München Benedikt XVI.: Eine Wanderung durch sein Leben

12.09.2016

Mit großer Spannung wurde die Vorstellung des neuen Interviewbuches „Letzte Gespräche“ von Peter Seewald über Papst emeritus Benedikt XVI. erwartet. Am Montag war es soweit. Dazu war auch Benedikts langjähriger Privatsekretär, Kurienerzbischof Georg Gänswein, ins Münchner Literaturhaus gekommen.

Kurienerzbischof Georg Gänswein (links) und Autor Peter Seewald bei der Buchpräsentation in München. (Bild: Kiderle) © Kiderle

München – Mit einem Lächeln tritt Erzbischof Georg Gänswein ans Pult. Schließlich wurde ihm das, was jetzt kommt, von oberster Stelle aufgetragen, vom emeritierten Papst persönlich. „Grüßen Sie mir die Diözese und die, die zuhören“, sagt der Kurienerzbischof am Montag im Literaturhaus in München. „Ich grüße Sie herzlich von Papst Benedikt.“ So beginnt nie eine Pressekonferenz, das verdeutlicht die Besonderheit dieses Termins. Der langjährige Privatsekretär Benedikts stellt gemeinsam mit Autor Peter Seewald das Interviewbuch „Benedikt XVI. – Letzte Gespräche“ vor.

Dieses Buch ist eine Sensation. Noch nie hat ein lebender Papst sein Werk, sein Amt, sein Wirken selbst erklärt, offen über Krisen und über eigene Schwächen gesprochen. „Es ist die letzte Dekonstruktion seines alten Bildes bei Freund und Feind“, ordnet Erzbischof Gänswein ein. Und: „Noch nie habe ein Buch ihn so menschlich gezeigt.“ Beispielsweise als er sich, von Seewald aufgefordert, an seinen letzten Tag als amtierender Papst an jenem 28. Februar 2013 erinnert. Benedikt weint. Es habe ihn schon sehr bewegt, als der Hubschrauber im Vatikan abhob, um ihn nach Castel Gandolfo zu bringen und er die „Herzlichkeit des Abschieds“ der Gläubigen sah auf Transparenten. Er habe gewusst, „dass ich danken darf und dass die Grundstimmung die Dankbarkeit ist.“ Den Rücktritt habe er nie bereut. Autor Seewald fügt hinzu, dass Benedikt nun mit vielen Verschwörungsgeschichten rund um seinen spektakulären Rücktritt aufräume. Benedikt wurde nicht von irgendwelchen Mächten gezwungen, sein Amt niederzulegen, was böse Zungen immer wieder behaupteten. Es waren gesundheitliche Gründe, die ihn zu dieser Entscheidung zwangen. „Der Arzt hat ihm gesagt“, berichtet Erzbischof Gänswein, „ich hab’s mit eigenen Ohren gehört, denn ich war dabei. Er darf nicht mehr über den Atlantik fliegen.“

Rücktritt auf Lateinisch

Im August 2013 war Weltjugendtag in Rio de Janeiro, ein Termin, den Benedikt eigentlich unbedingt wahrnehmen wollte. Doch er durfte nicht mehr, das hätte er nicht mehr verkraftet. Sein Rücktritt war also keine Flucht. „Ich konnte zurücktreten, weil in dieser Situation wieder Ruhe eingekehrt war“, wird Benedikt im Buch zitiert. Gänswein: „Kein Buch könnte den Rücktritt Benedikts besser erklären.“ Seine Rücktrittsankündigung verfasste Benedikt übrigens auf Lateinisch, auch weil er Sorge gehabt habe, im Italienischen Grammatik-Fehler zu machen. Denn diese Sprache habe er immer nur „learning by doing“ praktiziert, aber nie systematisch gelernt.

Das Interviewbuch „ist eine letzte Wanderung durch sein Leben“, erklärt Journalist Seewald. Kindheit, Studienzeit, Bischofsamt, Pontifikat. „Seine glücklichste Zeit war in der Münchner Pfarrei Heiligt Blut als Kaplan“, sagt Gänswein.

Der Erzbischof betont auch Benedikts „erstaunliches Maß an Selbstkritik, die Selbstironie und die Fähigkeit zu kindlicher Freude bis ins hohe Alter“. Und verrät, dass der emeritierte Papst eine „Ultra-Stenoschrift“ entwickelt habe, „um mit der Geschwindigkeit seiner Gedanken mitschreiben zu können“. Heilig ist dem Papa emerito sein Schlaf („sieben bis acht Stunden“ erzählt er Seewald) und seine Siesta, „die er sich seit 1963, seiner römischen Konzilszeit, angewöhnt hat“, sagt Gänswein, „die lässt er sich nicht nehmen“. Diese hält er auf dem Kanapee. Wenn er sich hier niederlegt, so erzählt Benedikt Seewald, könne er wichtige Sachen am besten gründlich bedenken.

Peter Seewald, der Benedikt seit 20 Jahren kennt und nun das vierte Interviewbuch mit ihm veröffentlicht hat, berichtet von einer professionellen Zusammenarbeit mit dem emeritierten Papst, der „sehr brav antwortet, er will keine Frage zurückweisen“. Benedikt sei „keiner, der die Vita umschreiben will, er habe auch keinen Ton der Verbitterung“, entgegnet Seewald Kritikern, die das Buch für nicht notwendig erachten.

Kritik aus Deutschland

Dass Benedikt in dem Buch einen „etablierten und hochbezahlten Katholizismus“ in Deutschland kritisiert und eine „Gewerkschaftsmentalität“ katholischer Mitarbeiter, erklärt der Autor, dass dies die Sorge eines Oberhirten sei, der noch immer sein Heimatland sorgenvoll beobachte. „Getroffene Hunde beißen“, fügt Erzbischof Gänswein hinzu, „wobei das Bellen ziemlich giftig ist.“ Und meint den Präsident des Zenralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. Dieser hatte im Vorfeld die Kritik Benedikts so nicht stehen lassen wollen und erinnerte daran, dass Benedikt als Münchner Erzbischof selbst mit dieser Struktur gearbeitet und nichts geändert habe. Gänswein: „Jemand, der selbst in dem System arbeitet, weiß, dass man ein solches nicht so schnell ändern kann.“ Und verrät, dass er mit Benedikt über alles spricht, über die Arbeit im Vatikan und auch über die Entwicklungen in Deutschland. „Aber das bleibt natürlich im Vertrauensraum.“ Und lächelt. (Susanne Hornberger)

Peter Seewald, „Benedikt XVI. – Letzte Gespräche“, Droemer-Verlag, 19,99 Euro. Hier können Sie das Buch bestellen.


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