Trauer und Corona Bestattungen im Stream

29.03.2021

Seit dem zweiten Lockdown bietet Bestatter Andreas Freilinger Live-Übertragungen von Beerdigungen an und ist überzeugt, dass das Zukunft hat.

Das Bestattungsunternehmen überträgt Beerdigungen via Stream auf Smartphones und andere Geräte.
Das Bestattungsunternehmen überträgt Beerdigungen via Stream auf Smartphones und andere Geräte. © Imago/Rene Schulz

Einem verstorbenen Angehörigen nicht mehr das letzte Geleit geben können - das ist während der Corona-Pandemie trauriger Alltag geworden. Beerdigungen können oft nur im kleinsten Kreis stattfinden. Entferntere Verwandte oder Freunde dürfen nicht dabei sein. Umso wichtiger werden da digitale Möglichkeiten zu trauern. Andreas Freilingers Unternehmen „Abschied Bestattungen“ bietet seit einigen Monaten Live-Übertragungen vom Grab an.

mk online: Herr Freilinger, wie kamen Sie auf die Idee und wie läuft so eine digitale Beerdigung ab?

Andreas Freilinger: Momentan dürfen ja nur 25 Leute an Bestattungen teilnehmen, das reicht aber natürlich häufig nicht aus, da viele Bekannten- und Verwandtenkreise oftmals viel größer sind. Wir waren uns aber sicher, dass es funktioniert, wenn wir das live übertragen. Inzwischen bieten wir es kostenlos an, Bestattungen vom Gottesdienst an bis hin zum Grab, bis der Sarg dann abgesenkt wird und der Pfarrer das Grab ausgesegnet hat, im Livestream zu verfolgen. Dafür ist dann extra ein Mitarbeiter mit dabei der die Beerdigung mit einer Kamera begleitet.

Sie machen das mit den Livestreams jetzt seit dem zweiten Lockdown und haben schon ein bisschen Erfahrung - wie kommt das Angebot denn bei Ihren Kunden an?

Freilinger: Es ist natürlich etwas anderes, wie wenn man wirklich live dabei ist und eine Bestattung begleitet. Aber es ist zumindest ein kleiner Trost und man kann auch so seine Anteilnahme zeigen, indem man teilnimmt und wenn es auch nur vor dem Handy oder einem anderen Bildschirm ist.

Davor gab es für viele Menschen nahezu keine Möglichkeiten auf Beerdigungen im großen Kreis Abschied zu nehmen – inwiefern hilft die digitale Teilnahme da den Angehörigen?

Freilinger: Ich denke, das bedeutet den Menschen sehr viel. Wir gehen ja auf Bestattungen, weil sie ein Abschiedsritual für uns sind. Mit diesen Ritualen sind wir groß geworden, aber durch die Pandemie sind sie uns genommen worden. Der Mensch ist aber ein Gewohnheitstier und darum tut es vielen sehr gut, wenn sie wenigstens digital Abschied nehmen können.

Wird der Dienst bei jeder Beerdigung in Anspruch genommen?

Freilinger: Nein, nicht bei jeder. Man muss auch immer unterscheiden: Wenn jemand in betagtem Alter verstorben ist, dann hat er natürlich oft auch den Freundeskreis schon überlebt, da ist der Livestream dann gar nicht so gefragt. Aber wenn jetzt jemand einen großen Bekanntenkreis hat, dann sind die Angehörigen natürlich sehr dankbar, wenn es diese Möglichkeit gibt. Wir hatten inzwischen auch schon Bestattungen, bei denen bis zu 500 Teilnehmer an der Liveübertragung teilgenommen haben.

Ist die Anzahl der digitalen Teilnehmer wichtig oder würden Sie das auch machen, wenn nur fünf Zuschauer den Stream verfolgen?

Freilinger: Ich mache es auch für einen! Die Anzahl spielt überhaupt keine Rolle. Es geht da um jeden Einzelnen. Ich kann nicht sagen: Der eine interessiert mich nicht, mich interessieren nur hundert. Das wäre totaler Quatsch! Der Einzelne ist ausschlaggebend und wenn die Angehörigen sagen, es gibt da einen Onkel, der nicht außer Haus kann und der würde gerne den Livestream sehen, dann übertragen wir das.

Während der vergangenen Monate sind solche digitalen Angebote immer wichtiger geworden, aber wissen Sie schon, wie sie nach der Pandemie weitermachen?

Freilinger: Das ist ganz schwierig zu sagen. Ich denke, es kommt darauf an, wie lange der Lockdown und die ganze Pandemie noch dauert. Aber ich befürchte, dass es den ein oder anderen gibt, der auch in Zukunft vielleicht Angst vor Menschenansammlungen hat und darum werden wir auch in Zukunft diese Live-Übertragungen anbieten. Damit Menschen, die nicht auf eine Bestattung gehen wollen, weil sie Angst haben, sich zu infizieren, trotzdem die Möglichkeit haben, die Bestattung zu verfolgen.

Der Autor
Korbinian Bauer
Radioredakteur
k.bauer@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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