Nachruf Georg Ratzinger Begegnungen voller Freundlichkeit

01.07.2020

Aufgeschlossen, unterhaltsam, interessiert - Susanne Hornberger, Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung, erinnert sich an berufliche und persönliche Zusammentreffen mit dem ehemaligen Domkapellmeister Georg Ratzinger.

Georg Ratzinger und Susanne Hornberger
Susanne Hornberger pflegte den Kontakt zu Georg Ratzinger. © SMB

Georg Ratzinger war so erfrischend anders, als man dies vielleicht von einem Regensburger Domkapellmeister erwarten würde: Er witzelt, erzählt Kurioses, macht Späßchen. Der Papst-Bruder unterhält an diesem Montagmittag im Juni 2011 den großen runden Tisch in seiner gemütlichen Wohnstube in der Regensburger Luzengasse. Mit dabei sind zwei enge Freunde des Prälaten, mein Kameramann und ich. Es war eines der schönsten und unterhaltsamsten Mittagessen – bevor wir uns auf den Weg „Von Regensburg nach Rom“ machten, so sollte auch der Titel meines fünf Minuten langen Stückes lauten anlässlich der Live-Übertragung des Gottesdienstes zum 60-jährigen Priesterweihe-Jubiläum der Brüder Ratzinger.

Entwaffnend ehrlich

So war der Domkapellmeister immer: aufgeschlossen, unterhaltsam und immer an seinem Gegenüber interessiert. Wie sein Bruder Papst Benedikt XVI. merkte er sich alles Mögliche über Menschen, denen er begegnete. Und wir begegneten uns viele Male. Alles begann im April 2005, als ich ihn zu Beginn des Konklaves, in das sein Bruder Kardinal Joseph Ratzinger als Favorit ging, für das ARD-Morgenmagazin live interviewte.

Entwaffnend offen und ehrlich erklärte Georg Ratzinger, dass sein Bruder, der doch alt und krank sei, deshalb keine gute Wahl sei. Und berichtete auch, dass die beiden Brüder doch Pläne hatten, ihr Alter, ihre Rente gemeinsam zu verbringen in Regensburg. Einen Tag später kam es anders. Der Schock saß tief, der Domkapellmeister zog sich nach dem weißen Rauch erstmal zurück, ging weder ans Telefon noch an die Haustür. Die Kollegen vom ARD-Morgenmagazin wollten unbedingt wieder ein Interview mit Prälat Ratzinger, jetzt dem „Papst-Bruder“ und mir. Es gelang mir sogar, weil der Geistliche am nächsten Tag so wie immer, ganz allein zum Dom in die Morgenmesse ging. Er sagte mir das Interview zu, „aber erst nach der Messe“, ich höre ihn noch heute.

Ich war die Erste, die den „Bruder des Papstes“ interviewen konnte. Wieder war Georg Ratzinger von einer Ehrlichkeit, von einer Offenheit, die bemerkenswert war. Dies sei keine gute Wahl, Joseph wollte ja schon länger aus Rom zurückkommen und in Regensburg alt werden. Er wirkte unglücklich. Denn die Furcht war da, seinen Bruder nun kaum mehr sehen zu können.

Kontakt in den Vatikan

Diese Ausnahme-Situation, aber auch der gegenseitige respektvolle Umgang, den wir miteinander pflegten, schuf eine vertrauensvolle Basis. So saß ich also Jahre später in seiner Wohnstube und speiste mit ihm. Bevor wir zum Flughafen aufbrachen. Im Auto sagte er vor laufender Kamera, dass er ein eigenes Telefon nur für seinen Bruder hatte. Wenn dies läutete, war der Vatikan am anderen Ende. Und natürlich telefonierten sie, so oft es ging, mindestens zweimal die Woche.

Gemeinsames Musizieren gebe es schon länger nicht mehr, erzählte er weiter. „Er hört mir gerne zu, wenn ich spiele. Er selber spielt in meiner Gegenwart etwas ungern.“ Ich hakte nach, ob der Papst vor dem Urteil des Musikers Angst habe. „Er weiß natürlich, dass er nicht in der Übung ist, aber Angst hat er nicht. Es hat sich so eingespielt, er hört mir zu.“

Eingespielt hatte sich auch, dass Georg Ratzinger seinen Bruder regelmäßig treffen konnte. Er reiste meist dreimal im Jahr zu ihm nach Rom. „Es ist doch viel leichter geworden, als ich meinte“, sagte er im Flugzeug nach Rom, während die Kamera lief.

Der größere Lausbub

Die Kindheit der Geschwister Georg, Maria und Joseph sei fröhlich und unbeschwert gewesen. Trotzdem habe es es aber auch immer mal wieder Gerangel gegeben im Hause Ratzinger. „Wie halt Buben so sind, wir haben gestritten und auch gerauft zwischendurch, aber nicht so ernsthaft.“ Und gibt zu, dass er, Georg, der wohl größere Lausbub war, Bruder Joseph der Ernsthaftere.

Wem der Domkapellmeister vertraute, dem erzählte er auch Erinnerungen. Ein Reporter-Privileg, das nur wenige genießen durften. Gerade im kirchlichen Bereich ist das Zusammenspiel von Geistlichkeit und (säkularen) Medien schließlich nicht immer ganz einfach. Doch Georg Ratzinger ließ Fragen zu, beantwortete sie mit seiner ruhigen, sonoren Stimme, mit Charme – und oft mit diesem gewissen Schalk.

Freundlichkeit, Wertschätzung und Interesses

Dem Stück „Von Regensburg nach Rom“ und damit vor allen Dingen der Offenheit und dem Vertrauen Georg Ratzingers verdanke ich es letztlich auch, dass ich als ARD-Korrespondentin ins Studio Vatikan entsendet wurde. Der TV-Beitrag gefiel nämlich dem damaligen BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs ausnehmend gut. Es war seine persönliche Anerkennung meiner bisherigen journalistischen Arbeit, dass ich schließlich im Vatikan arbeiten durfte.

In Rom selbst bekam ich ebenfalls einige Gelegenheiten, den Domkapellmeister zu treffen und mit ihm zu drehen. Begegnungen voller Freundlichkeit, der Wertschätzung und des Interesses an Person und Job. Vorsichtig fragte der Prälat eines Tages, ob er nicht mal ins BR-Vatikan-Fernsehstudio kommen dürfe. Denn ihn interessiere, wie ein Fernsehbeitrag entstehe. So besuchte er mich und unser BR-Produktionsteam in unserem kleinen Studio in der Via della Conciliazione, einen Steinwurf vom Petersplatz entfernt. Neugierig ließ er sich alles erklären, Dreh, Technik, Schnitt, Vertonung und Überspielung nach München oder Hamburg zu Tagesschau, Tagesthemen.

Sensible Seite

Unser mittlerweile auch persönlicher Kontakt riss nicht ab, als das ARD-Studio Vatikan einige Monate nach dem überraschenden Rücktritt von Papst Benedikt XVI. geschlossen wurde. Erneut durfte ich den Domkapellmeister interviewen anlässlich seines 90. Geburtstages, den er mit seinem Bruder in Rom im Monstero Marta Ecclesiae beging. Es ging um seine Biographie, um sein Leben.

Als ich ihn fragte, wie es war, als er am Ende des Krieges wohlbehalten wieder nach Hufschlag bei Traunstein nach Hause kam, rannen ihm Tränen über die Wangen. Die Erinnerung, das Gefühl der Freude, die ganze Familie wieder vereint und gesund vorzufinden nach all den Kriegswirren, sie waren zu stark. Als Journalistin schluckt man in so einem Moment auch gewaltig. Er bestand später aber nicht darauf, dass ich diese Stelle herausschneide. Wir sendeten sie mit seinem Einverständnis. Zeigt es doch auch den einfachen Menschen Georg, seine sensible Seite, die ihm gerne mal abgesprochen wurde.

Ein aufmerksamer Zuhörer

Auch als ich bei der Münchner Kirchenzeitung (MK) anfing, hielten wir Kontakt. Der MK ist nicht nur sein Bruder Papst Benedikt aus Münchner Zeiten verbunden, sondern auch Georg. Er las sie regelmäßig. In den letzten Jahren musste er sich aber immer vorlesen lassen, die Augen wurden stetig schwächer. Wenn ich ihn besuchte, erkundigte er sich immer nach der MK, dem Erzbistum München und Freising – dem er sich sehr verbunden fühlte – und auch, ob ich noch Klavier spiele. Das hatte ich ihm mal erzählt, ebenso dass ich als Schülerin auf dem musischen Pestalozzi-Gymnasium war. Die Vorwürfe gegen ihn rund um die Vorgänge bei den Regensburger Domspatzen thematisierten wir nie.

Seine Gastfreundschaft, seine Offenheit, seine Nahbarkeit, seine Bescheidenheit, sein Charme, sein feiner Humor, sein ehrliches Interesse – dies alles berührte mich bei jeder Begegnung. Und er war ein aufmerksamer Zuhörer – heutzutage eher eine Seltenheit. Zu seinem 96. Geburtstag im Januar gratulierte ich ihm mit einem Brief, ich hatte vor, ihn bald darauf zu besuchen. Corona kam dazwischen.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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