Krisenintervention Begleitung auf dem schwersten Gang des Lebens

19.06.2018

Martin Irlinger arbeitet ehrenamtlich beim Kriseninterventionsteam München (KIT) und ist da, wenn das Schicksal hart zuschlägt. So wie beim Amoklauf im Olympia Einkaufszentrum vor zwei Jahren.

Auch nach dem Amoklauf am Olympia Einkaufszentrum in München war Martin Irlinger mit seinem Kriseninterventionsteam im Einsatz.
Auch nach dem Amoklauf am Olympia Einkaufszentrum in München war Martin Irlinger mit seinem Kriseninterventionsteam im Einsatz. © imago

München – Die Vorstellungskraft versagt an dieser Stelle. Während man sich die äußerlichen Begebenheiten vielleicht noch einigermaßen ausmalen kann, ist es einfach nicht möglich, nachzuempfinden, wie dieser Mann sich gefühlt haben muss, als er vor dem Bergmassiv in Südfrankreich gestanden hat. Tags zuvor war hier die Germanwings-Maschine 9525 abgestürzt, war mitten hinein in die Felsen gekracht. Keiner der 150 Insassen an Bord des Flugzeuges hat diesen gewaltigen Aufprall überlebt. Und jetzt, keine 24 Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht, steht nun dieser Mann hier und seine Augen suchen in dem dunklen, undurchdringlichen Steinriesen nach etwas, das er nicht finden wird: seine Tochter, die im Flugzeug gesessen hatte, auf dem Heimweg von einem Schüleraustausch in Barcelona. Der Mann sagt, sein Kopf wisse, dass seine Tochter tot sei, für immer. Dass es keine Möglichkeit gibt, sie jemals wieder zu sehen. Und doch und trotzdem und gegen jede Vernunft hofft er, dass sie gleich auftauchen, gleich auf ihn zulaufen wird. Er wünscht sich so fest, dass es doch alles nicht wahr sein möge, dass es ein Alptraum war, aus dem er gleich aufwachen wird. Doch es geschieht nicht. Nichts geschieht, und so muss er die Stille, die außen herrscht, aushalten und mehr noch das Chaos, das in seinem Inneren tobt, den Schmerz, die Trauer, die Wut, das Unverständnis und die Verzweiflung. Irgendwann wird er sich umdrehen und die Stelle verlassen. Und das, was er gesehen hat, wird sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt haben, wird sein ganzes Leben lang das Bild sein, das erscheint, wenn er an die letzten Minuten im Leben seines Kindes denkt.

Dabei sein beim schwersten Gang

Vielleicht wird er sich auch daran erinnern, wer neben ihm gestanden hat, wer mit ihm in die gleiche Richtung geblickt, geweint und geschwiegen hat, weil Worte hier einfach nichts ausrichten können. Selbst wenn dieser Vater nicht mehr weiß, wie der Mann hieß, den er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte, wenn er vielleicht auch vergessen hat, ob derjenige groß war oder klein, ob er Haare auf dem Kopf hatte oder einen Bart, so bleibt vielleicht doch eine Erinnerung daran, dass er da war, für ihn da war, ihn begleitet hat bei seinem schwersten Gang. Martin Irlinger, der Begleiter des Vaters, weiß das heute jedenfalls alles noch ganz genau. Während er darüber spricht, versinkt er wieder ein wenig in die Stimmung von damals und sagt ganz leise: „Da sind mir dann einfach die Tränen runtergelaufen.“

Menschen in ihren dunkelsten Stunden beizustehen, neben ihnen auszuhalten, was doch eigentlich nicht aushaltbar ist, das tut Martin Irlinger seit 15 Jahren. Die sperrige Bezeichnung für diese sensible Tätigkeit ist Krisenintervention. Der 50-jährige arbeitet ehrenamtlich als Mitglied von KIT München, einer Abteilung des Arbeitersamariterbundes (ASB). Aufgabe eines solchen Kriseninterventionsteams, so kann man auf deren Homepage lesen, ist es, eine „strukturierte, präklinischen Intervention bei akut psychisch belasteten Menschen“ zu gewährleisten. Einfacher ausgedrückt: Menschen, die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden, meistens nach einer vorangegangen Katastrophen- oder Unfallsituation, bekommen, wenn ihnen gerade der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht, Hilfe an die Seite gestellt, um sie vor eben diesem Absturz zu bewahren.

Martin Irlinger
Martin Irlinger © SMB

"Ich bin jetzt für Sie da"

Wenn Irlinger einem solchen Menschen begegnet, sagt er von alldem natürlich nichts. Seine Worte sind einfach und klar verständlich: „Mein Name ist Martin Irlinger. Ich komme vom ASB und ich bin jetzt für Sie da.“ So war es bei der Flugzeugkatastrophe im März 2015 in Südfrankreich als besagter Vater am Ort des Unglücks eingetroffen ist und Irlinger als Teil des KIT-Teams, das schon unmittelbar nach dem Absturz zur Unglücksstelle geflogen war, ihn in Empfang nahm. So war es aber auch in München an jenem Freitagabend im Juli 2016 als im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) ein junger Mann wie aus dem Nichts plötzlich um sich schoss und dabei neun Menschen tötete und fünf weitere verletzte. Wie so viele befand auch Irlinger sich zu dieser Zeit zuhause im beginnenden Wochenendmodus. In seinem Fall hieß das konkret, dass er gerade dabei war, einen Familien-Grillabend vorzubereiten. Das Wetter war schön, die Arbeit getan, jetzt nur nochmal schnell nach dem Grill schauen, als plötzlich ein Nachbar in den Garten gestürzt kam, Irlinger ein Handy unter die Nase hielt und ihn fragte: „Solltest Du da nicht eigentlich auch sein?“. Die ersten Videos von den Geschehnissen in München machten bereits die Social-Media-Runde und als Irlinger nach einem Blick auf sein Smartphone feststellte, dass sich darauf bereits mehrere Nachrichten befanden, die ihn zum Einsatz riefen, machte er sich sofort auf den Weg nach München. Selbstverständlich nicht wissend, was ihn da erwarten würde. „Die Lage war da ja noch völlig unklar. Man wusste nicht, wie viele Täter es waren, wo sich das überall abspielte“, berichtet Irlinger. Vorgefunden habe er schließlich eine gespenstische Atmosphäre an der Zeugensammelstelle, die mittlerweile von der Polizei neben dem Einkaufszentrum eingerichtet worden waren. „Da waren etwa 200 Menschen, die da herumstanden und -saßen. Teils in Gruppen, zum Teil alleine, jedenfalls ohne irgendeine Versorgung“, erinnert sich der Ersthelfer. Nachdem er sich einen Überblick über die Lage verschafft hatte, organisierte Irlinger zusammen mit der Feuerwehr und dem Rettungsdienst zunächst einmal Zelte, Essen, Getränke und Rettungswagen

Anschließend begann er damit, sich um diejenigen zu kümmern, die am schlimmsten mitgenommen waren. „Viele waren regelrecht apathisch. Andere unterhielten sich über das, was sie erlebt hatten. Mir fielen relativ schnell zwei Mädchen auf, die ganz alleine an einer Mauer kauerten“, fährt Irlinger fort. Die beiden vielleicht 12, 13 Jahre alten Mädchen waren völlig verstört, weinten und hatten Angst. Alles, was sie wollten, war, nach Hause zu ihrer Mutter zu kommen. Allerdings waren sie nicht in der Lage, jemanden anzurufen, weil sie ihre Handys bei der Flucht aus dem Schnellrestaurant, wo der Amokläufer die ersten Schüsse abgegeben hatte, verloren hatten. „Ich habe dann ihre Mama angerufen. Sie ging auch gleich ans Telefon und der erste Satz, den ich ihr gesagt habe, war: ,Ihren Kindern geht es gut‘, noch bevor ich mich groß vorgestellt habe“, erzählt Irlinger, der sich bis heute in die Situation von damals hineinversetzen kann.

"Totstellen, Flucht oder Angriff"

Martin Irlinger ist ein erfahrener Krisenhelfer. Er hat im Laufe der Jahre viele Überlebende kennengelernt. Oft war er auch derjenige, der Frauen, Männern und Kindern, die ihm nichtsahnend die Türe geöffnet hatten, mitgeteilt hat, dass einer ihrer Liebsten, den man sicher und wohlbehalten in der Arbeit, im Auto oder im Urlaub gewähnt hatte, tot war. Schlimme Momente, die einem einiges an Nervenstärke abverlangen und vor denen man lieber davonliefe, als sich ihnen zu stellen. Obwohl jede dieser Situationen anders und immer wieder neu ist, berichtet Irlinger von drei verschiedenen Arten, wie Menschen auf eine Todesnachricht reagieren. „Totstellen, Flucht oder Angriff“, benennt er die Verhaltensmuster, die er antrifft. Während also die einen in einer Art Schock völlig ignorieren, was ihnen soeben gesagt wurde, laufen die anderen weg und wollen sich der Hiobsbotschaft nicht aussetzen in der Hoffnung, so das Geschehene nicht wahrnehmen zu müssen. Hin und wieder fallen die Hinterbliebenen allerdings auch in eine reflexartige Aggression. Mit gewalttätigen Handlungen gegen sich selbst – eine Mutter schlug sich immer wieder den Bilderrahmen mit einem Foto ihrer Tochter, die verunglückt war, selbst auf den Kopf – oder andere soll das Unglück sozusagen vertrieben werden. „Mir ist da auch schon mal ein Aschenbecher hinterhergeflogen“, erinnert sich Irlinger, nicht ohne im selben Satz sein größtes Verständnis für dieses Verhalten zu bekräftigen. Und, zum Glück sei ja auch nichts passiert.

Wenn dann die Erkenntnis so langsam in das Bewusstsein der Adressaten eingedrungen sei, geht es für Irlinger und seine Kollegen in erster Linie darum, herauszufinden, was in dieser Situation für den jeweils Betroffenen hilfreich sein könnte. So fragen die Helfer etwa, welche Menschen nun gut täten und versuchen dann, die Genannten zu erreichen und zu mobilisieren. „Das klappt meistens. Gute Erfahrungen habe ich da auch schon oft mit den Nachbarn gemacht. Die sind dann auch gleich vor Ort“, erklärt Irlinger. Im Anschluss werden Hilfsangebote aufgezeigt, Telefonnummern und Kontaktadressen genannt für die schwere Zeit, die nun auf die Menschen zukommt. „Brückenfunktion“, nennt Irlinger das und meint damit den Übergang von der akuten Soforthilfe zu langfristigen Unterstützungsmaßnahmen. Natürlich wird aber auch ganz einfach Tee gekocht, Taschentücher werden gereicht und wenn ein Weinkrampf den Trauernden überfällt, dann nimmt Martin Irlinger auch in den Arm und tröstet, so gut das eben geht.

Guter Ausgleich

Danach gefragt, wie er selbst mit all dem Leid und dem Schrecken umgeht, die er ja auch immer hautnah miterlebt, antwortet Irlinger: „Ich rede viel darüber und ich überprüfe mich auch sehr genau, ob da irgendwas bei mir hängenbleibt, das mich zu sehr belastet.“ Im Übrigen gäbe es auch immer die Möglichkeit der Supervision, die Einsatzkräfte wie er jederzeit in Anspruch nehmen können. Er selbst habe das allerdings in all den Jahren nur einige wenige Male gebraucht.

Vielleicht ist es ja auch das viele, abwechslungsreiche Leben, das Irlinger jenseits seiner Einsätze umgibt. Da gibt es eine Ehefrau, zwei beinahe erwachsene Töchter und einen kleinen Mann, der gerade mal vier Jahre alt ist und dem Papa viel Freude macht. Außerdem findet er in seinen beiden Berufen als Computerfachmann und Coach einen guten Ausgleich für seinen ehrenamtlichen Einsatz. „Nicht zu vergessen: Ich profitiere sehr von der Sinnhaftigkeit dieser Tätigkeit“, sagt Irlinger. „Das gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich das kann. Dass ich vielleicht ein ganz kleines Stück dazu beitragen kann, Menschen zu helfen, denen es so ungeheuer schlecht geht und die erst einmal völlig verzweifelt sind.“

Und so wie er da sitzt und erzählt und immer noch mit den Schicksalen der Hinterbliebenen mitfühlt, gibt es keinen Zweifel, dass Martin Irlinger da, wo er ist, genau richtig ist und seine eigene Maxime als Krisenhelfer auch wirklich lebt: „Mit ganzem Herzen für die Menschen da sein.“

Für obenstehenden Text wurde Susanne Holzapfel, Chefin vom Dienst bei der Münchner Kirchenzeitung, mit dem 3. Preis beim "Münchner Sozialcourage Medienpreis 2018" des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising ausgezeichnet.

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de


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