Katholische Integrierte Gemeinde Benedikt XVI. geht auf Distanz zu Gemeinschaft

26.10.2020

Die Katholische Integrierte Gemeinde ist derzeit Gegenstand einer Untersuchung im Münchner Erzbistum. Jetzt geht auch Benedikt XVI. auf Distanz.

Papst em. Benedikt XVI. im Jahr 2015
Papst em. Benedikt XVI. im Jahr 2015 © imago images/ZUMA Press

Freiburg/Berlin/Vatikanstadt - Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich von der Katholischen Integrierten Gemeinde distanziert, zu der er jahrzehntelang enge Verbindungen unterhielt und die derzeit Gegenstand einer kirchlichen Untersuchung im Erzbistum München und Freising ist. Nach einem am Sonntagabend vorab verbreiteten Beitrag der "Herder Korrespondenz" erklärte Benedikt XVI., er sei offensichtlich "über manches im Innenleben" der Gemeinde "nicht informiert oder gar getäuscht" worden.

Laut einem Zwischenbericht der Münchner Visitatoren, der im Oktober 2019 publik wurde, zeigen Vorwürfe ehemaliger Mitglieder "über weite Strecken den Charakter von geistlichem Missbrauch" und ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit. Unter anderem heißt es: "Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung für das Gemeindeleben förderlich erschien. Die Gemeindeversammlung entschied darüber, ob und wann ein Ehepaar Kinder bekommen durfte oder sollte." Das Papier schildert ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit, in dem Widerspruch als Sünde gegen den Heiligen Geist dargestellt, Sanktionen auf Familienangehörige ausgedehnt und private Einkünfte für Gemeindezwecke beansprucht worden seien.

Tiefes Bedauern

In der "Herder Korrespondenz" erklärte Benedikt XVI., er habe die Gruppierung zu seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising kirchlich anerkannt, weil er sie zur Rechtgläubigkeit habe begleiten wollen. "Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, dabei auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren, ist mir zunächst nicht bewusst geworden", so der frühere Papst. "Ich bedaure es zutiefst, dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt."

Vertreter der Gemeinde lehnten nach Angaben der "Herder Korrespondenz" eine Stellungnahme ab und gaben an, man habe beschlossen, "die Aktivität als kirchliche Vereinigung ganz einzustellen". Wie es in dem Beitrag weiter heißt, soll die Gruppe planen, ihre Arbeit "in einem neuen rechtlichen Gewand" fortzusetzen.

"Unverkürztes Christentum"

Die 1948 von dem Ehepaar Traudl und Herbert Wallbrecher gegründete Gemeinschaft galt zeitweise als einer der hoffnungsträchtigsten Aufbrüche in der katholischen Kirche. Sie wollte nach eigener Darstellung "ein Ort für ein aufgeklärtes und unverkürztes Christentum" sein.

1978 wurde die Integrierte Gemeinde von den damaligen Erzbischöfen in Paderborn und München - Johannes Degenhardt und Joseph Ratzinger - kirchlich anerkannt und 1985 als öffentlicher Verein nach dem katholischen Kirchenrecht errichtet. Sie zog auch namhafte Theologen wie den Ratzinger-Schüler Ludwig Weimer und die Neutestamentler Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch (1936-2011) als Mitglieder an. (kna)


Das könnte Sie auch interessieren

Hände halten Brief
© contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Ex-Mitglieder der Integrierten Gemeinde für weitere Aufarbeitung

Die Katholischen Integrierte Gemeinde gibt es nicht mehr. Betroffene, die in einem Schreiben an die Münchner Diözesanleitung unter anderem über Missachtung der bischöflichen Fürsorge- und...

27.11.2020

Kardinal Reinhard Marx
© imago images / photothek

Kardinal Marx löst Katholische Integrierte Gemeinde auf

Vor einigen Wochen ging Benedikt XVI. ging auf Distanz zu dem Verein, dem geistlicher Missbrauch vorgeworfen wird. Nun löste ihn der Kardinal Reinhard Marx kirchenrechlich auf. Der Verein ist ihm aber...

20.11.2020

Theodore McCarrick
© Bob Roller/CNS photo/KNA

Vatikan legt Bericht zu Ex-Kardinal McCarrick vor

Seit den 1990er Jahren waren Gerüchte über moralisches Fehlverhalten McCarricks bekannt. Nun wurde untersucht, warum er trotzdem Kardinal werden konnte.

11.11.2020

Tor mit Kette und Schloss versperrt
© Aphotostudio - AdobeStock

Erzbistum: Integrierte Gemeinde hat sich Visitation entzogen

Die 1948 gegründete Katholische Integrierte Gemeinde hat wohl keine Mitglieder mehr. Zuletzt wurden Vorwürfe von geistlichem Missbrauch laut.

27.10.2020

 Papst Benedikt XVI. (l.) bei einem Spaziergang mit seinem Bruder Georg Ratzinger am 31. Juli 2008 in Brixen
© Osservatore Romano/Romano Siciliani /KNA

Benedikts Abschiedsworte für seinen toten Bruder

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich in persönlichen Worten von seinem verstorbenen älteren Bruder verabschiedet. Sie wurden beim Requiem im Regensburger Dom von seinem Privatsekretär,...

08.07.2020

Papst Benedikt XVI. bei einem Spaziergang mit seinem Bruder Georg Ratzinger 2008
© Osservatore Romano/Romano Siciliani /KNA

Fünf Tage voller Abschiede

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. beendet seinen fünftägigen Besuch bei seinem kranken Bruder in Regensburg. Am Montagmorgen fliegt er nach Rom zurück.

22.06.2020

Peter Seewald signiert Bücher
© Kiderle

"Das Leben Joseph Ratzingers ist eine deutsche Jahrhundertbiografie"

Peter Seewald veröffentlichte vor Kurzem sein neues Buch über Benedikt XVI. Im Interview spricht er vom Papst der Zeitenwende, seine Begegnungen mit ihm und dessen Reaktion auf die Biografie.

20.05.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren