Autorin Andrea Hendrich über ihren Glauben Bei Gott zuhause

29.11.2018

Andrea Hendrich hat ihre Heimat im katholischen Glauben. Das mag auch daher rühren, dass sich die Tochter einer Heimatvertriebenen im Allgäu „nie zuhause gefühlt“ hat.

Andrea Hendrich mit ihrem kürzlich erschienenen Buch „Bens Sonnenblumen“. Es richtet sich an Familien, die ein Kind verloren haben.
Andrea Hendrich mit ihrem kürzlich erschienenen Buch „Bens Sonnenblumen“. Es richtet sich an Familien, die ein Kind verloren haben. © SMB/Schlaug

München – Als Zehnjährige wäre Andrea Hendrich am liebsten aus der katholischen Kirche ausgetreten. So sehr nervte es sie, dass sie Ende der 1970er Jahre an ihrer Schule im Allgäu – im Gegensatz zu ihren evangelischen Klassenkameraden – jeden Donnerstag „bei Wind und Wetter“ eine Viertelstunde zu Fuß zum Gottesdienst gehen musste – und anschließend wieder zurück zur Schule.

„Das kannst du machen, aber erst mit 14, dann bist du reif genug, so eine Entscheidung zu treffen“, entgegnete damals ihr Vater. Doch vier Jahre später war der Kirchenaustritt kein Thema mehr für die Tochter. Denn zwischenzeitlich hatte sie über eine Freundin – „durch Zufall“, wie sie heute sagt und dabei mit der linken Hand Anführungszeichen in die Luft malt – die Mädchengemeinschaft „Neuer Weg“ kennengelernt. Mit 13 nahm sie an deren Besinnungstagen in der Nähe von Pfronten teil und stieß dabei auf Menschen, „die durch eine sehr tiefe Entdeckung verbunden sind: dass Gott sie unendlich liebt“.

Vom Islam angezogen

Auch wenn Andrea Hendrich der katholischen Kirche seither nie mehr ganz den Rücken kehren wollte, zog sie mit Mitte 20 eine andere Religion an: der Islam. Durch ihren damaligen Freund fand sie Anschluss an einen Sufi-Orden in München, dem auch viele Deutsche angehörten. Die Gebete, die dort mit dem Körper ausgeführt wurden, gefielen ihr. So etwas kannte sie aus der katholischen Kirche nicht. Zugleich vermisste sie „Jesus als jemanden, der für mein Leben eine Rolle spielt“. Und ihr wurde durch ihre Ausbildung zur Familientherapeutin, die sie zu dieser Zeit absolvierte, klar: „Meine Wurzeln sind einfach nicht im Islam.“ Also trennte sie sich nach zwei Jahren wieder von dieser Gemeinschaft.

Heute möchte Andrea Hendrich ihre Glaubenswurzeln an ihre elf- und 15-jährigen Töchter weitergeben, obwohl ihr Mann nicht gläubig und aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist. Dennoch zeichnet die Mutter den Mädchen ein Kreuzzeichen auf die Stirn, wenn sie das Haus der Familie in Tutzing verlassen, hat Kindergottesdienste mitgestaltet, Kommunion- und Firmgruppen geleitet. Vor allem aber setzt die 51-Jährige auf das gelebte Vorbild: „Die sehen: Ich gehe in den Gottesdienst, ich bete, ich meditiere.“

„Der Glaube ist etwas, was mich trägt“

Die Zeit dazu findet die Heilpädagogik-Dozentin und Therapeutin werktags oft im Zug auf dem Weg zur Arbeit – zur Caritas Don Bosco Fachakademie für Sozialpädagogik in München oder zur Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und Familien in Rosenheim. Manchmal nimmt Andrea Hendrich sogar eine Bahn früher, um die Halb-acht-Uhr-Messe bei den Salesianern Don Boscos mitfeiern zu können. „Der Glaube ist etwas, was mich ganz klar trägt“, betont die Katholikin. Das könne auch daher rühren, dass sie sich als Tochter einer Heimatvertriebenen im Allgäu „nie zuhause gefühlt“ habe, allein schon, weil sie den dort gebräuchlichen Dialekt nicht beherrscht. Deshalb habe sie ihr Zuhause bei Gott. Und letztlich sei auch die Zeit bei dem Sufi-Orden Teil ihrer Suche nach Gott gewesen.

"Liebe hört nicht mit dem Tod auf"

Inzwischen hat Andrea Hendrich ihre Glaubensheimat in der Fokolarbewegung gefunden, trifft sich regelmäßig mit anderen Angehörigen dieser Geistlichen Gemeinschaft. Und es gibt immer wieder Momente, in denen die gläubige Christin ihre Beheimatung in Gott besonders deutlich spürt, etwa wenn Passagen eines Meditationstextes ihr genau in ihrer Lebenssituation weiterhelfen. Oder wenn sie merkt, dass sich Großzügigkeit auszahlt, etwa wenn sie jemandem beim Umzug hilft, obwohl sie eigentlich keine Zeit dafür hätte, und ihr dadurch liegen gebliebene Arbeiten anschließend besonders leicht von der Hand gehen oder von anderen übernommen werden. Oder wenn sie spendet und das Geld dann unerwartet auf andere Weise wieder hereinkommt. Deshalb ist die Katholikin fest überzeugt, „dass Gott uns Hilfen zur Verfügung stellt“, auch wenn sie nicht an Engel im Sinne von Wesen mit Flügeln glaubt. So bittet sie zum Beispiel in jüngerer Zeit an Krebs verstorbene Freunde immer wieder einmal um Unterstützung. „Warum soll es nicht so sein, dass uns Verstorbene auf die eine oder andere Weise helfen, in dieser nicht immer ganz einfachen Welt zurechtzukommen?“, fragt Andrea Hendrich und betont: „Ich glaube nicht, dass die Liebe mit dem Tod aufhört.“ Deshalb gefällt ihr auch die Passage aus dem Markus-Evangelium ganz besonders, die schildert, wie Jesus die verstorbene Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus wieder zum Leben erweckt. „Das ist für mich als Mutter die allerschönste Jesus-Zusage!“

Um ein verstorbenes Kind geht es auch in dem Buch „Bens Sonnenblumen“, das Andrea Hendrich zusammen mit der Illustratorin Bernadette Schmitt veröffentlicht hat. Es erzählt in einer fiktiven Geschichte, wie die Eltern und Geschwister damit umgehen, dass der 13-jährige Ben von einem Lkw angefahren wird und stirbt.

"Welcher Glaube ist der richtige?"

Die anderen Bücher von Andrea Hendrich behandeln die Themen Flucht und Migration – und zeugen so davon, dass ihr Interesse an anderen Kulturen und Religionen bis heute lebendig ist. Etwa begegnet sie Studierenden in der Fachakademie aus anderen Kulturen und Glaubensrichtungen mit „Offenheit und Neugier“ und fragt oft konkret nach. Denn Andrea Hendrich wünscht sich, in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen die eigene noch tiefer kennenzulernen. Auch diese Haltung möchte sie an ihre Töchter weitergeben. Dabei stellt sie durchaus auch kritische Fragen: „Welcher Glaube ist der richtige? Wie sieht der Himmel konkret aus – auch in den anderen Religionen? – Ist ja klar, dass ich das nicht weiß“, antwortet Andrea Hendrich und lacht. „Ich ziehe einen Glauben vor, der den Menschen Freude, Fülle und Freiheit anbietet“ – so, wie sie es als 13-Jährige bei der Mädchengemeinschaft „Neuer Weg“ erlebt hat und jetzt versucht, an ihre Töchter weiterzugeben.

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de


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