Krankenhausseelsorge in Coronazeiten "Beistand ist wichtiger denn je"

09.11.2020

Durch den erneuten, teilweisen Lockdown verschärft sich die Situation in den Krankenhäusern für Patienten, Angehörige und das Klinikpersonal. Krankenhausseelsorger sind in so einer Lage besonders gefragt.

Hand eines älteren Menschen liegt in der eines jüngeren
Kranke benötigen viel Zuspruch - vor allem im Zeiten von Besuchsbeschränkungen in den Kliniken. © imago images/Rupert Oberhäuser

München – Im Interview spricht Martin Seidnader, Leiter des Fachbereichs Krankenhausseelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat München, über die neuerlichen Herausforderungen in den Kliniken angesichts steigender Coronazahlen und des erneuten Lockdowns mit seinen Besuchsbeschränkungen.

mk online: Herr Seidnader, wie geht die Krankenhausseelsorge im Erzbistum mit dem neuerlichen, teilweisen Lockdown um?

Martin Seidnader: In den einzelnen Kliniken sind die Situationen sehr unterschiedlich. Seelsorgende arbeiten in Häusern, wo Covid-19-Infizierte behandelt werden und stehen diesen genauso bei wie anderen Kranken auch. In anderen Einrichtungen verlangt ein Lockdown, dass die Klinik nicht betreten werden darf, um die Patienten vor Infektionen zu schützen – das belastet Angehörige und Kranke zum Teil sehr.

Seelsorge nimmt das ernst, kann vielleicht Telefonkontakt ermöglichen, hilft aushalten. Krankenhausseelsorge sucht Antworten auf die – theologisch ausgedrückt – diakonische Frage, was der andere Mensch in seiner existentiellen Situation benötigt. Das kann ein kurzer Blickkontakt zur Pflegekraft durchs Fenster der Intensivstation sein: Ich bin da, falls ihr was braucht. Oder in einer geschlossenen Psychiatrie der begleitete Spaziergang auf dem Klinikgelände, mit Maske und Abstand, aber der Andere ist nicht allein mit der Situation, kann reden – und bewegt sich an der frischen Luft.

Welche Herausforderungen ergeben sich für die Seelsorger im Alltag durch die Zunahme von Covid-Patienten?

Seidnader: Es gibt einen Mehraufwand, wie für alle, die in der Klinik arbeiten. Erhöhte Hygieneanforderungen beginnen beim Betreten des Gebäudes und begleiten den Arbeitstag mit. Von der Seelsorge verlangt die Pandemie mancherorts, dass aktive Krankenbesuche unterbleiben – schon mit Rücksicht auf Schwerkranke im Haus, die vor einer Virusinfektion geschützt werden sollen. Bei Hygienemaßnahmen muss man zusammenhelfen.

Was natürlich möglich bleibt und durch Ruf angefordert wird, ist seelsorglicher Beistand für Kranke und Sterbende. Und der ist wichtiger denn je. Menschen, die wegen einer schweren Krankheit stationär behandelt werden müssen, kämpfen mit Isolationsfolgen und Infektionsgefahren gleichermaßen, körperlich, emotional, sozial. In den Seelsorgegesprächen verdichten sich existentielle Themen, auch im Kontakt mit Angehörigen und Klinikpersonal. Eine große Herausforderung, bei der Seelsorge oft beratend wirkt, sind ethische Fragen. Die Verantwortlichen berufen Konsile zur Fallbesprechung ein, das nimmt derzeit zu.

Inwiefern sind die Seelsorger jetzt besonders Ansprechpartner für Angehörige von Patienten, die nicht besucht werden können?

Seidnader: Für Angehörige können Betretungsverbote eine große Belastung darstellen, auch wenn Regeln einsichtig sind. Die Angehörigen erleben sich da wie die Kranken selbst oft hilflos, vor allem bei einem kritischen Gesundheitszustand. Die Arbeit der Seelsorge verlagert sich momentan stärker hierhin: nach einem Ruf Kontakt aufnehmen, gewissermaßen „stellvertretend“ am Krankenbett stehen, etwas Ruhe und Orientierung verkörpern in einer ungewissen Lage.

Man sollte nicht vergessen: Krankheiten verstören Lebensentwürfe an sich schon, führen zu inneren Krisen. Durch die Pandemie kommen erschwerte Rahmenbedingungen hinzu. Gegenüber dem Frühjahr kann beim neuerlichen teilweisen Lockdown allerdings stärker differenziert werden: In vielen Kliniken wird nun zum Beispiel Zutritt für Eltern kranker Kinder, werdende Väter, Zugehörige von Sterbenden ermöglicht, man hat mehr Erfahrung beim Handling der Hygienethemen. Das unterstützt auch den Kontakt zwischen Seelsorge und Angehörigen.

Wie hat sich der Umgang in den Kliniken und mit dem Krankenhauspersonal durch Corona verändert? Ist die Situation deutlich angespannter, muss auch das Personal intensiver betreut werden?

Seidnader: Die Situation ist angespannt, das nehmen die Seelsorgenden wahr. Sie machen sich Sorgen vor allem um Pflegekräfte und Ärzte, die Ressourcen auf vielen Stationen sind auch ohne Pandemie nicht üppig. Und die Infektionszahlen bleiben hoch. Manchmal findet zudem eine Art emotionaler Rückzug statt. Dem Klinikpersonal fehlt oft schlichtweg die Energie. Das verlangt von der Seelsorge, zwischen Tür und Angel Rat zu geben, Aufmerksamkeit im Moment, bündige Gesprächsführung. Auch hier geht es um die einzelne Person. Im Kliniksystem wirken zudem sehr verschiedene Berufsgruppen mit, ohne Reinigungskräfte zum Beispiel scheitern die besten Hygienekonzepte. Seelsorge versucht, mit einer wertschätzenden Haltung im Haus unterwegs zu sein. Ihre Präsenz wirkt auch ins System.

Welche persönlichen Rückmeldungen erhalten Sie von den Seelsorgern bezüglich deren Umgang mit der (Dauer-)Krise?

Seidnader: Seelsorgende in Krankenhaus und Gesundheitswesen sind krisenerprobt und sie verfügen über Rituale und Instrumentarien, um mit schweren Situationen umzugehen. Aber bei aller Professionalität sind sie zuerst Menschen und teilen die Unsicherheit, die die gesellschaftliche Stimmung angesichts Corona prägt. Wegen ihres Berufs stehen Seelsorgende an vorderster Linie, teilen die Ängste, Wut, Trauer, den Überdruss und die Schamgefühle derer, die ihnen anvertraut sind. Oder besser: sie helfen dabei, solche Gefühlslagen durchzustehen und zu bewältigen. Und sie freuen sich mit über das, was im Leben von Menschen Bedeutung behält.

Ich erlebe, dass die Kolleginnen und Kollegen die Entwicklungen im Gesundheitswesen sensibel wahrnehmen und darüber hinaus deren gesellschaftlichen Folgen. In einer Klinik spiegelt sich die globale Pandemie im Kleinen wider. Die Schwächeren und Schutzbedürftigen dürfen uns nicht aus dem Blick geraten.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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