadium der Demenz, wenn Leben und Alltag nur noch fremdbestimmt zu be­wältigen sind und sich möglicherweise auch die Persönlichkeitsstruktur gravierend verän­dert hat, wird Geborgenheit, das Angenom­mensein im So­Sein, zur wichtigsten Empfindung, die für den Dementen intuitiv spürbar bleibt. Sie wird den Betreuenden gelohnt mit Vertrauen und Bereitwilligkeit im Alltagsda­sein. Geduld kostet Zeit, Verstehen wollen kostet Zeit, Begleiten wollen kostet Zeit. Hier steht „Zeit“ für mich als Münze für eine Le­bensqualität, die auch Dementen zusteht.

Renate Fahry ist Gerontologin und Alltagsbegleiterin für demenzkranke Menschen.

 

 

 


Das könnte Sie auch interessieren

Vom Umgang mit Demenz Größtmögliche Freiräume

Wir, die wir denken im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte zu sein, können wahrscheinlich nicht ermeissen, was die Diagnose Demenz für einen älteren Menschen bedeutet.

13.08.2013

Vom Umgang mit Demenz Größtmögliche Freiräume

Wir, die wir denken im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte zu sein, können wahrscheinlich nicht ermeissen, was die Diagnose Demenz für einen älteren Menschen bedeutet.

13.08.2013

Vom Umgang mit Demenz Würde und Spiritualität im Alter

Menschen mit einer Demenz sind dabei „die Welt zu verlernen“ (Nelly Sachs); sie müssen erleben, dass sie den Alltag immer weniger bewältigen können.

13.08.2013

Vom Umgang mit Demenz Würde und Spiritualität im Alter

Menschen mit einer Demenz sind dabei „die Welt zu verlernen“ (Nelly Sachs); sie müssen erleben, dass sie den Alltag immer weniger bewältigen können.

13.08.2013

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren