Zum Verhältnis von Staat und Kirche Befreit von Bevormundung

06.11.2018

Kirche wird in der Gesellschaft nach wie vor gebraucht, ist sich SPD-Politiker Franz Maget sicher. Das Fundament für das Miteinander von Kirche und Staat legte in Bayern die Neuordnung nach der Revolution von 1918 - und eröffnete unerwartete Freiräume.

Autor und SPD-Politiker Franz Maget. © privat

München – Die Revolution im November 1918 war ganz und gar nicht nach dem Geschmack der Münchner Kirchenoberen. Als „großes Unrecht“ und wohl auch als Unglück, ja als „schwärzesten Tag der Geschichte“ betrachtete sie Erzbischof Kardinal Michael von Faulhaber, der der alten, obrigkeitsstaatlichen Ordnung nachtrauerte. Schließlich war die eben zu Fall gebrachte Monarchie die gottgewollte Staatsform gewesen. Mit Demokratie, Rechtsstaat, allgemeinem Wahlrecht gar für Frauen und verbrieften, individuellen Freiheitsrechten für alle Bürger konnte die Amtskirche – gelinde gesagt – wenig anfangen.

Aber was half es? Ludwig III. war abgesetzt und bald schon wurden die üblichen Fürbitten auf den König in den Gottesdiensten weggelassen. Irgendwie musste man sich ja, wenn auch sorgenvoll mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Groß war dabei nicht nur bei Faulhaber die Angst vor „französischen Verhältnissen“, also vor einem laizistischem Staat mit vollständiger Trennung von kirchlichen und staatlichen Institutionen. Schließlich hatte sich mit der Regierung Eisner und der – demokratisch legitimierten – Nachfolgeregierung unter Ministerpräsident Hoffmann bereits ein heftiger Streit über das geplante Zurückdrängen des kirchlichen Einflusses in den Schulen und beim Religionsunterricht ergeben.

Neue Freiräume eröffnen

Bald schon begannen tatsächlich Verhandlungen darüber, wie das Verhältnis zwischen Kirchen und Weimarer Republik neu gestaltet werden konnte. Dabei zeigte sich, dass die revolutionären Ereignisse durchaus auch Vorteile für die Kirchen bedeuten konnten, weil sie sie von staatlicher Bevormundung befreiten und damit neue Freiräume eröffneten. Der Erste, der diese Chancen erkannte, war der päpstliche Nuntius Eugenio Pacelli. Der Römer war bereits seit 1917 päpstlicher Gesandter in Bayern und damit Augenzeuge der Revolution geworden.

Unmittelbar nach Kriegsende begann er systematisch eine neue Form der Kooperation zwischen Katholischer Kirche und Staat zu skizzieren und in die Weimarer Reichsverfassung einzubringen. Das Zustandekommen des Konkordats zwischen Freistaat Bayern und Heiligem Stuhl war im Wesentlichen sein Verdienst. Zeitgleich mit den Evangelischen Staatskirchenverträgen trat es 1925 in Kraft.

Ethisch-moralisches Fundament

Mit diesem Konkordat wurde eine neue Grundlage für eine Kooperation gefunden, deren Grundidee bis heute wirksam ist: Der Staat achtet die Pluralität religiöser Angebote und Interessen und er unterstützt die Kirchen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Kein Staatskirchentum also, aber auch kein beziehungsloser Laizismus.

Offensichtlich war den Repräsentanten des Weimarer Staates bewusst, dass es eines ethisch-moralischen Fundaments bedarf, wenn Demokratie gelingen soll. Bei allen Säkularisierungsbestrebungen war klar, dass dieses nur die christlichen Glaubensgemeinschaften leisten konnten. Obwohl die Weimarer Verfassung keinen Gottesbezug beinhaltete, begründete das Konkordat von 1924/25 im neuen, demokratischen Freistaat Bayern ein weiterhin enges Zusammenwirken zwischen Kirche und Staat, das bis heute beibehalten wurde und sich bewährt hat.

Wichtige Akteure der Zivilgesellschaft

Trotz eines unübersehbaren Rückgangs religiöser Bindungen und anhaltend hoher Austrittszahlen werden die Kirchen in unserer Gesellschaft weiterhin gebraucht. Sie sind in Bayern gestern wie heute wichtige Akteure der Zivilgesellschaft. Nicht zuletzt spielen sie im sozialen und caritativen Bereich, als Träger von Kindertagesstätten oder in der Flüchtlingsbetreuung eine tragende Rolle. Im Rahmen der verfassungsmäßig verankerten Subsidiarität erfüllen sie Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge und erbringen Leistungen etwa in der Krankenhaus-, Gefängnis- oder Militärseelsorge, wie sie von staatlicher Seite nicht adäquat erbracht werden könnten. Es ist folgerichtig, dass dafür die angemessene öffentliche Finanzierung im Rahmen von beispielsweise Pflegesätzen oder kommunalen Zuschüssen erfolgt.

Gebraucht werden die Kirchen aber auch, um ein notwendiges Maß an kultureller Identität und gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit zu vermitteln. Und sei es durch den Fortbestand christlicher Sakramente wie Taufen, Eheschließungen oder Bestattungen sowie durch die Feiertage im kirchlichen Jahreslauf. Das spezifisch deutsche Modell eines Staates, der religiös neutral ist, sich aber positiv zu den Religionsgemeinschaften verhält, kann übrigens auch auf die muslimische Glaubensgemeinschaft Anwendung finden. Entscheidend ist, dass die freie Religionsausübung gewährleistet ist und der demokratische Gemeinsinn bejaht, geschätzt und verteidigt wird. (Franz Maget)

Der Autor und SPD-Politiker war von 1990 bis 2013 Mitglied des Bayerischen Landtags. In den Landtagswahlkämpfen 2003 und 2008 war er Spitzenkandidat der SPD in Bayern.


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