Folgen von Corona Beratung am Telefon

26.05.2020

Durch Corona hat sich auch die Situation für Sozialberatungen verändert. Dabei sind die Probleme in den einzelnen Bereichen unterschiedlich – nur der Datenschutz ist überall ein Hindernis.

Aus Gründen des Datenschutzes ist Videoberatung noch die Ausnahme. © fotolia/ anyaberkut © anyberkut – adobe.stock

München/ Dachau –„Im therapeutischen Bereich passiert so viel nonverbal“, sagt Sven Frisch, und das geht am Telefon natürlich verloren. Der Suchttherapeut arbeitet momentan wie alle seine Kollegen von der Fachambulanz für junge Suchtkranke der Caritas München von zu Hause aus. Wegen Corona bleibt die Stelle in der Arnulfstraße für Publikumsverkehr geschlossen. Die Folgen der Pandemie treffen auch hier Menschen am Schlimmsten, denen es ohnehin nicht gut geht, denn der Kontakt zum Therapeuten ist essentiell für Suchtkranke.

„Vor allem kann man kaum Nuancen wahrnehmen“, sagt er. Klar, gebe die Stimme des Klienten da schon einiges her, aber ohne Blickkontakt herstellen zu können, ohne den Gesichtsausdruck des anderen zu sehen geht viel, was der der Therapeut sonst sieht, verloren. Videocall werden die Sache immerhin ein wenig verbessern, aber noch ist es nicht soweit. Der Datenschutz stellt die Caritas vor einige Hürden. Aus gutem Grund schließlich müssen die Gespräche unbedingt vertraulich bleiben.

Aktenordner im Park

Bei „pro familia“ ist man da bereits etwas weiter, berichtet Natascha Endres. Seit gut zwei Wochen kann sie die Paare, die sonst in ihrem Büro sitzen über einen Livestream sehen. „Das ist eine Notlösung“, sagt sie. Immerhin kann so eine Gesprächsstille, die ein wichtiges therapeutisches Instrument sein kann, entstehen. Am Telefon wäre das undenkbar.

Das Endres bereits Videoberatungen durchführen kann und Sven Frisch nicht, liegt am kirchlichen Datenschutz. Der ist nämlich nochmal deutlich strenger als der staatliche, wie Lena Steindl von der Schuldnerberatung der Caritas in Dachau weiß. Sie darf allerdings in Notfällen wieder Klienten empfangen – hinter einer Plexiglasscheibe versteht sich. In der Schuldnerberatung geht das einfach nicht anders, erklärt sie. „Am Telefon herauszufinden, welcher Brief wichtig ist und welcher nicht, ist einfach nicht möglich.“ Deshalb dürfen jetzt in dringenden Fällen Menschen die Hilfe suchen wieder zu ihr kommen und bringen dann ganze Aktenordner mit.

Die Fachambulanz für junge Suchtkranke der Caritas bietet ein umfassendes Beratungs- und Behandlungsangebot. Zielgruppe der Fachambulanz sind junge Frauen und Männer bis 30 Jahre, die gefährdet sind, von Alkohol und/oder Medikamenten abhängig zu werden, oder bereits abhängig sind. Die Angebote der Fachambulanz richten sich darüber hinaus an Frauen und Männer jeden Alters, die gefährdet sind, von Drogen und/oder Glücksspiel abhängig zu werden, oder die bereits abhängig sind.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die sind auch der Grund, warum die Sozialwirtschaftlerin nicht mit ihren Klienten spazieren gehen kann, wie etwa die Kollegen von der allgemeinen Sozialberatung. „Da fliegen ja dann die Unterlagen durch den Park“, sagt sie lachend. Aber allzu viel zu tun hat sie im Moment nicht. Zum einen kommt keiner in das sonst geschlossen Caritas Zentrum in Dachau. Sonst kamen Menschen, die gerade eben trotz aller Scham, die die Überschuldung mitgebracht hat, den Mut gefunden hatten, einfach unangemeldet vorbei. Und zum anderen wartet Steindl noch auf den großen Ansturm.

Schuldner haben meist das Problem, sich zu spät Hilfe zu suchen. So entstünden erst ganz viele Probleme, erklärt sie. Und der andere Aspekt ist, dass die Folgen von Corona erst noch kommen: Im Augenblick kann man seine Miete, seine Kredite einfach stunden. Aber – bei den Mieten etwa 2022 – irgendwann sind auch die vertagten Raten fällig und dann wird es für ganz viele Menschen über sie hereinbrechen. Jetzt schon fallen erhöhte Kosten und weniger Einnahmen an: Kurzarbeit, die Kinder essen nicht mehr in der Schule, sondern zu Hause, erhöhte Nebenkosten, weil man viel mehr zu Hause ist. All das ist für Alleinerziehende oder Empfänger von Sozialhilfe schon schwer genug.

Die Schuldnerberatung der Caritas ist ein Angebot für Menschen, die durch Überschuldung in existenzielle Not geraten sind oder denen eine solche Situation droht. Ziel der Beratung ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Lebenssituation zu stabilisieren und ihre finanzielle Situation weitestgehend zu normalisieren.

Geteiltes Leid

Während man Raten immerhin stunden kann, bleibt Sucht einem erhalten. Da ist es gut, dass die Digitalisierung auch schon vor Corona Einzug gehalten hat. So kann Suchttherapeut Frisch nicht nur mit Arbeitsblättern arbeiten, sondern auch mit der „Cari App“. Vor gut einem Jahr hat die Caritas die App herausgegeben. Dort finden sich neben Tipps gegen den Suchtdruck und Adressen und Telefonnummern von Anlaufstellen auch Möglichkeiten Therapieziele festzuhalten und den Fortschritt zu überprüfen. So kann man die Not zumindest lindern.

Für die Therapeuten selbst ist die Situation durch die Corona bedingten Einschränkungen auch nicht einfach. Das hat aber auch einen Vorteil: Es verbindet. „Ich erzähle auch von meinen eigenen Schwierigkeiten“, sagt Frisch und führt weiter aus: „Weil wir alle unter der Situation leiden, erzeugt das eine gewisse Solidarität“.

Rote Linien

Positive Nebeneffekte hin und her. Die Beratung am Telefon bleibt ein Problem: „Die Gespräche werden flacher“, sagt Endres. Auch sind die Beratungen für sie deutlich anstrengender. „Am Telefon ist es deutlich schwieriger konzentriert zu bleiben“. Fast jeder von uns neigt dazu beim Telefonieren mal abzudriften, das geht natürlich bei einer Eheberatung nicht.

Bei alten Klienten, die er gut kennt, funktioniere die Telefonberatung aber insgesamt gut, sagt Frisch. Da erkennt er die Nuancen an der Stimme und er weiß wann er rote Linien überschreiten könnte. Denn Sucht ist manchmal mit Traumata verbunden und die kann man natürlich auf keinen Fall am Telefon besprechen. Da ist es gut, wenn man auf viel Erfahrung zurückgreifen kann: „Ich mache das seit 18 Jahren, da passiert viel intuitiv.“ Zu den neuen Klienten sagt er dann oft: „Es wird endlich Zeit, dass wir uns mal persönlich sehen“. Das wird mit Atemmaske zwar auch schwierig, aber sicherlich besser als nur zu telefonieren.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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