Wie der Weltjugendtag vor zehn Jahren die deutsche Kirche belebte Benedikt Superstar

11.08.2015

Zehn Jahre ist es her, seit im August 2005 in Köln rund eine Million meist junge Katholiken aus allen Erdteilen ihren Glauben feierten und dem frisch ins Amt gekommenen deutschen Papst Benedikt XVI. zujubelten.

Unvergessenes Bild: Pabst Benedikt XVI. beim großen Gottesdienst auf dem Kölner Marienfeld. (Foto: KNA)
Die Monstranz, die Benedikt XVI. bei der Vigil auf dem Marienfeld benutzte, stammte aus der Pfarrei St. Thomas in München-Unterföhring. Die Kunstreferenten der deutschen Diözesen hatten sich für das 1980 von Erhart Hoessle geschaffene Werk entschieden. (Foto: KNA)
Bei der legendären Papst-Schiffahrt auf dem Rhein säumten 170.000 Menschen die Ufer und schwenkten die Fahnen aller Länder, viele standen bis zu den Knien im Wasser. (Fotos: imago)

Seit der Papst am 21. August nach einer grandiosen Abschlussmesse auf dem Marienfeld bei Köln abgereist ist, wurde immer wieder die Frage gestellt, was von dem Fest geblieben ist – außer der kleinen Kapelle, die jetzt auf jenem grasbewachsenen Hügel steht, wo der Papst seinerzeit die heilige Messe feierte. Dass damals weite Teile des Rheinlandes fünf Tage lang von einer buntgemischten, internationalen Menschenmasse fröhlich überflutet wurden, hat sich auf Jahre ins kollektive Gedächtnis der Kölner eingegraben. Die Erinnerung an organisatorisches Chaos, an überfüllte Züge und Bahnhöfe, gesperrte Autobahnen, überforderte Ordnungshüter und mangelnde Sanitäranlagen ist verblasst. Die Bilder und Töne ansteckend gut gelaunter junger Menschen zwischen Mega-Party, tiefer Frömmigkeit und Papstbegeisterung sind dagegen bis heute lebendig. Dies gilt übrigens auch für eine statistisch nie erfasste Zahl von Ehen und Kindern, die aus den heißen Tagen im August hervorgegangen sind. Wie eine märchenhafte Momentaufnahme aus längst vergangener Zeit wirkt hingegen die Erinnerung an einen Benedikt XVI., der damals in Köln zur Hochform auflief und Begeisterungsstürme entfachen konnte, bevor er wenige Jahre später zu einer bevorzugten Zielscheibe von beißender Kritik und Ressentiments wurde.

Die sonst oft eher zu politischen Appellen neigenden katholischen Jugendverbände ließen sich im August 2005 vom bunten Treiben der fröhlich-frommen Italiener, Polen, Spanier und Lateinamerikaner mitreißen. Die ideologischen Gräben zwischen dem „fortschrittlichen“ Jugenddachverband BDKJ und frommen Gruppierungen wie „Emmanuel“ oder „Jugend 2000“ schienen angesichts der Grenzen und Sprachen überschreitenden Massenbegeisterung vergessen. Manche Kommentatoren meinten damals gar, einen neuen religiösen Aufbruch zu verspüren. Objektiv messbar ist ein solcher Aufbruch kaum. Ein paar Kennzahlen, die vermutlich auf den Kölner Weltjugendtag zurückzuführen sind, gibt es freilich doch: So stieg die Zahl der Eintritte in die Priesterseminare in Deutschland 2005 und in den beiden Folgejahren nachweislich an, während sie vorher stetig gesunken war. Der Sonder-Effekt endete freilich bereits nach 2007, seither sinkt die Zahl wieder. Gestiegen ist als Folge der Tage von Köln auch der Anteil der deutschen Teilnehmer bei den darauf folgenden Weltjugendtagen, die in Sydney, Madrid und Rio stattfanden. Beim nächsten Jugend-Großevent 2016 in Krakau hofft die Deutsche Bischofskonferenz nach Auskunft ihres Sprechers Matthias Kopp auf eine „kräftige Mobilisierung“ aus Deutschland. Für eine konkrete Prognose, wie viele Tausend Deutsche der Weltjugendtag und der populäre Papst Franziskus ins Nachbarland locken werden, ist es freilich noch zu früh. Bereichert und verändert hat der Weltjugendtag von 2005 auch die Frömmigkeit unter jungen deutschen Katholiken. In mittlerweile 30 Städten feiern sie einmal im Monat „Nightfever“, eine abendliche und nächtliche Anbetungs- und Meditationsfeier bei hundertfachem Kerzenschein, zu der sie auch Menschen von der Straße in die Kirche einladen.

Begonnen hat die Bewegung mit zwei jungen Leuten in Bonn, die nach dem Weltjugendtag versuchten, mit Kerzen, Stille und Beten die dichte geistliche Erfahrung der abendlichen Anbetungsfeier des 20. August 2005 mit dem Papst auf dem Marienfeld weiterzutragen und fortzuentwickeln. Das fromme Format „Nightfever“ wird inzwischen sogar in anderen Ländern kopiert. Gerade weil sie von festen liturgischen Zeiten und Normen weitgehend losgelöst ist und ein junges städtisches Publikum anspricht, könnte die „Nightfever- Experience“ zum ersten religiösen Exportschlager aus Deutschland im 21. Jahrhundert werden. Auch andere geistliche Elemente des Kölner Weltjugendtages haben sich behutsam weiter fortgepflanzt. So berichten vor allem Seelsorger im Osten Deutschlands, dass die Zahl kleiner Gebetsinitiativen und von Gruppen, die sich nach dem Weltjugendtags-Vorbild zum Gespräch über Bibeltexte treffen, nach 2005 gewachsen sei. Anders als das spektakuläre Millionen-Ereignis im August 2005 ist auch dies kein nach außen sichtbares Massenphänomen. Aber es verändert jene, die sich darauf einlassen.

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