Debatte um Organspende Beide großen Kirchen lehnen die Widerspruchsregelung ab

15.01.2020

Die Bischöfe haben "rechtliche, ethische und seelsorgliche Bedenken" gegenüber einem "quasi automatischen Zugriff" des Staates auf den Körper Verstorbener. Sie empfehlen Information und seelsorgliche Begleitung.

Anatomiemodell eines menschlichen Herzens.
Die Kirchen wollen, dass die Organspende weiterhin eine freiwillige und bewusste Entscheidung bleibt. © StockSnap - pixabay.com

Berlin – In großer Einmütigkeit haben sich die beiden großen Kirchen bei der Reform der Organspende gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen. Und das, obwohl diese Regelung nach Überzeugung ihrer Befürworter dem chronischen Mangel an Spenderorganen in Deutschland abhelfen soll.

Jedenfalls erhoffen sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach als Träger der Gesetzesinitiative eine deutliche Steigerung der Zahl an Spenderorganen, wenn künftig bei jedem Toten automatisch Organe entnommen werden dürfen - sofern sich der Betroffene zu Lebzeiten nicht dagegen ausgesprochen hat. Am Donnerstag will der Bundestag darüber entscheiden.

Ethisch hoch brisant

Für die Kirchen ist das Thema ethisch hoch brisant. Gleich mehrere Bischöfe griffen es in ihrer Weihnachts- oder Neujahrspredigt auf. Und in einem gemeinsamen Schreiben wandten sich die Vertreter beider Kirchen im politischen Berlin vor Weihnachten an jeden einzelnen Abgeordneten, um die Vorbehalte gegenüber dem angestrebten Paradigmenwechsel zu erläutern.

Dabei hatten etwa Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) und der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) die Widerspruchsregelung als "gesellschaftliches Bekenntnis zum Zusammenhalt, zur Solidarität und zur Nächstenliebe" gewürdigt; zumal jeder Einzelne im Falle einer Krankheit zu einem Empfänger eines Spenderorgans werden könne.

Akt der Nächstenliebe

Auch die Kirchen treibt die Sorge um die geringe Zahl an Spenderorganen um. Der für medizinethische Fragen zuständige katholische Bischof Gebhard Fürst betonte denn auch in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): "Die Organspende ist für viele Menschen die einzige Chance auf Lebensrettung oder Linderung einer ernsthaften Krankheit. Daher verdient sie aus christlicher Perspektive als Akt der Nächstenliebe und Solidarität über den Tod hinaus höchste Anerkennung."

Entsprechen lobend äußern sich die Kirchen über die hohe Zustimmung zur Organspende in der Bevölkerung. Sie befürchten allerdings, dass die Widerspruchsregelung gerade nicht geeignet ist, "die erfreulich hohe Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung in eine individuelle Organspendebereitschaft zu überführen" - zumal es auch nach wissenschaftlichen Studien Zweifel an einem Kausalzusammenhang zwischen der Regelung und einer erhöhten Organentnahme gebe. Der "quasi automatische Zugriff des Staates auf den Körper" drohe gerade jene weiter zu verunsichern, "die jetzt schon wenig Vertrauen in das System haben", warnte Fürst.

Die Freiheit und Würde des Einzelnen

Die Kirchen haben grundsätzliche "rechtliche, ethische und seelsorgliche Bedenken", wie sie im Schreiben an die Abgeordneten betonen. Denn der Staat würde mit der Widerspruchsregelung "tief in den Kernbereich der menschlichen Existenz und Würde eingreifen", heißt es in dem Schreiben. "Das entspräche nicht unserem christlichen Bild des selbstbestimmten, aufgeklärten Menschen". Erstmals würde mit ihr die im deutschen Medizinrecht immer geforderte informierte und explizite Einwilligung des Patienten zu einem Eingriff ersetzt - und das in einem besonders sensiblen Bereich.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, forderte, dass die Organspende ein freier Akt der Nächstenliebe bleiben müsse. Die Freiheit und Würde des Einzelnen seien die "absolute Grenze" auch gegenüber Ansprüchen des Gemeinwohls, so Marx. "Der Körper ist nicht ein Ersatzteillager, sondern hat seine eigene Würde." Dabei verweisen die Kirchen zugleich darauf, dass die Organspende nicht nur den toten Körper betrifft. Die Entscheidung zur Spende beeinflusse wegen der notwendigen intensivmedizinischen Maßnahmen "grundlegend den Sterbeprozess und das Abschiednehmen für die Angehörigen".

Den besten Weg für eine Steigerung der Organspendebereitschaft sehen die Kirchen deshalb in der Entscheidungslösung, die an der derzeit gültigen persönlichen Zustimmung des Patienten zur Organentnahme festhält. Wenn die für alle Beteiligten schwierige Situation "gut begleitet und in Respekt vor den Wünschen und der Selbstbestimmung des potenziellen Organspenders gestaltet wird", könne sie auch zu "einer guten Lebenserfahrung werden und Vertrauen stiften". (kna)


Das könnte Sie auch interessieren

Rainer Maria Schießler
© SMB

Organspende Es gibt kein Recht sich nicht damit zu beschäftigen

Pfarrer Rainer Maria Schießler findet es richtig, dass die Widerspruchslösung abgelehnt worden ist. Aber das soll nicht heißen, die Debatte jetzt ruhen zu lassen.

20.01.2020

© Adobe.Stock

München am Mittag Keine Widerspruchslösung

Der Bundestag hat den Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur doppelten Widerspruchslösung bei der Organspende abgelehnt.

16.01.2020

Übergabe eines symbolischen Herzens
© ©vchalup - stock.adobe.com

Organspende Bundestag stimmt gegen Widerspruchslösung

Die radikale Neuregelung der Organspende wurde abgelehnt. Damit entsprachen die Abgeordneten der Haltung der katholischen Kirche.

16.01.2020

Franziska Liebhardt befürwortet die Widerspruchslösung.
© SMB/ Br

Organspende Wir leben doch in einer Solidargemeinschaft

Franziska Liebhardt hat zwei Spenderorgane in ihrem Körper, mit denen sie olympisches Gold gewonnen hat. Zur Abstimmung im Bundestag hat sie eine klare Meinung.

16.01.2020

Franziska Liebhardt Mit Spenderlunge aufs Siegertreppchen

Die Goldmedaille im Kugelstoßen bei den Paralympics in Rio war die Erfüllung eines Traums. Denn nur einige Jahre vorher hatte die Athletin schon fast mit dem Leben abgeschlossen.....

06.01.2020

© ©vchalup - stock.adobe.com

Immer noch zu wenig Spender Organspende-Nächstenliebe oder Bürgerpflicht?

Der Gesundheitsminister möchte aus der Organspende eine Art Bürgerpflicht machen, von der man sich erst per Widerspruch ausnehmen muss. Ist dieser Schritt nötig und ethisch wünschenswert?

24.09.2019

© privat

Zum Tag der Organspende Das Mukomädchen

Sabina Pohl leidet an Mukoviszidose. Dank einer Spenderlunge kann sie weiterleben - doch bis dahin war es ein weiter Weg, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist.

31.05.2019

Keine Pflicht zur Organspende – aber Pflicht zur Entscheidung
© juliasudnitskaya - adobe.stock.com

Gesetzentwurf zur doppelten Widerspruchslösung Keiner ist zur Organspende verpflichtet!

Es gibt einen neuen Vorstoß in Sachen Organspende. Heute wurde im Bundestag ein Gesetzentwurf vorgestellt, der eine doppelte Widerspruchslösung vorsieht. Wird auch Zeit, meint Tanja Bergold, Leiterin...

01.04.2019

Sternberg: Ziel die Organspendebereitschaft zu erhöhen ist ehrenwert und unstrittig.
© sablinstanislav - stock.adobe.com

Organspende Katholikenkomitee gegen Widerspruchslösung

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken spricht sich gegen den Vorschlag des Bundesgesundheitsministers aus, dass jeder Bürger ein potenzieller Organspender sein soll.

18.09.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren